Kronach
Porträt

Hundertjähriger Kronacher folgt einer besonderen Tradition

Mit 100 Jahren ist Ferdinand Bozdech ältester Kronacher. Noch immer zieht es ihn Jahr für Jahr zum Freischießen, um die Aussicht vom Riesenrad zu genießen. Hinter ihm liegt eine von zahlreichen Ortswechseln geprägte Lebensgeschichte.
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Zum Riesenrad wird Ferdinand Bozdech noch im Rollstuhl geschoben. Auf den eigenen Beinen in die Gondel zu gehen, lässt sich der Hundertjährige dann aber nicht nehmen. Foto: Marian Hamacher
Zum Riesenrad wird Ferdinand Bozdech noch im Rollstuhl geschoben. Auf den eigenen Beinen in die Gondel zu gehen, lässt sich der Hundertjährige dann aber nicht nehmen. Foto: Marian Hamacher

Der Aufstieg dauert nur wenige Sekunden. Erst tauchen die blauen Schienen der Achterbahn ungewohnt nah vor den Augen auf - und schon ist sie im Blickfeld. Mit der über ihr stehenden Sonne strahlt die Festung Rosenberg in der Ferne um die Wette. Eine Aussicht, die auf Ferdinand Bozdech eine fast magnetische Wirkung hat. Jedes Jahr aufs Neue zieht es ihn auf die Kronacher Hofwiese. Seit 48 Jahren. Daran, dass er es einmal nicht auf die Hofwiese geschafft hat, kann er sich nicht erinnern.

 

Vergangenen Freitag war es wieder so weit. Aus der Gondel des Riesenrads genießt er den Überblick über den Festplatz und das hektische Gewusel der Besucher. Eine Perspektive, die es in der Cranach-Stadt nur einmal im Jahr gibt.

 

Fünfmal dreht die Gondel ihre Runde, ehe ein Mitarbeiter des Fahrgeschäfts die Schiebetür wieder öffnet. Doch nach Aussteigen ist dem Mann mit dem blau-weiß gestreiften Hemd und den schlohweißen Haaren in diesem Moment gar nicht. Viel lieber bleibt er sitzen und nimmt gleich die nächsten fünf Runden in Angriff. "Ein großer Junge geht einfach gerne aufs Kronacher Freischießen- und mit 100 Jahren ist man ja sehr groß", sagt er über sein Faible für das traditionelle Schützenfest verschmitzt.

 

In Österreich-Ungarn geboren

Im April durfte Bozdech erstmals drei Zahlen auf seinem Geburtstagskuchen auspusten. Mit diesem stolzen Alter ist er der älteste männliche Einwohner der Lucas-Cranach-Stadt - die allerdings erst spät zu seiner Heimat wurde. Als "kleiner Junge" war er daher nie auf dem Schützenplatz.

 

Geboren wurde Bozdech 1918 nämlich nicht nur in einem anderen Land, sondern auch gleich einer anderen Staatsform. Die inzwischen tschechische Stadt Olmütz gehörte 1918 noch zur Donaumonarchie Österreich-Ungarn, deren letzter Kaiser Karl I. zwei Jahre zuvor die Amtsgeschäfte übernommen hatte und schon bald wieder los war.

 

Sieben Kilometer neben der deutschen Sprachgrenze wuchs Bozdech in Nordmähren auf - zu dieser Zeit Teil der neu gegründeten Tschechoslowakei. "Als die Slowakei 1938 unabhängig geworden ist, mussten alle tschechoslowakischen Staatsangehörigen die Slowakei verlassen", erzählt Bozdechs Sohn Rudolf. Seit seine Mutter Lieselotte vor vier Jahren starb, hat er die Familientradition fortgeführt und mit seinem Vater jedes Jahr dem Riesenrad einen Besuch abgestattet.

 

Als Ferdinand Bozdech nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins ehemalige Sudetenland zog, dachte er, nun endlich eine Heimat gefunden zu haben. In einer Textilfabrik in Neuberg lernte er seine spätere Frau kennen, bekam mit ihr Sohn Rudolf und baute ein Haus. 1968 waren es schließlich die einmarschierten Russen, die dafür sorgten, dass die Heimat nicht Heimat bleiben durfte. "Nach langem Hin und Her durften wir ein Jahr später ausreisen", erinnert sich Rudolf Bozdech. Weil die Schwester und Mutter von Ferdinand Bozdechs Frau in Theisenort wohnten, wurde der Landkreis Kronach zum Ziel.

 

Ehrenamtlich engagiert

Bis zu seinem Ruhestand 1981 arbeitete der gelernte Eisenbahner als Maschinenschlosser bei der Kronacher Maschinenfabrik und engagierte sich im Markt Küps ehrenamtlich als Feldgeschworener und als Dolmetscher der tschechischen und slowakischen Sprache bei Polizei und bei Gericht.

Nach sechs Jahren im Ruhestand zog Bozdech zusammen mit seiner Frau erst nach Vogtendorf, ehe sich das Ehepaar zu Bozdechs 90. Geburtstag eine Eigentumswohnung am Kreuzberg gönnte - in der er auch mit zehn weiteren Jahren auf dem Buckel lebt.

 

Unterstützt wird er dabei nicht nur von seinem Sohn, sondern an zwei Tagen in der Woche auch von der Lucas-Cranach-Tagespflege "meine Zeit" des Diakonischen Werks. "Bei uns singt und kegelt er nicht nur gerne, sondern nimmt auch an der Zeitungsrunde teil, wenn wir aus dem Fränkischen Tag vorlesen", erzählt Pflegerin Christina Schukat.

 

Wert verdoppelt

In Deutschland ist Bozdech inzwischen einer von 16 860 über Hundertjährigen, die 2014 gezählt wurden. Und die Zahl dürfte weiter steigen. "Es wird damit gerechnet, dass es in 40 Jahren schon 60 000 sind, in 70 Jahren rund 120 000", sagte Adelheid Kuhlmey vom Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft am Berliner Krankenhaus Charité vor und einem Jahr der in Berlin erscheinenden Zeitung Der Tagesspiegel.

 

Knapp 50 Jahre wurden Männer aus Bozdechs Generation im Durchschnitt alt. Ein Wert, den er längst verdoppelt hat. Zeit, die er genießt. Und nutzt. Sei es zum Singen des Oberfrankenlieds, zum gemeinsamen Marmorkuchenbacken mit seinem Sohn - oder zum Besuch auf dem Riesenrad.

 



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