Stockheim
Geschichte

In Stockheim wurden früher Puppen produziert

Einst sorgten zwei Puppenfabriken für Arbeit. Wo jetzt zwei neue Wohnkomplexe entstehen, nahm die Firma Brückner & Och vor 100 Jahren die Produktion auf.
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Gut erhaltene Puppenköpfe der Firma Brückner & Och im Jahre 1920.Gerd Fleischmann
Gut erhaltene Puppenköpfe der Firma Brückner & Och im Jahre 1920.Gerd Fleischmann
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Die Industriegemeinde Stockheim unterlag immer wieder einem steten Wandel. Firmen blühten auf und gerieten in die Versenkung der Geschichte. Beste Beispiele dafür sind die Champagnerflaschenfabrik Sigwart & Möhrle sowie der Steinkohlenbergbau. Darüber hinaus boten im 20. Jahrhundert zwei Puppenfabriken in wirtschaftlich schwieriger Zeit Arbeit und Brot. Sie sind schon längst in Vergessenheit geraten.

In unmittelbarer Nähe der beiden jetzt geplanten Wohnkomplexe auf einer Fläche von 9500 Quadratmetern östlich der B 85 (siehe Fränkischer Tag vom 6. November) befand sich einst die Puppenfabrik Brückner & Och. Darüber hinaus gründete Karl Hartmann im ehemaligen Westflügel des Stockheimer Schlosses (Götzenhaus) ebenfalls eine Puppenfabrik. Die Puppenherstellung wurde von August Och und Karl Brückner hinter dem ehemaligen Gasthaus "Zur Post" (frühere Hausnummer 62, jetzt Kronacher Straße 27) im Jahre 1918 aufgenommen.

Blechspielzeug und Geschosskörbe

Schließlich produzierte ab 1911 Kaufmann Andreas Och (1866 - 1928) auf diesem Areal Blechspielzeug. Bereits 1901 wurde seine Ehefrau Amanda aktiv, die in dem ersteigerten Anwesen oberhalb des ehemaligen Gasthauses "Zur Eisenbahn" ein Lebensmittelgeschäft etablierte. Im Ersten Weltkrieg beschäftigte Andreas Och zahlreiche Stockheimer vorübergehend in seiner Geschosskorbfabrikation für das Militär.

Die Idee zur Puppenherstellung hatten Karl Brückner und August Och aus Südthüringen nach Stockheim gebracht, denn dort - vor allem in Sonneberg - befand sich das Zentrum der deutschen Spielwarenindustrie. Karl Hartmann beschäftigte bis zu 53 Mitarbeiter in seiner Firma. Die Spezialisten holte er sich aus Sonneberg. So stammte beispielsweise Puppengießer Ernst Sahlender aus Thüringen. Meister des Betriebs war August Rebhan, der Vater des ehemaligen Gemeinderats Hans Rebhan.

Unterkleider fürs Militär

Beim Blättern in alten Zeitungen stößt man immer wieder auf interessante Hinweise. So inserierte Karl Hartmann am 24. Juli 1913: "Junge Arbeiter und Arbeiterinnen unter 14 Jahre alt, stellt sofort ein Karl Hartmann, Puppenfabrik, Stockheim." Bis 1914 nahm die Firma eine gedeihliche Entwicklung, die der Erste Weltkrieg jäh unterbrach. Die Produktion musste radikal umgestellt werden. Die Frauen fertigten für das Militär Unterkleider an. Bevorzugt wurden - so ist einer Anzeige im "Fränkischen Wald" vom 10. November 1915 zu entnehmen - Frauen von Kriegsteilnehmern.

Unternehmer Hartmann musste im Ersten Weltkrieg ebenfalls den Soldatenrock anziehen. Bereits am 4. Januar 1915 ist im "Fränkischen Wald" folgende Meldung nachlesbar: "Für seine vor dem Feinde bewiesene Kühnheit und Entschlossenheit wurde dem Puppenfabrikanten Karl Hartmann in Stockheim, zur Zeit Unteroffizier im K. Bayerischen 7. Res. Regiment in Bayreuth, das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen."

Zum Weihnachtsfest 1916 stellte Hartmann für Kinder bedürftiger Familien 60 Puppen zur Verfügung. Nach dem Völkermorden setzte der Unternehmer alles auf eine Karte und baute an der Bundesstraße 85 im Jahre 1919 eine für die damaligen Verhältnisse großzügige und moderne Produktionsanlage (Hausnummer 106). Die nun frei gewordenen Räumlichkeiten im ehemaligen Schloss nutzte die Firma Trapper & Schober, Korbwaren, die neben Heimarbeitern bis zu zehn Arbeitssuchende beschäftigte.

Der Höhenflug von Karl Hartmann an der Bundesstraße währte nicht lange. Die baulichen Belastungen waren zu groß. Sicherlich hatte auch die übermächtige Konkurrenz aus Südthüringen eine Rolle gespielt. Die Superinflation von 1923 trug ebenfalls zum Untergang bei. Am 10. Januar 1926 eröffnete das Amtsgericht über das Vermögen der Puppenfabrik Stockheim, Inhaber Karl Hartmann, den Konkurs. Damit war das Aus besiegelt.

1918 gründeten August Och und sein Schwager Karl Brückner, der Grete Och geheiratet hatte, ebenfalls eine Puppenfabrik. Das stattliche Gebäude wurde im Jahre 2000 abgebrochen. Dahinter entsteht demnächst, wie bereits erwähnt, ein bauliches Großprojekt für etwa fünf Millionen Euro.

Arbeit für junge Menschen

Och und Brückner inserierten 1919 Charakterbabies, Babypuppen, Stehbabies, Porzellanminiaturpuppen und unzerbrechlichen Puppen. Eine bedeutende Rolle spielte dabei der Export. Für das Ausland wurden vor allem Kugelgelenkpuppen, Sitz- und Stehbabies in feinster Ausführung, gekleidet und unbekleidet, angefertigt. Mit dieser Firma bot sich vor allem für die Jüngeren eine interessante Beschäftigungsmöglichkeit. Am 11. Februar 1922 wird man wieder im "Fränkischen Wald" fündig: "Einige Mädchen nicht unter 16 Jahren werden in dauernde Beschäftigung gesucht, Brückner & Och, Puppenfabrik Stockheim". Im Jahre 1928 arbeiteten noch 28 Stockheimer in diesem Betrieb.

Laut Gesellschaftervertrag vom 8. Februar 1923 kommt es zu einer weiteren Firmengründung. Andreas Och und sein Sohn Alfred gründeten gleich neben der Puppenfabrikation die Oberfränkische Schuhfabrik. Die Fabrikation wurde hinter dem Haus Nr. 50 aufgenommen. Jedoch sorgte die Superinflation für ein rasches Ende.

Ende nach dem Börsenkrach

Der Börsenkrach an der New Yorker Wallstreet im Jahre 1929 und die damit einhergehende Weltwirtschaftskrise ließen in jener Zeit Weltuntergangsstimmung aufkommen. Zahlreiche Firmen gaben auf. Auch die Puppenfabrik im unteren Dorf von Stockheim konnte sich diesem Negativsog nicht entziehen. 1930 lief die Produktion endgültig aus. Im Handelsregister wird am 21. Oktober 1932 die Firmenauflösung von Brückner & Och bekannt gegeben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fertigte für einige Jahre August Och zusammen mit seiner Frau Luzie Spielwaren und Teddybären an. Heute erinnert nichts mehr an die Betriebsamkeit in dem Häuserkomplex Och/Voit an der B 85, in dem in alter Zeit die Schieferspediteure aus Ludwigsstadt und Lehesten ein- und ausgegangen waren.



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