Kronach
Interview

Hospizverein Kronach: "Sterbende geben den Weg vor"

Trauer ist ein Prozess, der viel Kraft fordert. Im Gespräch haben zwei Trauerbegleiterinnen des Hospizvereins Kronach über ihre Erfahrungen berichtet.
Artikel drucken Artikel einbetten
Hella Bayer (links) hält die Redemuschel in der Hand. Iris Zinkand (rechts) hört ihr zu.  Foto: Franziska Rieger
Hella Bayer (links) hält die Redemuschel in der Hand. Iris Zinkand (rechts) hört ihr zu. Foto: Franziska Rieger
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen bricht die Welt um einen herum zusammen. Unterstützung finden Trauernde beim Hospizverein Kronach. Im Moment planen die Trauerbegleiterinnen eine Gruppe speziell für Frauen, die um ihre Mütter trauern. Außerdem gibt es seit zwei Jahren eine Kindertrauergruppe. Wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene trauern und wie Angehörige mit Schwerkranken umgehen sollten, haben die ehrenamtlichen Trauerbegleiterinnen Hella Bayer und Iris Zinkand im Gespräch erklärt.

Worin unterscheidet sich die Trauer von Kindern und Erwachsenen?
Iris Zinkand: Bei Kindern ist es oft so, dass sie beispielsweise in ein Spiel vertieft sind und dann sprechen sie über ihre Trauer. Zum Beispiel, dass die Oma gestorben ist. Und dann spielen sie wieder weiter. Sie trauern auf eine andere Art. Erwachsene dagegen sind sehr in ihre Trauer vertieft. Wenn Kinder einen neuen Entwicklungsschritt machen, dann arbeiten sie auch mit ihrer Trauer anders weiter.
Hella Bayer: Das stimmt. Kinder sind mal traurig, dann mal fröhlich und dann wieder traurig. Das ist oftmals sehr wechselhaft. Sie verharren im Gegensatz zu Erwachsenen nicht in ihrer Trauer.

Welche Unterschiede gibt es bei Trauernden?
Hella Bayer: Auf der einen Seite gibt es Menschen, die introvertiert sind, die Trauer mit sich selbst ausmachen und ihrem Umfeld ihre Trauer nicht zeigen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die möchten ganz viel über ihre Trauer reden. Wieder andere suchen das Gespräch gar nicht.
Iris Zinkand: Manche Trauernde legen viel Wert auf Vergangenes und andere blicken mehr in die Zukunft. So räumen manche nach dem Tod eines Familienmitglieds beispielsweise das ganze Haus um. Und andere bewahren den Rasierer des verstorbenen Mannes jahrelang im Bad auf.
Hella Bayer: Wir nennen diese zwei Gruppen die Bewahrer und die Veränderer.

Welche Phasen der Trauer gibt es?
Iris Zinkand: Am Anfang setzt typischerweise erst einmal ein Schockzustand ein. In dieser Phase ist noch viel zu erledigen, beispielsweise muss die Beerdigung vorbereitet werden. Weil viel Organisatorisches zu erledigen ist, funktioniert der Trauernde in seinem Alltag weiter. In dieser Phase muss man auch sehr mit Medikamenten aufpassen, um den Verarbeitungsprozess nicht zu unterdrücken. Dann kommt die Phase des Nichtwahrhaben-Wollens, die relativ lange anhalten kann. Und dann kommen Phasen mit verschiedenen Gefühlen, wie Sehnsucht, Einsamkeit, aber auch Wut.

Diese Phasen laufen im sogenannten Trauerjahr ab?

Iris Zinkand: Ich finde es wichtig, dass man den ganzen Prozess nicht auf das Trauerjahr festlegt. Das gibt es nicht. Trauer kann man nicht zeitlich eingrenzen. Trauer hat sehr viele verschiedene Facetten. Wir erleben es oft, dass für die Mitglieder in unseren Gruppen das zweite Jahr emotional schwieriger ist als das erste.
Hella Bayer: Das stimmt. Die Realität wird einem oft erst nach diesem Jahr richtig bewusst. Dass es beispielsweise keinen gemeinsamen Geburtstag, kein gemeinsames Weihnachten mehr gibt. Erst dann ist die Realität angekommen und zeigt, dass es jetzt wirklich so ist.

Ein geliebter Angehöriger verstirbt nach langer Krankheit oder plötzlich bei einem Autounfall. Welcher Tod ist schwieriger zu verarbeiten?
Iris Zinkand: Es gibt Angehörige, die können sich bei einer langen Krankheit schon sehr gut auf die Trauer einstellen. Und andere verdrängen es relativ lange, dass ihr Angehöriger bald stirbt. Für die ist es dann trotzdem sehr plötzlich, wenn der Angehörige stirbt, auch wenn er jahrelang krank war. Das erschwert die Trauer vor dem Tod des Angehörigen und vor allem danach.
Hella Bayer: Es gibt auch Situationen, in denen die Beteiligten nie über das Thema Tod geredet haben. Beispielsweise weil die Angehörigen dem Kranken nicht die letzte Hoffnung nehmen wollen. Für diese Angehörigen ist es dann auch sehr schlimm und erschwert die Trauer.

Wie sollten Angehörige mit einem Todkranken umgehen?
Iris Zinkand: Sie sollten besonders viel Offenheit und Ehrlichkeit zeigen. Offenheit deshalb, weil es immer darauf ankommt, wie der Sterbende möchte, dass man mit ihm umgeht. Sterbende geben einem den Weg vor. Trauer ist total individuell und das ist das Spannende an der Trauerarbeit.

Wie gewinnen Sie Abstand zu der Arbeit im Hospizverein?
Iris Zinkand: Man muss wissen, wie man sich distanzieren kann. Ich denke, man kann diese Arbeit nicht machen, wenn man alles mit nach Hause nimmt und innerlich daran weiterarbeitet. Man muss für sich selbst die Möglichkeit des Abstandnehmens gefunden haben. Ich gehe nach Hause und atme erst einmal tief durch oder mache Yoga. Nach einem Einzelgespräch lese ich oft am nächsten Tag noch einmal die Unterlagen durch und melde mich dann bei Bedarf zurück.
Hella Bayer: Man findet einen Abschluss. Das ist bei mir vielleicht beruflich bedingt, weil ich im Seniorenhaus in Kronach arbeite und da auch den Abstand nach Arbeitsende finden muss. Das ist bei Krankenschwestern oder Pflegekräften ja das gleiche. Wenn man es nicht schafft, Abstand zu finden, dann dürfte man eigentlich in keinem sozialen Beruf arbeiten.

Wie erkläre ich einem Kind den Tod eines Angehörigen?
Iris Zinkand: In der Trauerliteratur heißt es, dass erst ab sechs Jahren richtig begriffen werden kann, was der Tod bedeutet. Ab da verarbeitet es der Hirnstamm anders. Davor ist es oft so, dass die Kinder denken, der Verstorbene ist nur lange weggegangen. Ganz wichtig: Nie dem Kind sagen, dass die Oma nur eingeschlafen ist. Das stimmt nicht und schürt nur Ängste. Manche Kinder trauen sich dann nicht mehr einzuschlafen. Besser ist es, das Thema direkt anzusprechen und greifbar für das Kind zu erklären. Zum Beispiel dass das Herz in der Brust nicht mehr schlägt. Die Kinder dürfen auch bei der Beerdigung dabei sein.

Das Gespräch führte
Franziska Rieger




Infos zum Hospizverein Kronach

Gegründet wurde er am 7. Juli 1994. Ziel ist es, die Begleitung Schwerstkranker und Sterbender zu gestalten und trauernde Angehörige zu unterstützen.

Trauergruppe "Brücke": Jeden letzten Freitag im Monat ab 18 Uhr. Die Gruppe für Erwachsene betreut als offene Gruppe trauernde Angehörige. Kinderbetreuung wird angeboten.

Kindertrauergruppe "Horizont": Meist jeden letzten Freitag im Monat ab 15 Uhr. Vor der ersten Teilnahme findet ein Vorgespräch mit einer Bezugsperson des Kindes statt.

Offener Gesprächskreis: Jeden zweiten Montag im Monat ab 9 Uhr. Angebot für Trauernde, deren Verlust zeitlich länger zurück liegt. Hier können Kontakte und Freundschaften gepflegt werden.

Weitere Angebote: Hospiz-Caféchen (jeden dritten Dienstag im Monat ab 14 Uhr) und Einzelgespräche. Alle Termine finden im Hospizverein statt.

Mehr Infos: www.hospizverein-kronach.de fr

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren