Kronach
Interview

Gerhard Brühl kämpft gegen Missstände im Gesundheitssystem

Die ärztliche Versorgung beschäftigt Gerhard Brühl, den einzig niedergelassenen Kardiologen in Kronach, schon lange. Nun will er auch aktiv etwas unternehmen, sich politisch engagieren, um ein Umdenken zu bewirken.
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Gerhard Brühl (links) sprach vor kurzem den Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) auf die ungleiche ärztliche Versorgung an. Foto: Matthias Hoch
Gerhard Brühl (links) sprach vor kurzem den Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) auf die ungleiche ärztliche Versorgung an. Foto: Matthias Hoch
Stunden könnte Gerhard Brühl über die ungleiche ärztliche Versorgung auf dem Land und in den Zentren reden. Das tut er nicht, vielmehr arbeitet er. Seine Arbeitswochen haben meistens zwischen 60 und 70 Stunden. Er ist der einzige niedergelassene Kardiologe im Kreis Kronach - und auch in Lichtenfels gibt es keinen. Im Arztkittel stand er Anfang August vor dem Feststoudl in Neufang, um sich Ministerpräsident Horst Seehofer persönlich zur Seite zu nehmen, ihn auf diesen Missstand in der ärztlichen Versorgung hinzuweisen. Kurz darauf wurde bekannt, dass Brühl auch in die Politik will, genauer gesagt in den Kreistag, eben um etwas gegen die Missstände im Gesundheitssystem zu unternehmen.

Herr Brühl, was ärgert Sie eigentlich so sehr an der ärztlichen Versorgung?
Gerhard Brühl: Es ist einfach nicht einzusehen, dass Patienten hier auf dem Land derart lange Wartezeiten hinnehmen müssen und diejenigen in den Ballungszentren zu jeder Zeit einen Termin bekommen. Es ist den Patienten hier ja nicht zuzumuten, von Ludwigsstadt nach Bayreuth zu fahren. Das beeinträchtigt die Lebensqualität enorm. Genau das hab ich Horst Seehofer gesagt.

Gerade bei Herzerkrankungen können Patienten ja meistens nicht lange warten. Wie regeln Sie das in Ihrer Praxis?
Das stimmt. Patienten mit Herzproblemen müssen gleich untersucht werden. Wir haben eine Art Filtersystem. Wir versuchen keine Notfälle warten zu lassen. Das heißt, wenn ein Patient bei seinem Hausarzt war, dieser hier anruft und uns erklärt, wie dringend das ist, dann quetschen wir denjenigen rein.

Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass sich für den ländlichen Bereich kaum Ärzte finden?
Der Ärztemangel trifft uns Fachärzte genauso wie die Hausärzte. Das liegt an den schlechten Honorarsätzen, am Verwaltungsaufwand und an den so genannten weichen Standortfaktoren. Generell kommt es aber immer darauf an, was man als Arzt will. Die Voraussetzungen sind hier auch nicht schlechter als anderswo.

Ist es in einem so komplexen Bereich wie der Kardiologie noch schwerer, Nachwuchs zu finden?

Sicherlich. In der Kardiologie muss man sich nach dem Studium nochmal gut zehn Jahre spezialisieren, bevor man eigenverantwortlich arbeiten kann. Und diejenigen, die so eine hohe Spezialisierung haben, gehen lieber in Zentren.

Sie sind ja auch kein gebürtiger Kronacher. Warum haben Sie sich hier niedergelassen?
Ich komme aus München, war dann in Traunstein, Passau und Hamburg. Ich hatte dann eine Praxis in München an der Hand. Aber dann ist man 1997 an mich herangetreten und hat gesagt: "Komm' doch nach Kronach. Dort ist noch ein weißer Fleck im Bereich der Kardiologie." Und da kam bei mir noch die Ideologie hinzu, dass ich mir gesagt habe, hier werde ich gebraucht. In München gibt es schließlich viele niedergelassene Kardiologen. Hätte man mir damals gesagt, dass ich hier 60- oder 70-Stunden-Wochen habe, wäre ich vielleicht auch zurückgeschreckt. Aber so bin ich hineingewachsen, habe meinen Patienten gegenüber ein Verantwortungsgefühl.

Zu Ihnen kommen Patienten aus den Landkreisen Kronach, Lichtenfels, Hof, Saale-Orla oder Sonneberg. Sie könnten sicher Unterstützung gebrauchen. Warum finden Sie konkret keinen Partner in Ihrer Praxis?
Ich hatte zum Beispiel mal einen Kollegen, der in meine Praxis mit eingestiegen wäre. Aber von der Kassenärztlichen Vereinigung hieß es damals, die Versorgung in Kronach sei ausreichend. Und obwohl ich nachweisen konnte, dass Patienten auf der Warteliste gestorben sind, hat das beim Zulassungsausschuss damals niemanden interessiert.

Sie bewerben sich nun um ein Kreistagsmandat. Wie lässt sich das mit ihrem Verantwortungsgefühl gegenüber Ihren Patienten, die eh lange Wartezeiten haben, wie Sie sagen, vereinbaren?
Ich hab da eigentlich nur positive Rückmeldungen bekommen von meinen Patienten und Kollegen. Und ich bin auch der Meinung: Nur dadurch, dass man darüber spricht, kann man auch einen Anstoß zur Veränderung geben. Das Gesundheitssystem ist mittlerweile schon so komplex, dass keiner mehr wirklich durchblickt. Deshalb war das wohl auch im Bundestagswahlkampf kaum Thema.

Was läuft Ihrer Meinung nach im Gesundheitswesen konkret falsch?
Das fängt bei der zunehmenden Ökonomisierung in den Krankenhäusern an und geht über die Fallpauschale bis hin zu den Kassen, die auf dem Geld sitzen. Wenn Personal abgebaut werden muss, bleibt immer weniger Zeit für den Patienten, der menschliche Aspekt bleibt auf der Strecke. Der Patient darf aber nicht nur eine Nummer sein, es braucht ein gewisses Vertrauensverhältnis. Die Kassen müssten mehr in das Gesundheitswesen investieren. Das Geld kommt nicht mehr bei den Leistungsträgern an. Durch die zunehmende Ökonomie wird leider aber auch die Kluft zwischen dem medizinisch Machbaren und dem Bezahlbaren immer größer.

Zurück zur Politik. Die Grünen haben im Kreistag den Vorschlag eingebracht, angehenden Ärzten eine Ausbildung in einem Guss zu ermöglichen. Das heißt, dass sie an der Klinik in allen Abteilungen, in denen sie arbeiten müssen, eine Stelle bekommen und anschließend bei einem niedergelassenen Allgemeinmediziner ihre fünfjährige Ausbildung beenden können. Was halten Sie davon?
Dieser Vorschlag ist gut. So etwas Ähnliches gibt es ja auch in Lichtenfels. Das geht aber nur, wenn es stabile Strukturen am Krankenhaus gibt. Man muss das Backup der Geschäftsführung haben und natürlich auch willige Ärzte.

Das heißt, es braucht ein Umdenken, um dem Ärztemangel auf dem Land zu begegnen?
Ja, man muss alles versuchen. Ein Thema ist auch die Verweiblichung des Ärzteberufs. Es gibt immer mehr Frauen, die den Beruf ergreifen. Sie haben natürlich den Anspruch, ihre Kinder erziehen und betreuen zu wollen. Da braucht es neue Möglichkeiten, andere Praxismodelle - zum Beispiel dass sich mehrere Frauen eine Praxis teilen.

Kommt dieses Umdenken zu spät?
Das ist eine schwere Frage. Ich denke, es läuft jetzt an, ist aber zäh. Die Politik muss sich endlich die Frage stellen, ob man mit der Gesundheit Geld verdienen muss oder ob eine schwarze Null reicht. Ich denke, dass sie reicht. Man muss sich einfach fragen, wie es weitergehen soll.

Sie sind 56 Jahre alt. Müssen Sie jetzt schon Ausschau nach einem Nachfolger halten?
Ich hab mir da auch schon Gedanken gemacht. Ich hab ein Verantwortungsgefühl meinen Patienten gegenüber. Deshalb bin ich auch nochmal in die Vollen gegangen und hab in eine neue Herzkatheteranlage investiert. Ich mach also noch zehn, 15 Jahre weiter - in der Hoffnung, einen Kollegen zu finden.

Die Fragen stellte Corinna Igler











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