Kleintettau
Porträt

Glas und Kleintettau haben sein Leben mitbestimmt

Albert Ebertsch nimmt trotz seiner 90 Jahre am Gemeindeleben in Kleintettau teil und verfolgt die Entwicklung seines ehemaligen Arbeitgebers Heinz-Glas.
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Stolz präsentiert Albert Ebertsch eine Vielzahl von Glasflakons aus seiner Sammlung.  Foto: Veronika Schadeck
Stolz präsentiert Albert Ebertsch eine Vielzahl von Glasflakons aus seiner Sammlung. Foto: Veronika Schadeck

Wenn Albert Ebertsch durch Kleintettau fährt, spricht er vom Wandel und von damals, als er als Tschirner mit 15 Jahren seine berufliche Laufbahn in Kleintettau startete. Schon lange ist das Glasmacherdorf seine Heimat geworden.

Ebertsch blättert in seinem Foto-Album. Er öffnet eine Tür seines Wohnzimmerschranks. "Ist das nicht ein schöner Anblick?", fragt er und seine Augen strahlen. Voller Stolz präsentiert er eine Vielzahl von Glasflakons. Darunter sind auch viele, die seinen Stempel tragen. Es ist sein eigenes kleines Glasmuseum. Die Sammlung dokumentiert, dass neben der Familie das Glas sein Leben bestimmt hat.

Albert Ebertsch ist ein Kind des Krieges. Er wurde 1929 geboren und sollte noch wenige Tage vor Kriegsende zum Arbeitsdienst. "Es war eine böse Zeit damals." Ein Jahr zuvor, genau am Tag der Landung der Alliierten in der Normandie im Jahr 1944, startete er seine Ausbildung zum Betriebsschlosser bei der Firma Heinz. Das bedeutete für den jungen Mann, dass er um 3.30 Uhr aufstehen musste, um dann zwölf Kilometer nach Förtschendorf zum Bahnhof zu marschieren. Von dort ging es mit der Bahn weiter über Pressig und Heinersdorf zur Alexanderhütte und von dort aus zu Fuß nach Kleintettau. Während der Woche war er in einer Werkswohnung untergebracht.

Damals ahnte er nicht, dass sein Ausbildungsbetrieb und die Gemeinde Kleintettau bis zum heutigen Tag sein Leben mitbestimmen würden. Das wird aber an seinen Flakons deutlich, die er über Jahrzehnte gesammelt hat. Er zeigt aus Glas geschliffene Gefäße mit schmalem Hals in eckigen, breiten und runden Formen. Stolz hält der Rentner einen "4711-Flakon" in den Händen. "Das darin verpackte ,Echt kölnisch Wasser‘ dominierte einst den Parfümmarkt, erklärt er.

Cheffahrer und Lkw-Fahrer

Noch heute bezeichnet er es als ein Riesenglück, dass er sich in seiner Jugendzeit mit Adolf Heinz, dem Vater des jetzigen Präsidenten Carl-August Heinz, anfreundete. Adolf Heinz führte später die Glashütte. "Ich wurde in verschiedenen Abteilungen eingesetzt und gefördert." In seiner beruflichen Laufbahn arbeitete Ebertsch als Schlosser, Cheffahrer und Lkw-Fahrer. Er war im Formenbau tätig und übernahm später die Werkstattleitung. Er lernte durch seine Tätigkeiten ganz Deutschland kennen und erlebte eine rasante technische Entwicklung im Unternehmen. Er entwickelte sich zum Pionier in der Qualitätssicherung und erlebte die Bierholerin, die bis in die 70er Jahre für Abhilfe sorgte, wenn die Glasmacher, die in der Glashütte starker Hitze ausgesetzt waren, enormen Durst hatten. Albert Ebertsch eignete sich im Laufe der Jahre immer mehr Wissen an und vertrat die Interessen von Heinz-Glas im Fachverband Behälterglas/Düsseldorf. Er war auf Messen und Tagungen präsent und erlebte, wie Anfang der 60er Jahre dringend Mitarbeiter gesucht wurden und die ersten Gastarbeiter nach Tettau kamen. "Oftmals haben die Leute Doppelschichten gemacht!" Zuerst waren es die Italiener, später die Türken. Man beschnupperte sich, vieles war fremd an den neuen Kollegen, nicht nur die Sprache, erinnert er sich. Die neuen Kollegen hatten eine andere Religion und andere Sitten.

"Das Miteinander funktioniert"

Die Sprachenbarrieren waren in den Anfangsjahren enorm. "Wir haben mit Händen und Füßen kommuniziert!" Damals ging man davon aus, dass die Gastarbeiter nur wenige Jahre bleiben würden. Mittlerweile lebt die dritte Generation in Kleintettau. Ebertsch: "Es funktioniert doch ganz gut, das Miteinander!" Im Laufe der Jahre wurde Tettau, nicht zuletzt wegen der ausländischen Mitarbeiter in den Glashütten, bunter. Es gab in der überwiegend protestantisch geprägten Gemeinde mit der Zeit mehr Muslime als Katholiken. "Bis heute ist das aber alles kein Problem!"

Vier Kinder haben Albert Ebertsch und seine Frau Hella großgezogen. Zwei davon haben heute noch ihren Lebensmittelpunkt in Kleintettau, ein Sohn ist der Bürgermeister.

Stolz ist der Senior auf die Entwicklung der Heinz-Unternehmensgruppe. "Es ist ein gutes Gefühl, hierzu einen Beitrag geleistet zu haben." Noch bis vor zwei Jahren stand Ebertsch im Glasmuseum, um dort den Besuchern an Halbautomaten vorzuführen, wie Glas ab den 1920er Jahren hergestellt wurde.

Der jungen Generation rät er: "Man sollte auch das erkennen, was einem das Leben schenkt!" In seinem Fall war es das Glück, nicht mehr in den Krieg ziehen zu müssen, eine Familie und gute Freunde zu haben und in einem Unternehmen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, das für ihn viel mehr als ein Arbeitgeber war.

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