Kronach
Diskussion

Jetzt red i: Kreis Kronach zwischen Gasgeben und Bremsen

Im Kronacher Schulzentrum wurde am Mittwochabend eifrig über den Landkreis diskutiert. Die Sendung "Jetzt red i" machte dort Station.
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Die Fernsehsendung "Jetzt red i" war zu Gast in Kronach. Foto: Marian Hamacher
Die Fernsehsendung "Jetzt red i" war zu Gast in Kronach. Foto: Marian Hamacher
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Ein attraktiver Lebensraum, eine Zukunftsregion im Aufwind oder doch infrastrukturell abgehängt und demografisch gebeutelt? Was ist der ländliche Raum in Bayern denn nun? Und was ist im Besonderen der Landkreis Kronach? Fragen, denen die Sendung "Jetzt red i" des Bayerischen Rundfunks am Mittwochabend in einer 45-minütigen Live-Übertragung auf den Grund gehen wollte.
Der Diskussion stellten sich von politischer Seite Finanz- und Heimatminister Albert Füracker (CSU) und der Landesvorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger. Sie bezogen ihre Positionen ähnlich differenziert wie die Diskussionsteilnehmer im Publikum.


Wo es hakt, wo es gut läuft

Da waren Stimmen zu hören, die dem Frankenwald massive Probleme nachsagten. Straßenbau, Ärzteversorgung, Internet, Öffentlicher Nahverkehr, bürokratische Hürden und das Nachtleben wurden von ihnen genannt. Andere fühlen sich pudelwohl hier.
Sie sprachen die gute Arbeitsmarktlage und die Lebensqualität an, gingen auf das gestiegene Selbstbewusstsein der Region ein und auch darauf, dass sich in der jüngeren Vergangenheit schon viel zum Positiven verändert habe.
Manfred Drechsler erzählte von seiner Tochter, die aus der Region weggezogen ist und wegen "besserer Entfaltungsmöglichkeiten" nicht mehr aus dem Nürnberger Ballungsraum zurückkehren will. Wenn Mobilfunknetze und Breitband in der Region hinterherhinken und "grüne Energien" nicht vorangebracht werden, wird es seiner Ansicht nach schwer für den Landkreis, bei jungen Menschen als zukunftsträchtiger Wohnort wahrgenommen zu werden.


Super Gegend - mit Abstrichen

Der aus Düsseldorf zugezogene Stefan Stang fand: "Es ist super hier". Trotzdem sah er ein großes Problem. "Für junge Leute ist nichts da", ging er auf den Wohnungsmarkt ein. Stefan Schwarz bemängelte die Situation beim Öffentlichen Personennahverkehr - nicht nur im Landkreis, sondern im gesamten Bezirk. Er regte ein kostengünstiges Oberfranken-Ticket an. Gerade für Pendler wäre das ein Segen.


Problempunkt Verkehr

Mehrere Zuschauer schimpften über die schlechte Verkehrsanbindung des Landkreises. Vor allem die zögerliche Entwicklung beim Ausbau der Bundesstraße 173 war ihnen ein Dorn im Auge. Frank Hammerschmidt ging darüber hinaus auch auf seiner Ansicht nach zu langsame Entwicklungen bei Ortsumgehungen, dreistreifigen Ausbaumaßnahmen und besseren Verbindungen nach Thüringen ein.
"Kann das Land das Gleiche bieten wie eine Millionenstadt?", fragte Moderator Tilmann Schöberl. Die Antwort gab ihm Großstadt-Rückkehrer Christian Stöcker: "Anders, aber ja!" Um die Zukunftsthemen angehen zu können, brauche es allerdings finanzielle Starthilfe.

Rainer Kober wies auf einen Wandel hin: "Wir sind aus einer depressiven Haltung in eine Aufbruchstimmung gekommen!" Die Leute hätten ihre Komfortzonen verlassen, um etwas zu bewegen. Mit Blick auf "Kronach leuchtet" regte er eine Lichtakademie an. Auch dafür wurde um eine Anschubfinanzierung gebeten. Michael Fuchs brachte ein, dass im südlichen Bayern schon mal "Entschädigungen" von 20 Millionen Euro wegen einer abgeblasenen Skischaukel locker gemacht würden. Geld, das dem Frankenwald auch guttäte.

Ins gleiche Horn stieß Steinwiesens Bürgermeister Gerhard Wunder (CSU). Er sprach einen Beitritt zum Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) an. Auch dafür brauche es aber Geld als Anschub.


Kam Kurswechsel in München für ländlichen Raum noch rechtzeitig?

Doch was sagt die große Politik zu alledem? "Wir müssen damit aufhören, dass wir immer von außen kommen und Euch erklären wollen, dass hier die Welt nicht mehr stimmt", betonte Heimatminister Albert Füracker, als sein Gegenüber mehrfach auf Defizite in der ländlichen Entwicklung einging. Der Freistaat helfe stets, wenn die Regionen selbst Ideen entwickeln, wie sie ihre Probleme angehen wollen. Seiner Ansicht nach ist ein überstülpen von Konzepten aus München der falsche Weg.
Damit ging er auf eine Schilderung von Landrat Klaus Löffler (CSU) ein. Dieser hatte auf Nachfrage aus dem Publikum berichtet, dass der Landkreis den 23 Jahre alten Nahverkehrsplan "komplett auf neue Füße stellen", verschiedene Strukturen zusammenführen und "im Jahr 2020 an den Start bringen" will.

Füracker erwähnte die früheren Schwierigkeiten, das Zonenrandgebiet auf Augenhöhe zu halten. Inzwischen tue der Freistaat sehr viel für die Infrastruktur im ländlichen Raum. Der Breitbandausbau werde schnell vorangetrieben, strauchele aber manchmal an den gefüllten Auftragsbüchern der Baufirmen. Auch bei der Ärzteversorgung ("Es gibt mehr Ärzte denn je, sie sind nur schlecht verteilt") wolle der Freistaat aktiv werden. Allerdings falle nicht jede Entscheidung in diesem Bereich in dessen Zuständigkeit. Schließlich unterstrich der Minister die Bedeutung der Verkehrswege als Lebensadern der Region. Der politische Wille muss seiner Ansicht nach aber auch in diesem Bereich den demokratischen Weg gehen, wehrte er sich gegen Vorwürfe von FW-Landeschef Hubert Aiwanger, das Heimatministerium habe beim B 173-Ausbau geschlafen ("Das ist geradezu grotesk").


Vorteile und Probleme benennen

Ganz anders sah Aiwanger die Situation. Er wolle den ländlichen Raum nicht schlechtreden, wenn er Probleme auf den Tisch bringe, halte er ihn doch für eine Zukunftsregion.

"Wir müssen die Vorteile herausstellen, aber wir brauchen auch die Standortfaktoren dafür", forderte er. Denn in München habe man zwar reagiert, aber der Kurswechsel sei zu spät eingeleitet worden. "Das Land wurde schlichtweg vernachlässigt!"

Jetzt gelte es, jeden Landkreis einzeln unter die Lupe zu nehmen. Der Straßenausbau müsse vorangetrieben werden, um Investoren nicht schon bei der Anfahrt abzuschrecken. Für junge Leute müssten zusätzliche Angebote geschaffen werden. Und Tricksereien bei der Ärzteversorgung müssten aufhören sowie bessere Studienmöglichkeiten für Mediziner erreicht werden, lauteten seine Forderungen.

Ist der ländliche Raum nun lebenswert oder nicht? Die Antwort liegt (zurzeit) wohl irgendwo zwischendrin, wenn man der Diskussion vertrauen darf. Klar ist nach "Jetzt red i", Schwarzsehen scheint ebenso wenig angebracht wie eine rosarote Brille. Oder wie es eine Bürgerin sagte: "In den letzten Jahren hat sich in Kronach viel getan. Wir müssen die Augen aufmachen und anpreisen, was wir haben. Und dann müssen wir die noch vorhandene Missstände beseitigen."


Blick nach Tettau

Vor dem Start in die Diskussion stellte der BR die Situation im ländlichen Raum am Beispiel Tettau vor. "Das kleine Tettau hat große Probleme", hieß es in einem kurzen Einspieler. Sinkende Einwohner- und Schülerzahlen wurden aufgelistet, aber auch qualifizierte gut bezahlte Arbeitsplätze.

"Es ist kein schönes Gefühl", ging Bürgermeister Peter Ebertsch (BfT) auf das Spazierengehen an Leerständen vorbei ein. Doch mit der Förderoffensive Nordostbayern sei von der Staatsregierung ein "super Programm" aufgelegt worden, um die Probleme anzugehen. "Attraktive Arbeitsplätze sind genug da", versicherte er, "aber wir brauchen attraktiven Wohnraum."
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