Kronach
Pflege

"Hilfe ja - Selbstaufgabe nein"

Die Sparkasse Kulmbach-Kronach lud zum Themenabend mit Martina Rosenberg ein. Die Autorin sprach über ihre Erfahrungen bei der Pflege ihrer Eltern.
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Am Donnerstagabend sprach Martina Rosenberg über ihre Erfahrungen bei der neunjährigen Pflege ihrer Eltern. Foto: Heike Schülein
Am Donnerstagabend sprach Martina Rosenberg über ihre Erfahrungen bei der neunjährigen Pflege ihrer Eltern. Foto: Heike Schülein

"Nach viereinhalb Jahren war die Last zu groß. Ich konnte einfach nicht mehr!" - Am Donnerstagabend folgte Martina Rosenberg, bekannt durch ihren Bestseller "Mutter, wann stirbst Du endlich?", einer Einladung der Sparkasse Kulmbach-Kronach. Ebenso emotional wie informativ erzählte die Journalistin und Autorin den vielen Gästen im Veranstaltungssaal der Kronacher Hauptgeschäftsstelle von ihren Erfahrungen bei der fast neunjährigen Pflege ihrer schwer kranken Eltern: "Hilfe ja - Selbstaufgabe nein" war eine ihrer wichtigsten Botschaften an ihr sehr interessiertes Publikum.

"Am Anfang waren wir so etwas wie ein gut funktionierendes Mehrgenerationenhaus, in dem jeder jeden unterstützt hat", blickte Rosenberg auf die "guten Zeiten" zurück. Als sie mit ihrem Ehemann und ihrer kleinen Tochter bei ihren Eltern einzog, sei Pflege kein Thema gewesen: "Beide waren rüstig und geistig voll auf der Höhe."

Doch dann wurde ihre Mutter dement, ihr Vater erlitt einen Schlaganfall und litt unter Depressionen. So wurden beide innerhalb von nicht einmal zwei Jahren zu schweren Pflegefällen mit einer erforderlichen 24-Stunden-Betreuung.

Rosenberg und ihr Ehemann waren damals berufstätig, die Tochter in der Grundschule: Verzweiflung, Stress und Überforderung waren programmiert ...

Es war nichts geregelt

"Den größten Fehler haben wir am Anfang gemacht", zeigte sie sich sicher. Grundvoraussetzung sei es, im Vorfeld, also in den noch "guten Zeiten", innerhalb der Familie wichtige Fragen zu klären: Was wollen die Eltern, falls sie einmal Pflege benötigen? Wer kann im Pflegefall was einbringen - wenn nicht persönlich, dann vielleicht finanziell? In ihrer Familie selbst war nur eines geklärt: dass die Eltern nie in ein Heim wollten.

Laut Statistik beträgt die durchschnittliche Pflegezeit sieben Jahre. "Es können aber auch 20 Jahre werden", meinte Rosenberg. Ebenso wie in ihrem Buch berichtete sie auch in ihrem Vortrag auf sehr ehrliche Weise über ihre damalige für sie mehr und mehr zur Zerreißprobe werdende Situation. Gleichzeitig zeigte sie sich aber auch sicher, dass Pflege gelingen könne. Jedoch bedürfe dies einer frühzeitigen Vorbereitung. Es müssten klare Absprachen getroffen werden.

Gemeinsame Entscheidungen

Das Wichtigste sei es, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, und nicht die anderen Familienangehörigen - sie selbst hat zwei Brüder - damit zu überfahren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Dann seien alle eher bereit, sich einzubringen, und zwar jeder so, wie er es zu leisten vermag, ungeachtet moralischer Fesseln.

Nach wie vor sei die Erwartungshaltung in Deutschland, dass Pflege Aufgabe der Familie, insbesondere der Frauen, sei. In der Bundesrepublik seien deshalb 70 Prozent der pflegenden Angehörigen weiblich und davon rund 60 Prozent über 55 Jahre alt. Zugleich arbeiteten gerade in Deutschland sehr viele Frauen in Ganztagsarbeit. Studien besagten, dass bei 25 Prozent der von Angehörigen zu Hause betreuten Menschen die Pflege schlecht sei.

Nach knapp fünf Jahren konnte Rosenberg nicht mehr und sie beschloss, mit ihrer Familie aus ihrem Elternhaus auszuziehen und in ein Haus in der Nähe zu ziehen. Für die 24-Stunden-Betreuung holte sie sich zwei Hilfen aus Osteuropa.

Pflege kostet Geld

In ihrem Vortrag stellte sie aber auch andere Pflegeformen vor. Allen gemein ist, dass sie Geld kosten. Man sollte sich daher im Familienkreis auch über diese Zusatzbelastung im Vorfeld Gedanken machen.

Des Weiteren appellierte Rosenberg, sich frühzeitig mit Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung auseinanderzusetzen. Beides helfe nicht nur einem selbst, sondern auch den Angehörigen.

Die vielen Gäste waren eingangs von Sparkassen-Vorstand Harry Weiß begrüßt worden. Wie dieser ausführte, sei Pflege im Alter für die meisten noch immer ein Thema, mit dem man sich nur ungern auseinandersetze. Und das, obwohl viele früher oder später betroffen seien - als Pflegender oder als Gepflegter; seien doch aktuell bereits 3,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig - mit weiterhin stark steigender Tendenz.

Das schlechte Gewissen

Auf die Frage aus dem Publikum, was man gegen das permanent schlechte Gewissen machen könne, zu pflegende Angehörige in ein Seniorenhaus gegeben zu haben, wusste auch Rosenberg kein Patenrezept. Ein kleiner Tipp: "Pinnen Sie einen Zettel an den Kühlschrank, worauf steht, was Sie schon alles für ihre Eltern machen."

Um herauszufinden, welche Hilfen vor Ort zur Verfügung stehen, sollte man sich an die Pflegekasse als ersten Ansprechpartner wenden. Klar sollte man sich jedoch darüber sein, dass die Pflegeversicherung nur eine Teilkasko sei und nicht alles abdecke.

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