Kronach
Antrag

Gottfried Neukam: Diskussion um NSDAP-Vergangenheit neu aufgelegt

Die Kronacher Frauenliste will die Gottfried-Neukam-Schule umbenennen. Grund dafür ist die Rolle des Künstlers im Dritten Reich.
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Soll die Gottfried-Neukam-Schule umbenannt werden? Das steht wohl bald zur Diskussion im Stadtrat. Foto: Marian Hamacher
Soll die Gottfried-Neukam-Schule umbenannt werden? Das steht wohl bald zur Diskussion im Stadtrat. Foto: Marian Hamacher
Es mag für manche Leser ein Déjà-vu sein: Die Diskussion über den Kronacher Künstler Gottfried Neukam und seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus hat schon einmal die Zeitungsseiten gefüllt. Im August und September 1994 kochte in der Kreisstadt eine hitzige Diskussion hoch, die schnell weg von Änderung von Straßen- und Schulnamen hin zu Grundsatzdiskussionen über Mitläufertum und Opportunismus führten.

Der Hintergrund: Neukam war in den 1930er Jahren nachweislich Mitglied der NSDAP und hatte unter anderem die Funktion des Kunstwarts der Stadt Kronach inne. 1948 wurde er vor Gericht offiziell als Mitläufer eingestuft und galt nach einer Geldstrafe als entnazifiziert. Dass trotz der politischen Vergangenheit in der Kreisstadt eine Straße und Schule nach ihm benannt sind, sorgte in den 90ern für Zündstoff.


Polemische Züg

Das Echo auf mögliche Konsequenzen aus der Parteizugehörigkeit war allerdings eindeutig: Aus zahllosen Leserbriefen von damals liest man heute vor allem eine flammende Begeisterung für den Künstler. Neukam sei ein "solider und anständiger Mensch" gewesen, schreibt ein Leser, ein anderer: "Neukam war ein aufrechter Mann, dem die alten Kronacher heute noch Wertschätzung entgegenbringen."

Polemische Züge nahm die Diskussion vor allem in der Auseinandersetzung mit denjenigen an, die der Meinung waren, man solle "Mitläufer nicht auch noch ehren", denn "Mitläufer werde man aus Gleichgültigkeit, aus Feigheit, aus Opportunismus" (FT, 24.08.1994) und demnach sei ein besseres Vorbild für die Schülerinnen und Schüler zu wählen. Diese Aussagen polarisierten enorm und zogen zahlreiche weitere Zuschriften nach - die nicht selten den Autor persönlich angriffen.

Auch der vergangenes Jahr verstorbene Altbürgermeister Baptist Hempfling (CSU) meldete sich als Zeitgenosse von Neukam zu Wort: "Gottfried Neukam war kein politischer Fanatiker, der anderen Bürgern Schaden zugefügt hat. (...) Es blieb ihm, wollte er nicht untergehen, gar nichts anders übrig als sich in unwesentlichen Bereichen mit dem System zu arrangieren. (...) Er war ein solider, anständiger Mensch und Bürger zugleich." (FT, 22.8.1994) Die Diskussion verstummte - bis gestern.

"Es ist an der Zeit, das Ganze zu überdenken und neu zu diskutieren", sagt Stadträtin Angela Degen-Madaus (FL). Am Mittwochmorgen habe sie im Namen der Frauenliste offiziell einen Antrag auf Namensänderung der Gottfried-Neukam-Schule bei der Stadt eingereicht. Auch Degen erinnert sich noch an die damals heftige Diskussion. Doch stellt klar: "Wir wollen hier einen Denkanstoß geben und eine Diskussion frei von Polemik führen." Fest stehe aber, dass sie Gottfried Neukam aufgrund seiner politischen Rolle seit Beginn des Dritten Reichs nicht für einen angemessenen Namensgeber für die Schule hält - unabhängig von seiner zweifelsfrei anerkennenswerten künstlerischen Leistung. Von einem "Vorbildcharakter für die Jugend" könne laut Antrag nicht die Rede sein.
Rückenwind bekommt die Frauenliste von Grünen-Stadtrat Peter Witton: "Vom Gefühl her stimme ich diesem Antrag absolut zu." Denn der Namensträger einer Schule sei auch ein Symbol für die Inhalte. Die herausragende künstlerische Leistung eines Menschen dürfe nicht verschleiern, dass er eine wesentliche Rolle in der NSDAP gespielt und damit politisches Fehlverhalten an den Tag gelegt habe. "Für eine öffentliche Bildungseinrichtung ist das kein angemessener Namensgeber", so Witton.


Schreiber statt Neukam

Bereits seit den 70er-Jahren trägt die Mittelschule den Namen des Künstlers. Die Frauenliste regt unter anderem an, dass der Kronacher Bildhauer Heinrich Schreiber anstelle der bisherigen Benennung tritt, auch Musiker und Komponist Max Baumann als Namensgeber oder die Bezeichnung "Mittelschule am Kreuzberg" nennt Degen in ihrem Antrag.

Dieser ist bei Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein angekommen, wie er auf FT-Anfrage bestätigt. Viel wolle er allerdings nicht dazu sagen - außer, dass der Antrag geprüft und zeitnah im Stadtrat oder Schulausschuss diskutiert werde. "Ich will das nicht bewerten", sagt Beiergrößlein, "das sollen andere machen." Der Frauenliste werde die Möglichkeit gegeben, ihre Argumente vorzutragen - die Mehrheit entscheide dann. Beiergrößlein sieht das Ergebnis offen, bleibt vor allem diplomatisch: "Was man heute entscheidet, kann in 40 Jahren falsch gewesen sein."

Jonas Geißler (CSU) ist deutlicher: "Ich halte es für einen Fehler, die Diskussion erneut zu führen." Im Zweifel würden dieselben Gräben wieder aufgerissen wie vor 24 Jahren - mit dem gleichen Ergebnis wie damals. "Man hat die Schule ja nicht nach dem NSDAP-Mitglied Neukam benannt, sondern nach dem Künstler." Die Entscheidungsträger von damals haben ihn auch im Wissen um seine Vergangenheit ausgewählt.

Die Art und Weise, wie die Frauenliste das Thema in die Öffentlichkeit bringe, finde er abgesehen davon unmöglich. Man sollte zunächst das Gespräch mit allen Fraktionen suchen. "Ich habe den Eindruck, es geht hier mehr um die persönliche Profilierung, nicht darum, ernsthaft etwas Positives zu erreichen."

Michael Zwingmann (FW) steht einer Diskussion zur Namensänderung prinzipiell offen gegenüber, wolle sich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings auf keine konkrete Aussage einlassen. "Der Antrag liegt uns noch nicht vor - ist das der Fall, hat man sich mit den Hintergründen bekanntgemacht und die Begründung der FL gehört, kann man gerne eine Diskussion führen."


Historiker soll prüfen

Ralf Völkl (SPD) findet es ebenfalls sinnvoll, dass man sehr genau diskutiert - sich dabei aber unter Umständen eine weitere Instanz mit ins Boot holt. Sein Vorschlag: Die Vergangenheit des Künstlers und seine Rolle in der Partei durch eine neutrale Stelle bewerten zu lassen, indem man beispielsweise einen Historiker beauftragt. "Es treffen viele unterschiedliche Meinungen aufeinander - und es macht keinen Sinn, sich die Köpfe einzuschlagen." Eine sachliche Faktenbasis könne dabei helfen, die Diskussion auf einem seriösen und nicht persönlichen Niveau zu führen.
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