Kronach
Fasching

Kreis Kronach: Kult-Büttenredner Helmut Haagen sagt alle Faschings-Auftritte ab

Zu den Büttenabenden im Oberen Frankenwald gehört Helmut Haagen wie der Krapfen zur Faschingszeit. Heuer muss der Oblatenpater aus gesundheitlichen Gründen allerdings aussetzen.
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2015 überraschte Helmut Haagen die Narren  im Frankenwald als Weinkönigin. Foto: Archiv/Veronika Schadeck
2015 überraschte Helmut Haagen die Narren im Frankenwald als Weinkönigin. Foto: Archiv/Veronika Schadeck
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Die närrische Vergangenheit hängt am oberen Türscharnier. Wie ein Mobile klimpert die stattliche Faschingsorden-Sammlung, als Helmut Haagen sie von seiner Arbeitszimmertür abnimmt und kurz mustert. Ob porzellan-weiß oder silber-glänzend, ob an einer langen oder einer kurzen Schlaufe baumelnd - jeder einzelne Orden weckt ganze eigene Erinnerungen. An erste pointierte Reime in der durch Scheinwerfer aufgeheizten Bütt ebenso wie an kalte Füße während Faschingsumzügen.

Beide Hände braucht der 62-Jährige, um das klimpernde Erinnerungs-Bündel vorsichtig zurück an die Tür seines Arbeitszimmers zu wuchten. In den vergangenen Jahrzehnten sind so einige zusammengekommen. 25 Jahre ist es inzwischen her, dass der Oblatenpater erstmals einen Saal bunt-kostümierter Menschen zum Lachen brachte. Längst gehört er im Oberen Frankenwald so fest zu den Büttenabenden wie der Krapfen zur Faschingszeit.

Termine abgesagt

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Heuer muss der Fasching im Frankenwald allerdings auf seinen Krapfen verzichten. Krankheitsbedingt. Statt an den sieben geplanten Büttenabenden und einigen kleineren Veranstaltungen das Zwerchfell der Feierwütigen zu strapazieren, muss Haagen seinen eigenen Körper schonen - hat alle Termine abgesagt. Als überzeugter Faschingsnarr wohl zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Besser gesagt: als überzeugter Karnevalist.

Denn, dass es ihn bislang Jahr für Jahr in die Bütt zieht, haben die Narren im Kreis Kronach dem rheinischen Karneval zu verdanken. Nach vier Jahren am Abendgymnasium im nahe Düsseldorf gelegenen Neuss, verbrachte der gebürtige Nürnberger sieben weitere Sessionen in Mainz. Von einer Karnevals-Hochburg zur nächsten. "Erst in Düsseldorf hat mich die Begeisterung für den Fasching so richtig gepackt", erzählt er unserer Redaktion bei einem Besuch vor seiner Erkrankung.

Rothenkirchen: Die kleinen Narren lassen es krachen

Ob in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen, in Mönchengladbach oder in Köln: Mit den "Fidelen Klostermusikanten" aus dem Düsseldorfer Nikolauskloster war Haagen fortan auf zahlreichen Umzügen zu finden. "Da mussten wir uns teilweise zwei Stunden bevor es losgehen sollte, aufstellen - teilweise bei bis zu minus zehn Grad. Das ist nicht gerade angenehm."

Bis zu seiner ersten Büttenrede galt es allerdings, noch einige kalte Füße zu überstehen. Zurück in Franken zog es ihn 1994 in Steinberg erstmals als Redner auf die Faschingsbühne. Zur Jahrtausendwende übernahm Haagen dann als sogenannter Pfarradministrator die drei Pfarreien Pressig, Rothenkirchen und Posseck samt der dazugehörenden Filialen Welitsch, Gifting und Förtschendorf - wo er seitdem zur Faschingszeit sogar doppelt in der Bütt steht.

Zwergen-Kostüm

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Während in der Kirche bei Büttenpredigten (gereimte Predigten) noch das Geistige im Mittelpunkt steht, wird es in den Sitzungssälen spitzzüngiger. Sei es als grantelnder Fußballfan, Dirndl-tragende Weinkönigin oder Pfarrer auf der Suche nach einer Haushälterin.

Was auffällt: Ein Gag-Feuerwerk, das in alle Richtungen zielt, ist keine seiner Büttenreden. Viel lieber schlüpft der Mann mit den schulterlangen grauen Haaren und dem gleichfarbigen Schnauzbart, der auch Handball-Legende Heiner Brand alle Ehre machen würde, in eine konkrete Rolle. "Das muss eine Person sein, die in den Orten bekannt ist. Als ich mich 2015 als Weinkönigin verkleidet habe, hat das ja auch nur deshalb so gut funktioniert, weil die Geschichte rund um Pressig allen bekannt war", erzählt er und spielt auf ein zurückliegendes Weinfest an.

Zwischen brünette und blonde Damen hatte sich plötzlich auch ein grauhaariger Pater gemischt, um sich als Weinkönigin zur Wahl zu stellen. "Mit der Begründung ,Kurvenmanipulation‘ haben sie mich aber disqualifiziert", erinnert er sich schmunzelnd.

Dieses Jahr hätte er das Dirndl gegen ein Zwergen-Kostüm getauscht. Als Eila-Zwerg habe er erzählen wollen, was ihn aus dem Staffel- in den Eila-Berg gezogen hat und weshalb der Pressiger Gemeinderat, der es auf seinen Schatz abgesehen hat, gegen ihn chancenlos ist.

Ein laufender Prozess

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Wie er auf seine Ideen kommt? "Ach, das passiert ganz spontan. Ich habe zufällig einen Ausschnitt aus einem der Zwergen-Filme von Otto Waalkes gesehen, dann habe ich mich an die Sage mit den Zwergen aus dem Staffelberg erinnert und schon habe ich angefangen zu überlegen und zu reimen." Was folge, sei ein Prozess. Stück für Stück, Idee für Idee ergänze sich die Rede. "Das kann zwischen einem halben und einem dreiviertel Jahr dauern."

Diesmal habe sie zu großen Teilen bereits Ende des vergangenen Jahres festgestanden - und das, obwohl er auf Hilfe aus dem Internet verzichten musste. Natürlich habe er es sich leichter machen wollen, und schauen, ob ihm der Datenstrom nicht einige Zwergenwitze ins Netz treibt. "Aber die konnte ich nicht nehmen", erzählt Haagen. "Die waren alle zu versaut."

Pointen müssen bei ihm nämlich zwei Kriterien erfüllen. Erstens: Sie dürfen niemanden verletzten. Zweitens: Platt sollten sie auch nicht sein.

Dass ihm beides gelingt, hat er in den vergangenen Jahren oft genug bewiesen. "Ich will den Menschen einfach Freude bereiten", sagt der 62-Jährige, was ihn immer wieder neue Ideen finden lässt. "Außerdem treffe ich bei Büttenabenden auch mal ganz andere Leute als die, die sonntags immer in die Kirche kommen. Dadurch erreiche ich viel mehr Menschen."

Freud und Leid

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Das Argument, die Funktionen Büttenredner und Geistlicher würden nicht zusammenpassen, weist er entschieden von sich. "Freud und Leid gehören beide zum Leben dazu", betont Haagen und zitiert Theresa von Avilar. "Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten, dann Fasten", soll die Ordensfrau aus dem 16. Jahrhundert, die in der katholischen Kirche als Heilige und Kirchenlehrerin verehrt wird, einmal gesagt haben. Nach dem Motto: alles zu seiner Zeit. Und jetzt ist Rebhuhn-Zeit. Helau!

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