Kronach
Notfall

Im Notfall: Die richtige Nummer zur richtigen Zeit

Nicht jeder, der die 112 wählt, ist dort richtig aufgehoben. Dass der ärztliche Bereitschaftsdienst oft die bessere Anlaufstelle ist, wissen viele nicht.
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Nicht jeder, der die 112 wählt, ist dort richtig aufgehoben. Dass der ärztliche Bereitschaftsdienst oft die bessere Anlaufstelle ist, wissen viele nicht.  Foto: Thaut Images/Fotolia
Nicht jeder, der die 112 wählt, ist dort richtig aufgehoben. Dass der ärztliche Bereitschaftsdienst oft die bessere Anlaufstelle ist, wissen viele nicht. Foto: Thaut Images/Fotolia
Ein Patient liegt schon einige Tage mit Fieber zu Hause im Bett, fühlt sich schlapp - bis er in der dritten Nacht den Rettungsdienst beauftragt. Ein anderer hat starke Bauchschmerzen, muss sich übergeben - und wählt die drei Ziffern 112. "Was will man denn machen - der Mensch hat Schmerzen, der Mensch braucht Hilfe", sagt Martin Schmidt, Rettungsdienstleiter beim BRK - wohl wissend, dass es bei vielen Patienten genügt hätte, am kommenden Tag den Hausarzt aufzusuchen. Oder eben die 116 117 wählen. Und das wird zunehmend zum Problem.

Grundsätzlich beobachtet Schmidt in den letzten zehn Jahren, dass die Einsätze deutlich zugenommen haben. "Wir befördern aber auch viele Leute, die nicht primär unser Klientel sind, sondern klassische Fälle für die 116 117." Die sechs Ziffern sind die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdiensts. Die Vermittlungs- und Beratungszentrale vom Kassenärztlichen Verband hilft Patienten dabei, auch nachts oder am Wochenende, wenn der Hausarzt keine Sprechstunde hat, den passenden Arzt in der Nähe zu finden.


Große Unsicherheit

"Ich glaube, dass viele Menschen gar nicht wissen, wofür die Nummer da ist", so Schmidt. Und unter denen, die den Bereitschaftsdienst kennen, sei die Unsicherheit groß, wann welche Nummer zu wählen ist. "Wir überfluten die Menschen mit zu vielen Notrufnummern - es laufen ja teilweise auch ärztliche Notfälle bei der 110 ein."

Auch wenn ein Schaubild Sinn macht (siehe Grafik), lässt sich keine allgemeingültige Handlungsempfehlung abgeben, sagt er. Pauschalisieren könne und wolle er nicht, trotzdem versucht Schmidt zu differenzieren: "Bei gefährlichen und schweren Erkrankungen, starken Schmerzzuständen und natürlich Unfällen ist die 112 die richtige Nummer." Was unter die Kategorie Husten, Sodbrennen oder Magenbeschwerden fällt und demnach nicht lebensbedrohliches darstellt, ist ein Fall für die 116 117.

Schmidt hat vor allem aber eines: Verständnis. Gerade für ältere Leute sei es eine Herausforderung, die richtige Stelle anzurufen und dann noch möglichst schnell und präzise die Lage zu schildern. "Ist dann noch jemand betroffen, der einem nahesteht, ist man natürlich aufgeregt." Hinzu komme das subjektive Empfinden, wann ein Notfall vorliegt. "Uns ist lieber, man ruft die 112 und wir können dann schnell reagieren, wenn es sich um den Ernstfall handelt." Die Kollegen der Integrierten Leitstelle (ILS) seien bestens geschult, fragen alle wichtigen Infos ab und haken unter Umständen nach.

Denn nicht beim BRK, sondern bei der ILS gehen die Notrufe ein - natürlich auch die jener Patienten, die besser die 116 117 gewählt hätten. "Die Nummer ist bekannt aber wir haben immer noch mehrere 100 Anrufe im Jahr für den Bereitschaftsdienst", erklärt Michael Jeschor, stellvertretender Leiter der ILS Coburg, die auch für den Landkreis Kronach zuständig ist. Die klassischen Grippesymptome seien da genauso zu finden, wie die Magenarmgrippe. "Doch wird sind dafür da, zu selektieren, das alles abzuarbeiten."

Die Kollegen der ILS verfahren nach dem sogenannten Notarztindikationskatalog, erklärt Jeschor. Dort sind beispielsweise bestimmte Schlagworte wie "Schmerzen in der Brust" oder "Atemnot" und die entsprechende Reaktion gelistet. Mit diesem Katalog und der Fähigkeit der erfahrenen Kollegen, die vitalen Funktionen des Patienten einzuschätzen, wird entschieden, welches das richtige Rettungsmittel ist. In manchen Fällen schicke man lieber mal einen Wagen zum Patienten, um die Lage abzuklären - zum Beispiel wenn der nächste verfügbare Bereitschaftsarzt gerade am anderen Ende des Nachbarlandkreises einen Einsatz hat.


System anpassen

"Wir müssen das System anpassen, sonst ist der Rettungsdienst bald komplett überlastet", findet Martin Schmidt. Sein Vorschlag: eine zentrale Nummer beziehungsweise Stelle, die koordiniert und den richtigen Ansprechpartner vermittelt. "Anders kriegt man es nicht hin, ohne die Leute zu überfordern." In anderen Ländern funktionieren solche Lösungen auch. "Das System ist nicht mehr zeitgemäß." Werden weiterhin Ressourcen falsch genutzt, die wenigen Einsatzfahrzeuge von minderschweren Fällen blockiert, kommt es zu gefährlichen Engpässen. "Dann wird's brenzlig, wenn wir möglichst schnell zu einem Herzinfarkt müssen, aber kein Einsatzfahrzeug parat ist."
Jeschor findet die Idee einer Zusammenlegung prinzipiell sinnvoll. Er selbst habe in der Leitstelle bis 2002 den ärztlichen Bereitschaftsdienst mitvermittelt. "Da konnte man anders reagieren, die verfügbaren Kollegen und Ressourcen flexibler nutzen." Sein Bedenken gilt allerdings dem mittlerweile stark gestiegenen Patientenaufkommen: "Ich weiß nicht, ob man es logistisch schaffen würde."

In einem Punkt kann er dem Kronacher Kollegen vom BRK aber zustimmen: "Die Einsatzzahlen sind kontinuierlich steigend." Eine Erklärung meint er im demografischen Wandel zu erkennen, hinzu komme die in manchen Regionen schwierige Hausarztsituation. "Die Patienten sind überfordert und wissen sich nicht anders zu helfen."
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