Kronach
Notfälle

Deshalb kommt es für Rettungskräfte nicht nur aufs Tempo an

Wenn sich Rettungskräfte auf den Weg zu einem Notfall machen, muss es schnell gehen. Doch das hat nicht die oberste Priorität - es gibt schließlich noch die anderen Verkehrsteilnehmer.
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Bei Fahrten mit Blaulicht ist bei Rettungskräften höchste Vorsicht geboten. Denn eine schnelle Rettungsgasse bilden andere Verkehrsteilnehmer nicht immer. Symbolbild: NEWS5/Grundmann
Bei Fahrten mit Blaulicht ist bei Rettungskräften höchste Vorsicht geboten. Denn eine schnelle Rettungsgasse bilden andere Verkehrsteilnehmer nicht immer. Symbolbild: NEWS5/Grundmann

Mit etwa 120 Dezibel tönt das Martinshorn durch die Straße - was eigentlich ausreichen sollte, um wahrgenommen zu werden. Rockkonzerte erreichen eine ähnliche Lautstärke. Die Reaktion: keine. Obwohl gleichzeitig auf dem Dach die beiden fleißig kreisenden Lichter ein kräftiges Blau in das Dunkel der Nacht mischen.

Stur fährt das Auto weiter. Ohne Anstalten, etwas weiter nach rechts zu fahren, um so ausreichend Platz zum Überholen zu bieten. Den fast drei Meter hohen Rettungswagen mit den markanten orangefarbenen Streifen an der Seite scheint der Fahrer nicht zu sehen. Scheint! Dann bleibt er stehen. Unvermittelt. In einer Kurve. "Das ist wirklich meine Lieblingssituation", sagt Martin Schmidt in einem Tonfall, in dem die Ironie mit jeder Silbe zu hören ist.

In den Straßengraben

Besonders oft sei eine solche Situation in der Kurve bei Ruppen kurz vor Marktrodach zu beobachten. "Da beginnt man dann zu pokern. Wenn ein Pkw entgegenkommt, kommt man gerade noch so durch. Kommt aber ein Lkw, hat man verloren", erzählt der Leiter des Rettungsdienstes im Kronacher Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). "Ich denke dann immer, dass der Fahrer das absichtlich wegen mir gemacht hat."

Immer wieder geraten die BRK-Sanitäter in derartige Situationen. 15 Jahre steuerte auch Schmidt die Rettungswagen über die Straßen des Landkreises. Seitdem er vor rund zehn Jahren die Leitung des Rettungsdienstes übernahm, fährt er nur noch bei größeren Einsätzen dorthin, wo jemand nur wenige Minuten zuvor mit meist zittrigen Fingern die Ziffern 112 ins Telefon getippt hat.

Doch so sehr die Rettungskräfte an den Orten erwartet werden, an denen die Notrufe abgesetzt wurden. So langsam die Zeit dort vergehen mag und sich Sekunden wie Jahre anfühlen: Die Geschwindigkeit steht nur an zweiter Stelle. "So blöd es auch klingt: Ein toter Sanitäter ist ein schlechter Sanitäter!", betont der 52-jährige Rettungsdienstleiter. "Ankommen ist das Wichtigste. Da ist man dann lieber mal 30 Sekunden später da als gar nicht."

Man müsse immer damit rechnen, dass die anderen Verkehrsteilnehmer nicht so reagieren, wie sie es in der Fahrschule eigentlich einmal gelernt haben, wenn sich von hinten ein Fahrzeug mit Blaulicht nähert. "Die fahren immer ganz anders. Das stellen wir immer wieder fest", sagt Schmidt. "Manche geraten wirklich in Panik. Die wollen zur Seite, was sie dann aber nicht richtig können. Und dann ist alles vorbei und sie reagieren völlig konfus."

Was der BRK-Rettungsdienstleiter beschreibt, hat auch Horst Böttcher schon mehrfach erlebt. "Da passieren die übelsten Sachen", sagt der Dienstgruppenleiter der Polizeiinspektion Kronach. Während die einen auf der Fahrbahn anhalten, fahren andere ihr Auto in den Straßengraben.

Dabei sei es das Beste, einfach weiterzufahren und eine Gasse zum Überholen zu bilden. "Wir müssen die Verhaltensweisen der übrigen Verkehrsteilnehmer immer mit einbeziehen. Irgendwann hat man die Erfahrung und weiß, dass da einer fährt, der gerade total überfordert ist und richtig Stress hat."

Kein Führerschein, keine Chance

Fahrten mit Blaulicht und Martinshorn seien nervlich deutlich belastender, als wenn man sich durch den gewohnten Straßenverkehr kämpfen würde. Angehende Beamte darauf vorzubereiten, ist daher auch ein wichtiger Teil der Ausbildung. Wer keinen Führerschein hat, hat ohnehin keine Chance auf eine Ausbildung bei der Polizei. Auf der Polizeischule warten dann interne Fahrsicherheitstrainings. Unter anderem solche, wie sie auch der ADAC anbietet, um mit sämtlichen Witterungssituationen bestmöglich klarzukommen.

Doch wie beim BRK gilt auch bei der Polizei: Nicht so schnell wie möglich ankommen, sondern möglichst sicher. Weshalb in der Ausbildung auch genau gezeigt wird, wie das gelingt. "Trotz des Zeitdrucks muss man immer soviel Abstand halten, dass man jederzeit reagieren kann, damit man niemandem drauf fährt", erklärt Schmidt. Bei Ampeln sei es ratsam, kurz stehenzubleiben, zu schauen, ob auch jeder mitbekommen hat, dass ein Rettungswagen unterwegs ist und sich dann langsam über die Kreuzung zu tasten.

Mobiler Simulator

Ein Vorgehen, das den rund 70 hauptberuflichen Kronacher BRK-Rettungskräften ebenso wie das vorausschauende Fahren Jahr für Jahr eingeimpft wird. Nicht, weil sie es etwa vergessen haben. Weil es Vorschrift ist. "Es gibt zwar keine gesetzliche Verpflichtung aber eine Verordnung der Berufsgenossenschaft", erklärt Schmidt. "Denn der Rettungswagen gilt als unser Werkzeug, und das muss jährlich unterwiesen werden."

Die 30 bis 40 ehrenamtlichen Rettungshelfer des BRK haben die Möglichkeit, an Trainings teilzunehmen, die der BRK-Bezirksverband anbietet. In Erding (Oberbayern) gibt es zudem einen Simulator, in dem Blaulichtfahrten trainiert werden können. Außerdem macht hin und wieder ein mobiler Simulator in der Region Halt, zu dem Schmidt seine Sanitäter dann schickt. Damit sie genau wissen, wie sie zu reagieren haben, wenn wieder mal ein Autofahrer meint stehenbleiben zu müssen. Unvermittelt. In einer Kurve.

Unfälle liegen im Promillebereich

Unfälle: Die Sicherheitstrainings von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst scheinen sich auszuzahlen. Obwohl die Unfallgefahr bei Einsätzen sicher höher ist, liegt die Zahl der Unfälle im Promillebereich. "Dafür, dass wir 5000 Einsätze mit Blaulicht pro Jahr haben, haben wir so gut wie keinen Unfall", freut sich der Kronacher BRK-Rettungsdienstleiter Martin Schmidt. Manchmal fliege einer der Seitenspiegel weg, aber ansonsten würden die Einsätze vergleichsweise ruhig verlaufen. Der letzte Unfall, an dem ein BRK-Rettungswagen beteiligt war, sei Anfang 2017 gewesen. "Da war es frühmorgens noch dunkel und etliche Schüler unterwegs, als ein Auto links abgebogen ist, unser Fahrzeug aber noch links überholen wollte", erklärt Schmidt.

Statistik: Weil Unfälle, an denen Einsatzfahrzeuge beteiligt sind, als normale Unfälle in die Statistik einfließen, gebe es keine genauen Zahlen, heißt es aus dem Polizeipräsidium Oberfranken. "Im Verhältnis zu der Zahl der Einsätze würde ich aber auch sagen, dass die Zahl der Unfälle vergleichsweise gering ist", sagt Polizei-Pressesprecher Jürgen Stadter.

 



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