Kronach
Wissenschaft

Kreis Kronach: Der heißen Erde auf der Spur

Messungen zeigen eine ungewöhnlich hohe Temperatur in der Tiefe unter Teilen Oberfrankens. Derzeit untersuchen Forscher die Anomalie auch im Kreis Kronach mit spezieller Sensorik.
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Daniel Günther mit einem Seismographen. Foto: Sebastian Schanz
Daniel Günther mit einem Seismographen. Foto: Sebastian Schanz
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Das Große Mausohr gilt gemeinhin als die schwerste in Deutschland vorkommende Fledermausart. Zwischen 40 und 50 Gramm bringen die Tiere auf die Waage. Daniel Günthers Fledermäuse wiegen 16 Tonnen. Gleich fünf Stück dieser Riesen-Exemplare hat er in den Kreis Kronach mitgebracht - die allerdings nicht wie Fledermäuse auf über 160 Kilometer pro Stunde beschleunigen können. 25 km/h sind das Maximum.

Kein Wunder, schließlich handelt es sich bei Günthers Fledermäusen nicht um fliegende Säugetiere, sondern um äußerst ungewöhnliche Lastwagen mit schulterhohen Reifen. Größer könnte ein Unterschied wohl kaum sein. Ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen ist es trotzdem nicht, denn eines eint beide: Ultraschall.

Kitzelnde Fußsohlen

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Mit ihren Schreien, deren Frequenzen das menschliche Ohr nicht wahrnehmen kann, bilden sich Fledermäuse ein Bild von ihrer Umgebung. Stößt eine Schallwelle an ein Hindernis wie einen Baum, wird diese reflektiert und gibt dem Tier die Information, wie weit das Objekt noch entfernt ist.

Nichts anderes machen Daniel Günthers Lastwagen. Der einzige Unterschied: Sie schicken die Schallwellen in den Boden.

Gemächlich rollen drei der fünf Fahrzeuge über einen Feldweg bei Hain/Weides in Richtung Wildenberg, ehe sie an einer roten Fahne stehen bleiben. Aus ihrem Bauch senken sich flache Platten auf den Schotter. Gelbe Warnleuchten blinken. Dann ertönt ein wummerndes Geräusch und der Boden scheint zu vibrieren. Es kitzelt an den Fußsohlen. "Die Schallwellen gehen bis zu zwölf Kilometer tief, also durch die obersten Schichten des Erdkörpers. Dort, wo die Steine sich ändern, bekommt man eine Reflektion. Genau dieses Schallbild bilden wir ab. Das ist ähnlich wie beim Arzt mit dem Ultraschallgerät", nennt Günther einen weiteren Vergleich. Sein Beruf: Geophysiker.

15 Grad wärmer

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Die Platten werden wieder nach oben gezogen. Die Lkw rollen weiter. Zur nächsten Fahne. Alle zwölf Meter steckt ein zehn Zentimeter großes Seismophon im Boden, das Erdbeben hörbar macht - und damit auch die Vibrationen der Rüttel-Wagen. An der Markierung vorbei verlaufen Kabel entlang des gesamten Ackers und bündeln sich an einem Lastwagen mit großer Antenne. Darin blickt Günther auf sechs Bildschirme. Damit vermessen er und sein italienisches Forscherteam den Boden. Denn was da unter der Erdoberfläche schlummert, stellt die Forscher vor ein Rätsel.

Die Temperatur tief in den Gesteinsschichten ist zwischen Bamberg und Coburg ungewöhnlich hoch. 40 Grad Celsius wären 1000 Meter unter der Erde normal - 55 Grad sind es unter Mürsbach (Landkreis Bamberg). Neu ist diese Erkenntnis nicht. Die ungewöhnlich warme Erde fiel erstmals auf, als Anfang der 70er Jahre versucht wurde, dort einen unterirdischen Gasspeicher zu errichten. "Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde ja auch die Therme in Bad Staffelstein gebohrt", erzählt Wolfgang Bauer vom Lehrstuhl für Geologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Er beschäftigte sich einst in den 90er Jahren für seine Doktorarbeit mit dem Thema und leitet nun das Mess-Projekt, das er zusammen mit dem Geozentrum Nordbayern vorantrieb und dessen Kosten in Höhe von 2,1 Millionen Euro komplett das Bayerische Wissenschaftsministerium trägt. Denn weshalb es in Oberfranken diese warmen Quellen gibt, ist auch gut 50 Jahre nach ihrer Entdeckung noch immer unbekannt. "Geothermie war damals kein Thema, da dachte man nur an Atomkraft, Kohle und Erdgas", sagt Bauer.

Mit dem Wandel hin zu den erneuerbaren Energien wurden plötzlich auch Bauers alte Daten wieder interessant. "Ich habe mir die Ergebnisse näher angeschaut und gemerkt: Da ist irgendwas im Untergrund." Wissenschaftlich spricht er von einer Wärme-Anomalie, die sich über eine Fläche von rund 4000 Quadratkilometern erstreckt. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, "das Ganze mal tiefergehend zu untersuchen und zu schauen, ob man mit der Wärme etwas anfangen kann", sagt Bauer. "Zum Beispiel die Beheizung von Gebäuden oder Städten."

Den Auftrag für die Messungen hat die Universität an Günthers Arbeitgeber, die Firma GGD Geophysik, vergeben - die daher mit ihren Rüttelwagen quer durch Oberfranken und zum Teil auch Unterfranken unterwegs ist (siehe Grafik). Von Burgkunstadt aus startete Günthers Forscherteam am Donnerstag mit seinen XXL-Fledermäusen in Richtung Kronach. Nach Stationen in Hain, bei Wildenberg und Weißenbrunn sollen die Messungen im Kreis Kronach am heutigen Freitag kurz vor Fischbach enden. "Mit den Rüttelwagen sind wir nur auf Wegen und Straßen außerhalb von Ortschaften unterwegs", sagt Günther. "Die Messkabel verlaufen allerdings gradlinig zur Messtrasse."

Vier Messlinien mit einer Gesamtlänge von 215 Kilometern haben Bauer und sein Team in einem Doppelkreuz quer durch Oberfranken gezogen. Der Landkreis Kronach wird von sogenannten erweiterten Geophonlinien getroffen - was allerdings nicht bedeutet, dass hier andere Messungen stattfinden. "Das sind die gleichen wie an den anderen Stellen. Bei den Erweiterten war nur nicht klar, ob das Budget bis dorthin reicht", erklärt der 39-Jährige.

Komplizierte Analyse

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Die genauen Strecken für die Vibro-Trucks wurden vorher mit den betroffenen Gemeinden und Anliegern abgesprochen, betont Jochen Schneider, Sprecher der Planungs-Firma Enerchange. Mit Fracking haben die Untersuchungen nichts zu tun, wehrt sich Bauer gegen einen Vorwurf, den er öfter hören muss. Fracking-Gase gebe es hier nicht, sagt der Geologe.

Bis Mitte Dezember sollen auch die letzten Messungen im Bereich zwischen Haßfurt (Kreis Haßberge) und Stegaurach (Landkreis Bamberg) abgeschlossen sein. Dann geht es für die Wissenschaftler an die Detailarbeit: an die komplizierte Analyse der Datenberge.

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