Tettau
Wirtschaft

Gerresheimer-Werkleiter: "In der Region Tettau gibt es alles, was die Glasindustrie benötigt"

Gerresheimer-Werkleiter Bernd Hörauf berichtet über die Vor- und Nachteile des Standorts Tettau und von neuen Herausforderungen für die Glasindustrie.
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Gerresheimer   Tettau produziert    Glasbehälter für die Kosmetikindustrie. Knapp  600 Menschen arbeiten dort. Foto: Gerresheimer
Gerresheimer Tettau produziert Glasbehälter für die Kosmetikindustrie. Knapp 600 Menschen arbeiten dort. Foto: Gerresheimer
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Vor dem Besuch von Minister Georg Eisenreich (CSU) in Tettau stand Werkleiter Bernd Hörauf unserer Redaktion Rede und Antwort.

Herr Hörauf, wo liegen die Vorteile des Standorts Tettau für Ihr Werk? Bernd Hörauf: Die Glasindustrie hat im Landkreis Kronach eine große Bedeutung. Jeder fünfte der rund 24000 Arbeitsplätze entfällt auf die Branche. Hinzu kommt die große Tradition der Glasmacherei in Tettau und Umgebung. Die Leute sind die energieintensive Industrie, bei der die Schmelzwannen an 365 Tagen nicht stillstehen, vor der Haustür gewohnt und leben von und mit ihr. Dementsprechend ist auch das Know-how vorhanden. Egal, ob Formenbau, externe Dekoration, Kartonagenhersteller oder Zulieferer - in der Region hat sich alles entwickelt, was die Glasindustrie benötigt.

Ist es das auch, was den Standort Tettau auszeichnet? Ja, kaum irgendwo anders wird man so eine mit dem Industriezweig verwurzelte, gut ausgebildete, motivierte und standorttreue Belegschaft finden, wofür ich den Mitarbeitern herzlich danken möchte.

Und wo liegen die Nachteile des Standortes Tettau?

Wir sind ein globales Unternehmen, 80 Prozent unserer Produkte werden ins Ausland exportiert. Außerdem sind wir ind ein one-stop-Shop. Das heißt, wir entwickeln, produzieren, veredeln und vertreiben an einem Standort. Da ist die schlechte Verkehrsanbindung sicherlich der größte Nachteil. Hinzu kommen durch die Energiewende bedingte Beeinträchtigungen. Etwa der physikalische Pfad, wonach die Strom-Netzentgelte danach berechnet, wie weit weg man vom Grundkraftwerk ist. Und der nächste relevante Knotenpunkt ist bei Nürnberg.

Was waren die größten Erfolge der vergangenen Jahre? Wir erhöhten unsere Druckkapazität für rund sechs Millionen Euro Kosten. Außerdem haben wir 2016 für rund 22 Millionen Euro eine neue Schmelzwannenanlage eingebaut. Damit haben wir unser internationales Kundenportfolio zu erweitern.

Was sind die größten Herausforderungen für die Zukunft? In Zeiten von Industrie 4.0 und des demografischen Wandels ist es für uns nicht nur wichtig, neue, sondern vor allem qualifizierte Mitarbeiter bekommen. Die Ansprüche entwickeln sich weg vom reinen Handwerksberuf. Digitalisierung und internationales Denken werden wichtiger. Da reicht es an manchen Positionen nicht mehr, nur Deutsch und Englisch zu sprechen. Das zeigt sich verstärkt auch in der Ausbildung, wo wir den jungen Menschen im Verband mit den anderen Gerresheimer-Standorten beste Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Unsere Ausbildungsquote liegt weit höher als fünf Prozent, momentan haben wir 36 Azubis, unter denen fünf Bachelor-Studenten sind, die bei uns eine duale Ausbildung machen.

Wie kam es dazu, dass Minister Eisenreich Ihre Firma besucht? Die Anfrage von Landtagsabgeordnetem Jürgen Baumgärtner haben wir sehr gerne positiv beantwortet. Wir sind ja auch in Gremien aktiv und finden es sehr gut, wenn sich der Minister ein Bild macht vom gläsernen Herz Deutschlands.

Was möchten Sie dem Minister mitgeben? Meiner persönlichen Meinung nach wird zu viel Wert auf Dienstleitung und IT gelegt. Klar, die wertvollsten Unternehmen der Welt sind Plattformen. Doch auch uns Produkthersteller wird es immer geben. Vernetzung und Dienstleistung ist auch bei uns bei uns wichtig, aber wir müssen auch wieder den Mitarbeiter in den Fokus stelle, der zum Beispiel eine Schmelzwanne betreiben kann.

Und was sind die nächsten Herausforderungen für das Tettauer Werk? Wir wollen weiter wachsen und unser Kundenportfolio stabilisieren. Den Bereich der Glasdekorationen wollen wir ausbauen. Und für 2021 ist der nächste neue Schmelzwannenbau vorgesehen.

Die Fragen stellte Andreas Schmitt

Das Werk in Tettau - ein traditionsreiche Geschichte

Tradition Tettau ist seit fast 350 Jahren bekannt für seine Glasmacherkunst. 1785 wurde am jetzigen Standort die erste Glashütte erbaut. 1967 gründete sich die Tettauer Glashüttenwerke AG. Seit 1998 gehört das Werk zum Gerresheimer-Konzern und hält mit der Firma Heinz-Glas im Nachbarort Kleintettau die Glastradition hoch.

Kosmetik Tettau ist neben dem Schwesterwerk in Momignies (Belgien) in der Gerresheimer-Gruppe verantwortlich für die Produktion von Glasverpackungen für die Kosmetikindustrie. 90 Prozent der Tettauer Produktion bedient Kosmetikkonzerne, der Rest Pharma-, Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie.

Kunden Das Werk beliefert namhafte Konzerne wie Beiersdorf, Coty, Procter & Gamble, Unilever oder L`Oréal.

Modernisierung 2016 wurde eine der beiden Glasschmelzwannen erneuert. Sie zählt jetzt zu den größten Kosmetikwannen der Welt.

Produktion Im Werk wird an 365 Tagen 24 Stunden lang gearbeitet. Die Glasschmelze darf niemals erkalten. In Tettau entstehen pro Tag bis zu 2,5 Millionen Glasflakons.



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