Kronach
Versorgung

Der Onkel Doktor wohnt hier nicht mehr: Wege aus dem Hausarzt-Desaster in Franken

Einst waren Hausarztstellen auch in ländlichen Regionen begehrt - doch solche Zeiten sind längst vorbei. Städte und Gemeinden sind nun gezwungen, innovative Wege zu gehen. Ein Blick in den Kreis Kronach.
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Wallenfels ist Vorreiter beim Einsatz der sogenannten Telemedizin  - und hofft aus diesem Grund darauf, das Interesse junger Allgemeinmediziner zu treffen. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Wallenfels ist Vorreiter beim Einsatz der sogenannten Telemedizin - und hofft aus diesem Grund darauf, das Interesse junger Allgemeinmediziner zu treffen. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Auf den Kreis Kronach rollt eine riesige Welle zu. Eine Rentenwelle. Knapp über 56 Prozent der in der Region niedergelassenen Hausärzte sind mindestens 60 Jahre alt. Die Folge: In naher Zukunft dürften gleich mehrere ihre Praxis aufgeben. Und Nachfolger sind nicht wirklich in Sicht. "Früher waren diese Arztsitze sehr begehrt", weiß der Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn (CSU). "Ich glaube, das wird sich ändern."

Allein von den Zahlen her könne der hausärztliche Nachwuchs diese Lücken nicht füllen. Daher müsse sich jede Gemeinde Gedanken über die Formen machen, in der eine hausärztliche Versorgung zukünftig stattfinden kann.

Von einem Modell müsse man sich allerdings wohl verabschieden: Dem selbstständigen Arzt - dem klassischen Onkel Doktor. "Das wird in der Zukunft nicht mehr funktionieren", meint Korn. "Eigentlich funktioniert es schon jetzt nicht mehr."

Andere Faktoren

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Das bestätigt das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). In den vergangenen Jahren sei "eine deutliche Zunahme der angestellten Hausärzte bayernweit und auch bundesweit zu beobachten", teilt LGL-Pressesprecher Aleksander Szumilas auf FT-Anfrage mit. Von den Ärzten, die 2017 in Bayern begannen, in einer Praxis zu arbeiten, entschieden sich nach Angaben des Landesamts 59,5 Prozent für ein Angestelltenverhältnis. Bundesweit waren es sogar 63,7 Prozent.

Das liege auch daran, dass es inzwischen vor allem Frauen sind, die ein Medizinstudium abschließen, vermutet Korn. "Und deren Lebensplanung ist von ganz anderen Faktoren abhängig." Eine Familie zu gründen falle in der Selbstständigkeit oft schwer. Wegen der sich nähernden Renteneintritte sieht er sogar "einen echten Veränderungsdruck. Da muss sich grundlegend etwas ändern". Daher gelte es Strukturen zu schaffen, in denen Mediziner als angestellte Hausärzte arbeiten können. "Damit tragen wir der Realität Rechnung. Das wird der Weg der Zukunft sein." Derzeit führe er daher erste Gespräche mit den unterschiedlichsten Partnern, mit denen eine solche Lösung möglich wäre.

Für Ludwigsstadt hat diese Aufgabe inzwischen die Erlanger Agentur "MiG - Management im Gesundheitswesen" übernommen. Schon vor Jahren habe er sich des Themas angenommen, sich dann irgendwann aber im Kreis gedreht, erzählt Ludwigsstadts Bürgermeister Timo Ehrhardt (SPD).

Akuter Bedarf

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Der Stadtrat habe sich daher dazu entschieden, MiG einzusetzen, um die ärztliche Versorgung in Ludwigsstadt sicherzustellen. "Wir versuchen also wirklich alles, um hier eine Möglichkeit zu finden", sagt Ehrhardt. "Denn das Thema Ärzte ist auch ein wichtiger Standortfaktor."

Um zu erfahren, welche Faktoren für die Ärzte wichtig sind, hat die Stadt zusammen mit der Agentur Briefe an Ärzte verschickt. Die Rückmeldungen hätten unter anderem ergeben, dass es neuer Strukturen bedürfe. "Den typischen Landarzt werden wir so schnell nicht mehr finden", pflichtet Ehrhardt seinem Wallenfelser Kollegen bei. Auf ihrer Internetseite weißt die Stadt entsprechend darauf hin, dass selbstverständlich auch eine Teilzeitanstellung möglich sei.

Und der Bedarf in Ludwigsstadt ist akut: Weil eine Hausarztpraxis derzeit nur durch Vertretungen aufrechterhalten wird und der zweite Arzt auf die Rente zusteuert. Noch für dieses Jahr sucht er einen Nachfolger. Deshalb sei die Stadt für alle Optionen offen, sagt Ehrhardt. Auch für die Möglichkeit, dass Ärzte als Angestellte arbeiten: "Und wenn es dazu kommen würde, dass die Kommune am Ende selbst ein Medizinisches Versorgungszentrum gründen muss, dann sind wir gewillt, das zu machen."

Ungelegen käme ein neuer Arzt auch in Wallenfels nicht. Seitdem Rolf Staffeldt im November 2017 seine Praxis schloss, ist die Kommunale Landarztpraxis "Stutz & Voit" in der Flößergemeinde die einzige Anlaufstelle, wenn Patienten den Rat eines Hausarztes einholen wollen.

Allerdings hat Staffeldt seine Zulassung nicht niedergelegt, sondern nur ruhen lassen (wir berichteten). Im Versorgungsatlas (siehe Infokasten) der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) wird er deshalb nach wie vor als niedergelassener Arzt geführt. Wie es konkret mit Staffeldts hausärztlicher Zulassung weitergeht, könne derzeit noch nicht abschließend gesagt werden, teilt KVB-Pressesprecherin Birgit Grain mit Der zuständige Ausschuss habe aber inzwischen mit dem Arzt Kontakt aufgenommen, um den Sachverhalt zu klären.

Was theoretisch möglich ist

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Auswirkungen auf einen möglichen neuen Arzt habe die Situation aber nicht. Anders als noch vor einem Jahr ist der Versorgungsgrad im für Wallenfels zuständigen Planungsbereich Kronach-Süd von 109,5 Prozent auf 108,8 Prozent gefallen - was bedeutet, dass statt einer halben theoretisch wieder 1,5 Arztstellen angesiedelt werden könnten. Interessierte Hausärzte können sich also wieder an die KVB-Bezirksstelle Oberfranken wenden.

"Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn wir noch jemanden fänden, der voll nach Wallenfels geht und seine eigene Praxis gründet", sagt Korn. "Aber diese Hoffnung habe ich inzwischen aufgegeben." Es helfe nicht, der Vergangenheit nachzutrauern: "Wir müssen einfach Lösungen für die Zukunft schaffen."

Der Landkreis gilt nicht als überversorgt



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