Tettau
Wirtschaft

In Tettau geht nach mehr als 200 Jahren eine Ära zu Ende

Die "Königlich Privilegierte Porzellanfabrik" schließt 2019 ihre Pforten. Die Gründe sind vielschichtig. Berühmt wurde das Unternehmen für ein bestimmtes Produkt.
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1984 waren in der Porzellanfabrik noch 200 Mitarbeiter beschäftigt. Jetzt müssen die letzten 15 gehen. Foto: Archiv
1984 waren in der Porzellanfabrik noch 200 Mitarbeiter beschäftigt. Jetzt müssen die letzten 15 gehen. Foto: Archiv

Sie war einst eine wichtige Arbeitgeberin in der Gemeinde - und die Tettauer waren stolz. Denn in ihrer Gemeinde hatte nicht nur die älteste bayerische Porzellanfabrik ihren Stammsitz, sondern von dort aus wurde Porzellan in nahezu alle Königshäuser Europas und bis in den Kreml nach Russland geliefert. Jetzt schließt die "Königlich Privilegierte Porzellanfabrik" die Pforten Ende Mai 2019.

"Die 15 Mitarbeiter haben in der vergangenen Woche ihre Kündigung erhalten", bestätigte Prokurist Uwe Motzke auf Anfrage. In dem Werk, das zur Firmengruppe Seltmann Weiden gehört, wurde zuletzt nur noch Weiß-Porzellan hergestellt. Das wird künftig in Weiden gemacht.

Seit 34 Jahren verdient Uwe Motzke seinen Lebensunterhalt bei der Königlichen. Damals im Jahre 1984 standen noch 200 Mitarbeiter in Arbeit. Heute sind es noch 15. Die Branche, so erklärt Motzke, befinde sich im Sinkflug. Und er unterstreicht dies mit Zahlen. Waren Anfang der 90er Jahre noch 30 000 Mitarbeiter deutschlandweit beschäftigt, sind es derzeit 3300. Die Gründe für den Abstieg der Porzellanbranche seien vielschichtig. Zum einen werde Porzellan aus Fernost zu Dumpingpreisen verkauft. Zum anderen habe man Absatzmärkte in der Türkei und in Griechenland verloren. "Die haben kein Geld mehr." Und nicht zuletzt tragen auch die Sanktionen für Russland und der Verfall des Rubels zur schlechten wirtschaftlichen Lage bei.

"Das Porzellan hat keine Wertigkeit mehr", betont Motzke. Mittlerweile erhält man sogar ein Meißnerporzellanservice mit einem eigentlichen Wert in Höhe von 4000 Euro zum Angebotspreis von 700 Euro, verdeutlicht er anhand des Beispiels die Situation.

Bereits in den Jahren 2012 und 2015 erhielten jeweils 25 Mitarbeiter die Kündigung. Wie Motzke erklärte, habe man Ende 2012 den Tunnelofen abgeschaltet, da dieser nur bis zu 40 Prozent ausgelastet gewesen sei. Die technischen Teile der Weißfertigung wurde nach Weiden verlagert. Alles, was an Flachgeschirr (Teller, Untertassen etc.) produziert worden ist, ging nach Weiden. Im Jahre 2015 habe man dann auch den Buntbetrieb ausgelagert.

Umsatzzahlen eingebrochen

Der Prokurist spricht davon, dass im Jahre 2016 Christian Seltmann die Geschäftsführung in Tettau übernommen hat mit dem festen Willen, den Standort zu erhalten. Aber alle Maßnahmen hätten die Umsatzzahlen nicht verbessert. Das Problem sei aber ein branchenweites. In diesem Zusammenhang weist Motzke darauf hin, dass beispielsweise vor einigen Wochen die Porzellanfabrik Friesland angekündigt habe, 2019 die Produktion einzustellen.

"Die Schließung der Königlichen Porzellanfabrik ist traurig", erklärt Bürgermeister Peter Ebertsch. Schließlich war es die älteste bayerische Porzellanfabrik. Es sei schade um jeden Arbeitsplatz, denn mit jeder Kündigung sei immer ein persönliches Schicksal verbunden. Er hoffe, dass für die gekündigten Mitarbeiter gute Lösungen gefunden werden beziehungsweise diese schnell einen neuen Job bekommen. Er wisse um die Schwierigkeiten in der Branche, so Ebertsch, aber seiner Auffassung nach sind in der Vergangenheit auch Fehler gemacht worden - "schließlich wurde bei der Königlichen mit das beste Porzellan weltweit produziert". Ebertsch erinnert daran, dass im Jahre 1994 das 200-jährige Bestehen dieser Traditionsfabrik nicht gefeiert wurde. Den Gerüchten zufolge, so Ebertsch, sei es damals den Mitarbeitern seitens der Zentrale verboten worden. Ihm treibt nun die Sorge um, was mit dem Gebäude passiert. Mittlerweile sei eine Machbarkeitsstudie erstellt worden (der FT berichtete): "Es schaut nicht gut aus." Ebertsch berichtet von nicht vorhandenen Deckentraglasten und von einem negativen Schadstoffgutachten. Den Gedanken, Kleingewerbe ansiedeln zu können, sei somit vom Tisch. Eigentlich komme nur ein Rückbau des Gebäudes infrage. Und hierfür müsste mit rund zehn Millionen Euro kalkuliert werden. Die hohen Abrisskosten begründet der Bürgermeister unter anderem mit der Entsorgung von belastetem Material: "Das ist richtig teuer." Gespräche mit dem Eigentümer über das weitere Vorgehen sollen folgen.

90 Prozent Förderung

Obwohl der Markt im Rahmen der Nordostbayern-Offensive bezüglich des Abrisses mit 90 Prozent an Förderungen rechnen könne, sei die Sache problematisch. Immerhin müsste die Gemeinde dann einen Eigenanteil von rund einer Millionen Euro aufbringen. Außer Frage steht für den Bürgermeister, dass beim Gebäude der Königlichen Porzellanfabrik dringend Handlungsbedarf besteht. Sonst wird aus dem einst blühenden Industriegebäude in wenigen Jahren ein Schandfleck, der das gesamte Ortsbild prägt.

Ebertsch hat auch schon Vorstellungen, was aus dem 14 000 Quadratmeter großen Areal entstehen könnte. In diesem Zusammenhang spricht er von der Möglichkeit, Parkplätze zu schaffen oder einen Park anzulegen. Und was die Förderung für den Abriss betrifft? Hier ist der Bürgermeister zuversichtlich, dass die Nordostbayern-Offensive auch in den nächsten Jahren bestehen bleibt. Schließlich sind die Freien Wähler mit in der Regierungsverantwortung. Und diese haben doch versprochen, den ländlichen Raum zu stärken. Fest steht für ihn: "Bei dem Thema Königliche Porzellanfabrik müssen alle Kräfte gebündelt werden." Damit spricht er die Staatsregierung, die Gemeinde und die Eigentümer an.

Geschichte Gegründet wurde die "Königlich privilegierte Porzellanfabrik" im Jahre 1794. Die beiden Firmengründer waren der Kaufmann Johann Friedrich Paul Schmidt und Georg Christian Friedmann Greiner. Auch der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt setzte sich für die Gründung der Manufaktur im Jahre 1794 durch das Privileg des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II ein. 1918 ging die Leitung an Max Wunderlich über. Er ließ nach dem Zweiten Weltkrieg die Produktion vom preiswerten Gebrauchsgeschirr auf feines Kaffee- und Teeservice umstellen. Das wurde weltweit als echte, überwiegend handgefertigte Kostbarkeit gehandelt. Seit 1957 gehört die Porzellanfabrik zur Seltmann Weiden.

Meisterwerk Einer der wohl bekanntesten Erfindungen von Königlich Tettau ist der "Tettauer Scherben". Georg Greiner, einer der beiden Mitbegründer der Porzellanmanufaktur, entwickelte dieses wahre Meisterwerk der Porzellankunst, welches weit über die Grenzen hinaus bekannt ist. Der Tettauer Scherben ist ein ganz spezielles Porzellan aus, welches aufgrund der erlesenen Rohstoffe einen besonders reinen Weißgrad aufweist und das dünnwandige Porzellan beinahe transparent erscheinen lässt.



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