Kronach
Gericht

Kleinkrieg im Gegenverkehr bei Kronach

Im Streit um das Ausweichen in einer Engstelle verprügelte ein 34-Jähriger aus dem Kreis Kronach seinen Kontrahenten. Das Urteil fiel relativ mild aus.
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Ein Schlag auf die Nase seines Kontrahenten brachte einen 34-Jährigen aus dem Landkreis Kronach vor Gericht.  Symbolfoto: Christopher Schulz
Ein Schlag auf die Nase seines Kontrahenten brachte einen 34-Jährigen aus dem Landkreis Kronach vor Gericht. Symbolfoto: Christopher Schulz

Es war eine Situation, in die jeder Autofahrer täglich geraten kann. Eine Engstelle, in der beide Fahrzeuge nur mit vorsichtigem Rangieren aneinander vorbeifahren können. Kein Problem bei gegenseitiger Rücksichtnahme. Pech, wenn man dabei auf einen äußerst aggressiven Fahrer trifft.

Regelrecht ausgeflippt ist im Januar 2017 ein heute 34-jähriger Mann aus dem Landkreis Kronach, als ihm im Begegnungsverkehr in einem Waldstück in der Nähe des Marktrodacher Tierheims ein heute 52-jähriger Vater aus dem Landkreis Lichtenfels entgegen kam. Der soll dem Angestellten, als es eng auf dem Weg wurde, einen Schlag ins Gesicht verpasst und ihn beleidigt haben. Seit Mitte 2018 musste sich das Kronacher Amtsgericht mit dem einstigen banalen Verkehrsereignis beschäftigen. Ein Ende fand das lange Tauziehen mit einem Urteil nun am Donnerstag mehr als ein Jahr später.

Geldstrafe und Schmerzensgeld

Das Ergebnis: Richter Christoph Lehmann verurteilte den Arbeitslosen am Donnerstag zu einer Geldstrafe von 600 Euro wegen Körperverletzung und Beleidigung sowie zu einem Schmerzensgeld von 150 Euro, zu zahlen an den Geschädigten. Der Grund für das relativ milde Urteil: Ein medizinischer Sachverständiger hatte dem Angeklagten im Gerichtssaal eingeschränkte Schuldfähigkeit aufgrund einer paranoiden Persönlichkeitsstörung attestiert. Der Gutachter schlug unter anderem vor, den Angeklagten zukünftig unter Betreuung zu stellen.

Der Angeklagte und der Geschädigte waren damals in der Engstelle zufällig aufeinander getroffen. Nach einer kurzen verbalen Auseinandersetzung, wer am bequemsten ausweichen könnte, soll der Angeklagte ausgestiegen sein und seinem älteren Kontrahenten nach einer Beschimpfung mit "Hurensohn" einen Schlag auf die Nase verpasst haben. Ein weiterer Fahrzeuglenker, der ebenfalls knapp hinter den beiden Kontrahenten mit seinem Wagen stand und das aggressive Geschehen beobachtete, alarmierte die Polizei.

Polizeibeamte angezeigt

Einige Zeit nach dem Vorfall hatte der Angeklagte dann Polizeibeamte unbekannten Aussehens angezeigt wegen eines Übergriffes, welcher Monate vor der Waldgeschichte geschehen sein soll. Er bezichtigte mindestens einen der Gesetzeshüter, dass dieser ihn bei einer Personenkontrolle ihn auf den Boden geworfen und absichtlich an den Genitalien befummelt haben soll. Er verdächtigte den Beamten des sexuellen Missbrauchs.

Rückblick: Schon im August 2018 sollte sich der Angeklagte vor dem damaligen Richter Hendrik Wich verantworten. Das Verfahren musste jedoch abgebrochen werden, da der bereits damals aggressive Angeklagte vehement und lautstark gefordert hatte, dass der Prozess wegen seines Ausmaßes vor dem Landgericht Coburg verhandelt werden müsste.

Erneut forderte der 34-Jährige nun auch am Donnerstag die Verhandlung wegen seiner Brisanz an die nächste höhere Instanz, also an das Landgericht zu verweisen. Er begründete, dass die beiden Anklagen aus sachlichen und rechtlichen Gründen nicht zusammen verhandelt werden könnten. Zudem kämen demnächst seinerseits zusätzliche Schadensersatzansprüche wegen Rufschädigung hinzu.

Der Richter versuchte zu besänftigen, unter anderem mit: "Ich will Ihnen nichts Böses. Ich halte mich für zuständig ...". Nach langen Vorträgen des Angeklagten über seine angeblichen ausgiebigen juristischen Kenntnisse stimmte der aufgebrachte Angeklagte, der von Gerichtswachtmeistern beobachtet wurde, zu: "Ich beantrage die Widerklage". Einen Anwalt, der als Pflichtverteidiger von der Justiz bestellt wurde, lehnte er ab, da dieser nicht vertrauenswürdig und nicht kompetent genug sei.

Schlag bestritten

Eine Stunde lang berichtete der Angeklagte aufgebracht und mit fahrigen Händen und glänzendem Blick, was damals im Wald geschehen war. So habe sein Kontrahent von ihm gefordert, auf eine Ausweichspur zu fahren mit: "Weil ich einen Mercedes fahre, habe ich Vorfahrt", habe dieser behauptet. Da er das nicht tun wollte, sei dieser ausgestiegen und habe ihn fotografiert. Zwar habe man sich gestritten, zugeschlagen habe er nicht.

Die beim Arzt später festgestellte Rötung an der Nase habe sich der Geschädigte selber beigebracht, um ihn zu belasten. Dann habe sich dieser im Ermittlungsverfahren mit anderen nicht neutralen Zeugen und der Polizei "zusammengerottet". "Es gab eine bandenmäßige Absprache."

Zum weiteren Vorwurf erklärte der Angeklagte, dass ihn die Polizeibeamten einige Monate zuvor, als er laut mit sich selbst redend mehrmals um einen Häuserblock gelaufen sei, ohne Vorwarnung zu Boden geworfen hätten. Ein Polizist habe ihn dann drei Mal an die Genitalien gefasst, trotz seiner Aufforderung: Fassen Sie mich da nicht an.

Der 34-Jährige weiter: "Ich weiß, dass es ihm Spaß gemacht hat, was sollte ich denn dort verstecken? Ich finde es heute noch widerlich". Auf Nachfrage des Gerichts, wie der Beamte aussah, erklärte der Angeklagte mürrisch: "Keine Ahnung ..."

Sachlich schilderte der 52-jährige Geschädigte die einstigen Vorfälle im Wald. So sei der Angeklagte gleich sehr aufbrausend gewesen. Schließlich habe der ihn auf die Nase geschlagen und habe ihn beschimpft. "Ich konnte gerade noch ausweichen, sonst wäre noch mehr passiert." Seine kleine Tochter im Wagen habe ihn später gefragt: "Papa, was ist denn ein Hurensohn?".

Paranoides Verhalten

Dem Zeugen, der die Vorgehensweise des Geschädigten weitgehend bestätigte, und einem Polizeibeamten, hielt der Angeklagte schreiend vor: "Alles bandenmäßige Absprachen, alles Lügen. Es liegen schwerwiegende Ermittlungsfehler vor."

Der medizinische Sachverständige erklärte in seinem Gutachten hinsichtlich des Angeklagten weiter: Der Angeklagte könne seine Gedanken und Affekte nicht kontrollieren. Der habe ein paranoides Verhalten und paranoide Gedanken, dabei verdächtige er ständig andere Leute. Selbst auf banale Konfliktsituationen könne er nicht adäquat reagieren. "Man sollte mit ihm nicht in Streit geraten", riet der Gutachter.

Staatsanwältin Julia Haderlein hatte neben einer Geldstrafe von 650 Euro für den Angeklagten auch ein dreimonatiges Fahrverbot gefordert. Der Angeklagte regierte ungefragt: "Ich verbitte mir das Fahrverbot."

In seinem Urteil erklärte der Richter, dass alle Zeugen glaubwürdig gewesen seien. Der Angeklagte hingegen habe jedoch während deren Befragung nur in notorischer Weise infrage gestellt.

Strafmildernd wertete der Richter, dass der Angeklagte aufgrund seiner Erkrankung eingeschränkt schuldfähig und noch nicht vorbestraft sei. Das Verfahren gegen den Polizeibeamten wurde eingestellt.

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