Kronach
Grenzerfahrung

Hilfloser Helfer: Thomas kann nichts mehr schmecken - weil ihm zwei Männer das Gesicht zertrümmerten

Thomas Schneider wollte nur helfen. Doch dann landete er mit geprellten Rippen und einer zertrümmerten Nase im Krankenhaus. Mit den Folgen seiner Zivilcourage hat der 52-Jährige noch immer zu kämpfen - bei jedem Atemzug.
Artikel drucken Artikel einbetten
Am 11. Mai 2018 wurde Thomas auf dem Kronacher Marienplatz angegriffen. Dabei hatte der 52-Jährige nur einer Gruppe Jugendlicher helfen wollen. Symbolfoto: Bits and Splits/Adobe Stock
Am 11. Mai 2018 wurde Thomas auf dem Kronacher Marienplatz angegriffen. Dabei hatte der 52-Jährige nur einer Gruppe Jugendlicher helfen wollen. Symbolfoto: Bits and Splits/Adobe Stock

Das heiße Blut im Gesicht. Thomas* spürt es noch heute. Wie er zusammengekrümmt auf dem kalten Asphalt liegt, die Hände schützend über dem Kopf. Und wie die Schläge auf ihn niederprasseln. Thomas kann es nicht vergessen. Und trotzdem ist er zurückgekehrt. Nervös sieht er hinüber zu der Stelle, an der sich alles abgespielt hat. Sein Blick bleibt einen Moment lang hängen. Herzklopfen. "Mein Körper schlägt Alarm", sagt er leise. Dann wendet er sich wieder ab.

Versuchter Totschlag. Ein krasses Wort. Thomas hätte am 11. Mai 2018 auch sterben können, nichts anderes bedeutet die Juristenfloskel. Es ist das erste Mal, dass er seitdem wieder am Marienplatz ist. Zurück an dem Ort, an dem er doch nur helfen wollte. Eineinhalb Jahre ist es her, dass der 52-Jährige mit seiner Freundin abends nach Kronach fuhr. Er auf dem Motorrad, sie im Auto hinterher. Eine kleine Belohnung nach einem anstrengenden Arbeitstag sollte es werden. "Und weil ich doch so gerne Eis esse", verrät Thomas und muss lächeln.

Lesen Sie auch: Wenn Jule schreit: Eine Pflegefamilie erfährt die Grenzen ihrer Belastbarkeit - und gibt nicht auf

Ihr Hund stromert an dem Abend über den Platz, während die beiden auf einer der Bänke an der Stadtmauer sitzen. Aus der Ferne beobachten sie, wie Jugendliche in Richtung Eisdiele schlendern. Pärchen verabschieden sich, Kumpels klatschen einander ab. "Sie waren fröhlich, haben total gute Laune versprüht", erinnert sich Thomas. Es ist ein schöner Frühlingsabend.

Etwas stimmt nicht

Plötzlich kommen zwei junge Männer aus einer Seitenstraße. Im Stechschritt marschieren sie auf die Gruppe zu. Auf einmal wird es laut auf dem Marienplatz. Die gerade noch so friedliche Gruppe bricht auseinander, Mädchen kreischen, schreien um Hilfe. Zwei "Backenklatscher" schallen über den Platz. "Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt." Thomas wirft sein Eis auf den Boden und rennt los. Als er bei der Gruppe ankommt, packt er einen der Angreifer am Kragen. "Wie er mich angestarrt hat, den Blick werde ich nie vergessen." Den anderen versucht er, mit dem Ellenbogen abzuwehren. Doch der drischt unnachgiebig auf ihn ein. Fäuste treffen Thomas am Hinterkopf. Er geht zu Boden.

Thomas kann heute kein Eis mehr schmecken. Die Tritte ins Gesicht haben seine Nase zertrümmert, ihm seinen Geschmacks- und Geruchssinn geraubt. In einer aufwendigen Operation musste seine Nase komplett rekonstruiert werden. Mit jedem Atemzug wird er an die Tat erinnert. Wirklich genießen könne er Essen nicht mehr. Ob Rinderfilet oder Nudeln mit Ketchup, für Thomas schmeckt alles gleich. Nach dem Angriff litt er lange Zeit an Kopfschmerzen, bekam nur schlecht Luft und konnte nachts kaum schlafen. Seine Psychologin diagnostizierte zudem eine posttraumatische Belastungsstörung.

Mehr Grenzerfahrungen: Draußen wartet die Hölle: Leons Ängste zerstören fast sein Leben - bis sein Körper Alarm schlägt

Thomas lehnt sich auf der Bank nach vorne und presst die Augen fest zusammen. Dann wird er ganz leise, seine Stimme ist kaum noch zu hören. "Viel schlimmer als die Tritte ist aber, dass mir keiner aus der Gruppe geholfen hat." Vielleicht standen die Jugendlichen unter Schock, waren eingeschüchtert. Doch bei Thomas hat sich das Gefühl der Hilflosigkeit eingebrannt. Erst als weitere Passanten in die Auseinandersetzung eingriffen, ließen die jungen Männer von ihm ab und flohen.

Danach fehlt von ihnen jede Spur. Und bei Thomas beginnt es zu rattern. "Wie kann es sein, dass mich ein Arschloch so herrichtet? Ich bin eigentlich kein nachtragender Mensch, aber da habe ich Hass gespürt." Dass die Täter nach dem Angriff zunächst weiterhin auf freiem Fuß sind, lässt ihm keine Ruhe. Nachts fährt er in Kronach mit gebrochener Nase und geprellten Rippen Streife. Immer und immer wieder. "Ihre Gesichter hatte ich eingescannt. Du könntest tausend Leute hier aufreihen und die beiden darunter mischen - ich würde sie sofort erkennen."

Thomas' Leid vor Gericht: Wie der 52-Jährige Jugendlichen helfen wollte und selbst zum Opfer wurde

Einige Tage darauf glaubt er, einen der Männer vor der Praxis seines Arztes wiederzuerkennen und wird panisch. Er alarmiert die Polizei. Zwei Personen werden an diesem Tag festgenommen. Ob es wirklich die beiden Täter waren, weiß Thomas bis heute nicht.

Unangenehmes Wiedersehen

Als im April 2019 der Prozess am Coburger Landgericht beginnt, sitzt Thomas seinen Peinigern schließlich gegenüber. 19 und 23 Jahre alt sind sie, angeklagt wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Am Ende wird der 19-Jährige zu drei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, sein Freund kommt mit 60 Arbeitsstunden davon. Das Gericht konnte ihm die Tritte gegen Thomas' Kopf nicht eindeutig nachweisen. Doch Thomas kennt die Wahrheit. "Er hat mir die Nase kurz und klein geschlagen und kommt dann so fein aus der Sache raus."

Erst als ein Rechtsmediziner detailliert Thomas' Verletzungen schildert, wird ihm klar: Es hätte nicht viel gefehlt, ein weiterer Tritt, ein letzter Faustschlag - und Thomas wäre an dem Abend am Marienplatz gestorben. Dass der 23-jährige Angeklagte nicht zum Urteil erscheint, wirkt auf ihn wie ein Schuldeingeständnis.

Aus unserer Serie "Grenzerfahrung": Ultramarathonläufer aus Franken erzählt: "Ab 30 geht es langsam abwärts"

"Ich weiß nicht, ob mein Mandant noch einmal hilft, denn die Folgen für ihn sind massiv", mahnte Thomas' Anwalt in seinem Plädoyer. Doch der 52-Jährige bereut es nicht, geholfen zu haben. Und er würde es wieder tun. Einer der Schüler, der beim Angriff ebenfalls verprügelt wurde, saß danach mit ihm im Krankenwagen. Thomas erinnert sich noch daran, wie der 17-Jährige vor Panik hyperventilierte.

Mittlerweile ist zwischen ihnen eine Freundschaft entstanden. Der 17-Jährige begeistert sich ebenfalls für Motorräder, holt sich Tipps. Was wäre aus ihm geworden, wenn Thomas damals nicht eingegriffen hätte? "Vielleicht war ich einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, da reden wir manchmal drüber", sagt Thomas. Bald wollen die beiden zusammen eine Motorradtour machen. Sich einfach mal den Wind um die Nase wehen lassen.

*Name von der Redaktion geändert.

Hilfe für Betroffene

Der Weiße Ring unterstützt Menschen, die Opfer von Kriminalität geworden sind. Für den Kreis Kronach leitet Inge Schaller die Außenstelle in Ludwigsstadt mit der Telefonnummer 09263/975910.

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.