Stockheim
Bahnhofshistorie

Heute Durchschnittshalt, früher Industriezentrum - Wie Kohle und Glas den Bahnhof Stockheim prägten

Der Bahnhof Stockheim stand einst symbolisch für den Aufstieg des kleinen Ortes zur überregional bedeutenden Bergwerksgemeinde. Heute ist vom Glanz nichts mehr zu sehen.
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Der Bahnhof in Stockheim - aufgenommen im Dezember 2018. Foto: Andreas Schmitt
Der Bahnhof in Stockheim - aufgenommen im Dezember 2018. Foto: Andreas Schmitt
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Zwei viereckige Bauten aus Beton, an der Seite bestückt mit einer dreckigen Glasfront. Beschmiert mit Graffiti, gezeichnet von der Witterung und teilweise bewachsen von Unkraut und Efeu.

Die Gebäude, die je nach Fantasie des Betrachters an einen großen Stromverteilerkasten oder eine kleine, in die Jahre gekommene Sporthalle erinnern, sind die Eingänge zu der Unterführung, die die Reisenden in Stockheim zu den Gleisen bringen. Praktisch und zielführend könnte man sagen. Hässlich und ohne Charme würde auch stimmen.

Doch Gerd Fleischmann, Ortshistoriker und Heimatpfleger, benutzt ganz andere Worte: "Der Bahnhof Stockheim war dominant", sagt der 75-Jährige über den Haltepunkt der Bergwerksgemeinde. Richtig: er war. Denn den Bahnhof, an den sich Fleischmann gerne erinnert, gibt es nicht mehr.

Einfach abgerissen

"1978 wurde das Gebäude aus hell leuchtendem Sandstein mit seiner beheizten Wartehalle voreilig abgerissen", beklagt Fleischmann, der in seinem Haus in Stockheim ein großes Archiv über die Ortsgeschichte pflegt. "Damit ging auch ein Symbol des Aufschwungs."

Denn Stockheim war lange Zeit einer der wichtigsten Bahnhöfe der Region. "Beim Frachtaufkommen lag der Ort 1877 auf Platz 15 in Bayern", erläutert Gerd Fleischmann. Stockheim war ein riesiger Umschlagsplatz für Mensch und Material. Auf zwölf Gleisen ratterten die Loks.

Die Kohle soll aufs Gleis

Der Aufschwung Stockheims begann mit der Kohle. Ab 1758 wurde das "schwarze Gold" in verschiedenen Gruben gefördert - unter anderem im Maxschacht und in der Katharina-Zeche. Das Problem war der Weitertransport: Mit Pferdefuhrwerken brachte man die Kohle lange Jahre nach Hochstadt am Main (Kreis Lichtenfels), wo es seit 1849 Anschluss an das Schienenetz gab. Der fehlende Bahnhof vor Ort war für die Stockheimer Grubenbesitzer ein Standortnachteil. Immer wieder forderten sie in München bei der bayerischen Regierung eine Strecke gen Norden. Ab 1861 wurde die Frankenwaldbahn Realität - zunächst bis Gundelsdorf. "Erstaunlich schnell ging es dann auch bis Stockheim", erzählt Fleischmann. Am 1. März 1863 wurde der Bahnhof eröffnet.

Zu den Zechen wurden Drahtseilbahnen gebaut, um den Transport zu den Güterzügen zu beschleunigen. 70 bis 80 Fuhrwerke Schiefer kamen aus Lehesten an. Und der Bahnhof lockte auch Industrielle an. "Die aus dem Schwarzwald stammenden Glasbläser kamen wegen dem Holz und der guten Zuganbindung in den Frankenwald", erzählt Fleischmann, wie es dazu kam, dass sich die Champagnerflaschenfabrik Sigwart & Möhrle 1877 in Stockheim ansiedelte. Fleischmann: "Sie hatten bis zu 400 Beschäftigte. Der Glasstandort Stockheim war damals wichtiger als die Glashütten am Rennsteig."

Einwohnerzahl verdoppelt sich

Und das brachte Zuzug. Die Einwohnerzahl Stockheims verdoppelte sich von 1877 bis 1900 von 500 auf 1000. Und die Infrastruktur der Eisenbahn wuchs mit. 1885 wurde die Frankenwaldbahn nach Norden weiter gebaut und war nun Teil der Achse von München nach Berlin. 1901 kam die Nebenbahn über Burggrub und Sonneberg nach Coburg dazu.

Ab dieser Zeit war Stockheim offiziell ein bayerisch-preußischer Gemeinschaftsbahnhof. 1905 wurde die gesamte Frankenwaldbahn zweigleisig. "Da ist richtig was passiert", sagt Fleischmann. Am Bahnhof Stockheim gab es zwei Stellwerke, einen Lokschuppen und eine über 100 Meter lange Kohleverladeanlage. "Kohle, Bahnhof und Glashütte waren der Grundstein für die Entwicklung Stockheims vom Bauerndorf zur Industriegemeinde."

Komplette Gegenrichtung

Doch so umfangreich die Eisenbahn am Aufstieg des Ortes beteiligt war, so schnell ging es mit dem Bahnstandort auch abwärts, als die anderen beiden Grundsteine verloren gingen. 1930 wurde die Glasfabrik stillgelegt und auch mit dem Bergbau ging es stetig bergab. Er wurde 1968 endgültig begraben. Zudem nahmen die Pendlerzahlen durch die Motorisierung der Bevölkerung ab.

"Am Bahnhof setzte die Hysterie ein, dass das alte Zeugs weg sollte", beschreibt Fleischmann. Nicht nur das Hauptgebäude verschwand, auch der Betrieb im nach Pressig verlagerten Stellwerk und auf den Verladegleisen wurde eingestellt. 1972 fuhr der letzte Zug auf der nach der Grenzziehung bis Burggrub laufenden Nebenbahn. 1978 wurde das neue, 400 000 Mark teure Bahnhofsgebäude eröffnet - allerdings nicht richtig. "Der Schalterbetrieb wurde nie aufgenommen", sagt Fleischmann. Und so ist von der Stockheimer Blütezeit rund um den Bahnhalt heute nichts mehr zu sehen.

Warum ein späterer Landtagsabgeordneter im Stockheimer Wasserturm nasse Füße bekam, lesen Sie hier.

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