Mödlareuth
30 Jahre Mauerfall

Frankens "geteiltes Dorf": Mödlareuther wollen nicht mehr über traurige Dorfgeschichte sprechen

Der Medienrummel in "Little Berlin" lässt nicht nach: Kein anderes Dorf steht so symbolisch für die Teilung Deutschlands wie Mödlareuth. Doch den Einwohnern selbst ist nicht mehr nach Reden zumute.
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Als "geteiltes Dorf" wurde Mödlareuth bekannt. Noch heute stehen Teile der ehemaligen Grenzanlage. Foto: Jutta Rudel
Als "geteiltes Dorf" wurde Mödlareuth bekannt. Noch heute stehen Teile der ehemaligen Grenzanlage. Foto: Jutta Rudel
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Die Mödlareuther haben die Faxen dicke. Immer wieder die gleichen Fragen, schon wieder das nächste Mikrofon im Gesicht. "Irgendwann ist die Luft raus", bringt es Robert Lebegern auf den Punkt. Geteiltes Dorf, Spielfilm-Vorbild, Schulklassen-Mekka - und Heimat für 47 Menschen, durch deren Leben sich 38 Jahre lang ein dicker Steinwall zog. Doch auch 30 Jahre nach dem Mauerfall ist im kleinen Mödlareuth ein normales Alltagsleben nur bedingt möglich.

Vor dem Museumseingang steigt eine Brise pikanter Landluft in die Nase, ein Traktor tuckert vorbei. Zwei Mädchen begutachten auf der Toilette noch schnell ihre Frisuren, bevor sie kichernd zu ihren Klassenkameraden aufschließen. Robert Lebegern wartet im Keller des Museums, der als Archiv dient. Der Leiter der Gedenkstätte hat noch einmal nachgezählt: Ja, 47 Einwohner hat Mödlareuth heute, Durchschnittsalter 70 plus. Die meisten von ihnen seien mittlerweile Rentner, der Großteil der Bewohner betreibt Landwirtschaft. Fünf Familien sind nach 1990 hinzugezogen, ein neues Gebäude wurde errichtet, vier abgerissen.

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An einem ganz gewöhnlichen Montagvormittag sind es schon allein zwei Filmteams, die draußen vor dem trüben Weiher ihre Kameras aufbauen. Auf 47 Mödlareuther kommen an diesem Tag also acht Medienvertreter und zwei Schulklassen, die mit müden Augen über das Freigelände schlurfen. Zu Jahrestagen schießen die Besucherzahlen immer in die Höhe: Bis zu 80 000 Touristen kommen jährlich nach Mödlareuth, darunter etwa 450 Schulklassen. Rund 1000 Führungen leitet das Museumspersonal pro Jahr, rechnet Lebegern vor.

Schmerzhafte Erinnerungen ans "geteilte Dorf"

 

 

Für viele Einwohner ist das Leben im "geteilten Dorf" mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden. Darüber sprechen fällt schwer. Denn die Geschichten von Familien und Freundschaften, die durch die Mauer zerrissen wurden, die gibt es wirklich. Wie die der Zwillingsbrüder Max und Kurt Goller, deren Häuser nur 80 Meter Luftlinie trennten. Um sich zu Beginn der Teilung noch besuchen zu können, mussten sie jedoch einen Umweg von rund 80 Kilometern auf sich nehmen, mit dem Bus von Mödlareuth nach Plauen über Hof und ins "andere" Mödlareuth fahren. Später durfte der Ost-Bruder den West-Bruder nicht einmal mehr über die Mauer hinweg grüßen. Mittlerweile sind beide verstorben, ihre Nachkommen wohnen noch immer in Mödlareuth.

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"Es ist nicht leicht, immer und immer wieder in diese Emotionswelt hinabtauchen zu müssen. Die Einwohner hier sind nun mal keine Berufszeitzeugen", betont Lebegern. Dass die Mödlareuther mittlerweile nicht mehr für Interviews zur Verfügung stehen - absolut nachvollziehbar. Einige arbeiten noch an der Kasse des Museums. Natürlich sei da die eine oder andere Nachfrage zur Dorfgeschichte möglich. Hier werde niemand abgekanzelt, niemandem die Tür vor der Nase zugeschlagen. Doch die Mödlareuther seien den jahrelangen Medienrummel auch leid. Touristisch ausgeschlachtet habe man das Dörfchen jedoch nie.

Mödlareuther Mauer war Gewöhnungssache

 

 

Wie hat man hier nur leben können? Diese Frage müssen sich die Mödlareuther immer wieder anhören. "Es war ein Gewöhnungsprozess auf beiden Seiten", meint Lebegern. "Eine schleichende Entwicklung, in der man gelernt hat, mit der Mauer zu leben."

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18 Einwohner auf der bayerischen und 29 auf der thüringischen Seite sind es heute. Und irgendwie sind sie immer noch in einem geteilten Dorf: zwei Postleitzahlen, zwei Kfz-Kennzeichen, zwei Tageszeitungen, zwei Pflichtschulen, zwei Dialekte. Verwaltungstechnisch ist das Dorf weiterhin geteilt. Will ein Bayer seinem Thüringer Nachbarn einen Brief schicken, ist es deutlich günstiger, einfach persönlich vorbeizuschauen. Sonst macht der Umschlag einen kilometerweiten Umweg. Im bayerischen Mödlareuth sagt man "Grüß Gott", auf der thüringischen Seite "Guten Tag". Doch die Bayern sind keine Wessis und die Thüringer keine Ossis. "Das wollen sie hier gar nicht hören", warnt Lebegern. Doch eines sind sie alle: Mödlareuther.

Reste der Grenze im Original erhalten

Teile der Mauer waren bereits abgerissen, als der ehemalige Mödlareuther Bürgermeister Arnold Friedrich die Idee hatte, das Areal als Gedenkstätte zu nutzen. Am 3. September 1990 wurde das Deutsch-Deutsche-Museum Mödlareuth gegründet und nach und nach um einen Ausstellungsbereich, Archive, eine Bibliothek sowie ein Depot erweitert. Heute können Besucher die noch im Original erhaltene Betonsperrmauer, den Metallgitterzaun sowie die Beobachtungstürme besichtigen. Das Museum hat von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

 

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