Nordhalben
Umwelt

Forstexperte im Interview: "Den fränkischen Wäldern geht es aktuell nicht gut"

Borkenkäfer finden heuer beste Bedingungen, um sich zu vermehren. 50 000 Hektar Waldfläche umfasst alleine der Frankenwald in Bayern. Ob und wie die gefräßigen Tiere auch für den Nordosten Frankens gefährlich sind, erzählt der Forstbetriebsleiter von Nordhalben.
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Vom Sturm umgeworfene Fichten im Frankenwald: Nicht nur der Borkenkäfer stellt die Wälder in Bayern vor Herausforderungen.privat
Vom Sturm umgeworfene Fichten im Frankenwald: Nicht nur der Borkenkäfer stellt die Wälder in Bayern vor Herausforderungen.privat
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Die Fichte wird "Brotbaum des Frankenwaldes" genannt. Allerdings sind die flach wurzelnden Bäume auch anfällig für Stürme und Borkenkäfer. Wie es dem Frankenwald aktuell geht und ob ihm die Borkenkäfer gefährlich werden können, haben wir mit dem Leiter der Forstbetriebe Nordhalben Fritz Maier gesprochen:

Herr Meier, wie geht es aktuell den fränkischen Wäldern?
Den fränkischen Wäldern geht es aktuell nicht gut. Die monatelange Trockenheit in Verbindung mit den hohen Temperaturen hat zu folgenden Entwicklungen geführt:
a) Zu geringe Wasserversorgung der Bäume führt vor allem bei flach wurzelnden Baumarten (wie der Fichte) zu geringerem Wachstum, zu Trockenschäden und geringerer Widerstandskraft gegenüber Insekten (wie dem Borkenkäfer).
b) Im Frühjahr im Wald gepflanzte junge Bäume sind zum Teil komplett vertrocknet, weil sie mit ihrem noch kleinen Wurzelwerk nicht ausreichend Wasser aus dem Boden saugen konnten.
c) Intensive Entwicklung von Insekten (wie Borkenkäfer an Nadelbäumen oder Eichenprozessionsspinner an Laubbäumen) führt zu Schäden an Einzelbäumen und ganzen Waldbeständen und zum Beispiel beim Eichenprozessionsspinner lokal auch zu Beeinträchtigungen für die Menschen.
d) Baumsamen wie Bucheckern entwickeln sich an vielen Stellen weniger gut, sie bleiben kleiner und sind weniger vital (zum Beispiel Bucheckern).
e) Hohe Waldbrandgefahr durch ausgetrocknete Waldböden mit trockenen Nadeln und bereits jetzt zum Teil abfallenden Blättern.

Welche Rolle spielt der Wald in Franken?
Ein Drittel unseres Landes besteht aus Wald. Die überragende Bedeutung des Waldes hängt mit seinen vielfältigen Funktionen und Wirkungen auf Mensch und Umwelt zusammen. Als Beispiele seien genannt:
a) Sauerstoffproduktion und Kohlenstoffbindung klimaschädlicher Stoffe wie CO2.
b) Wasserreinigung, Hochwasserschutz und gleichmäßige Grundwasserspende durch naturnahe Mischwälder.
c) Lebens- (und damit Überlebens-) raum vielfältiger Tier- und Pflanzenarten.
d) Einkommensquelle für Waldbesitzer und Arbeitsplatz für den ganzen Cluster "Forst und Holz" (also vom Waldarbeiter über den Holzrücker und das Sägewerk bis zur Papierfabrik oder bis zum Schreiner oder Zimmerer).
e) Großräumiger Erholungs- und Erlebnisraum für die Menschen vor Ort und alle Besucher.
f) Produzent und Lieferant eines nachhaltig erzeugten, regional verfügbaren und gesuchten Rohstoffes (Holz verschiedener Baumarten)

Hitze und Dürre haben der Natur in den vergangenen Wochen stark zugesetzt: Wie steht"s um den Frankenwald?
Im Frankenwald kommen wir aus der guten Situation des vergangenen Jahres, nämlich wenig Borkenkäfer und vielen Regenfällen im Spätsommer und Herbst sowie einem Winter mit Schneefall. Trotzdem ist die Grenze für größere Schäden (vor allem durch Insekten) jetzt überschritten und solche Schäden treten zunehmend ein. Der Frankenwald mit seinen wasserdurchlässigen Böden aus Schiefergestein trocknet noch schneller aus als andere Mittelgebirge.

Welche Baumarten und wie viele Bäume gibt es im Frankenwald? In ganz Nordbayern?
Der Frankenwald ist durch menschliche Einflüsse aus der Vergangenheit immer noch stark geprägt von der Fichte. Zunehmend steigt aber die Zahl der Buchen und der tiefwurzelnden Tannen, die von den Bayerischen Staatsforsten im Staatswald und von den privaten und kommunalen Waldbesitzern gepflanzt werden oder sich aus Baumsamen natürlich verjüngen. Auch der Anteil der gegen Trockenheit widerstandsfähigeren Nadelbaumart Douglasie nimmt zu. Weitere Baumarten wie Berg- und Spitzahorn oder Kirsche auf nährstoffreicheren Böden sowie Birke und Aspe auf Freiflächen ergänzen den Mischwald, der im Staatswald nach dem Vier-Baum-Konzept aus mindestens vier verschiedenen Baumarten in jedem Waldbestand zusammengesetzt sein soll.

Außerhalb der Mittelgebirge Frankenwald, Fichtelgebirge und Rhön gibt es in Nordbayern auch große Laubwaldgebiete (zum Beispiel Spessart und Steigerwald), in denen die Fichte kaum eine Rolle spielt und dafür Buche, Eiche und weitere Laubbäume (beispielsweise Hainbuche. Winterlinde, Sommerlinde) das Waldbild prägen.

Es gibt eine nicht zählbare Zahl von Bäumen im Frankenwald, weil alleine durch die natürliche Ansamung jedes Jahr Millionen und Abermillionen Baumsamen zu Boden fallen, von denen viele keimen und zu kleinen Bäumchen werden, dann aber im Laufe eines langen Konkurrenzkampfes um Licht und Wasser über Jahrzehnte zu wenigen Hundert großen Bäumen pro Hektar Waldfläche heranwachsen.

Welchen Gefahren sind die Bäume ausgesetzt?
Vom Samen bis zum über 100 jährigen älteren Baum gibt es zahlreiche Einflüsse von außen. Trockenheit und Mäuse vernichten Baumsamen, Rüsselkäfer und Rehe sowie Hasen schädigen junge Pflanzen, nasser Schnee im Winter bricht Bäume, Stürme werfen einzelne Bäume oder ganze Baumgruppen um und Insekten fressen an Nadeln und Blätter oder können Bäume zum Absterben bringen (wie der Borkenkäfer).

Welche Rolle nehmen Schädlinge ein? Welche sind die "Hauptakteure"?
Insekten, die an, in oder von Bäumen leben gibt es zahlreich. Bäume sind in Normaljahren darauf eingestellt und können als Art damit gut umgehen. In besonderen Jahren können sich aber einzelne Insektenarten explosionsartig vermehren und zur waldvernichtenden Gefahr werden.
Hauptakteure an Nadelbäumen sind die Borkenkäfer, an Laubbäumen eher die Raupen von Schmetterlingsarten wie Spanner- oder Spinnerarten.

Borkenkäfer finden in diesem Sommer wieder einmal beste Bedingungen zur Vermehrung: Haben sie auch Franken schon erreicht?
Ja, der Borkenkäferbefall beginnt gerade in mehreren Gebieten (auch im Frankenwald) zu gravierenden Schäden zu führen.

Mehr als 80 Prozent des Frankenwaldes ist mit Fichten bewachsen. Steigert das die Gefahr eines Schädlingsbefalls?
Je eintöniger ein Wald ist, desto größer das Risiko für Schäden. Der Mischwald aus mindestens vier verschiedenen Baumarten sollte deshalb das Ziel für die nächste Waldgeneration sein.

Wie lässt sich ein Befall nachträglich bekämpfen?
Die Waldbesitzer können nur den Befall und die weitere Ausbreitung der Borkenkäfer eindämmen. Regelmäßige Suchen im Wald nach Anzeichen des Befalls (braunes Bohrmehl am Stammfuß oder in Rindenschuppen, Harzausfluss an den Einbohrlöchern am Stamm, viele abgefallene Nadeln rund um den Baum oder bereits rote Zweige in der Krone) und dann schnellstmögliche Fällung der befallenen Bäume mit Abtransport aus dem Wald (in mindestens 500 Meter Entfernung ) begrenzen die weitere Vermehrung der Borkenkäfer.

Was müsste geschehen, um die Gefahr eines Befalls nachhaltig zu minimieren?
Der naturnahe Mischwald aus mehreren Baumarten ist die Vorsorge, die der Staatswald und der private Waldbesitzer treffen können. Dies begleitet von regelmäßigen Kontrollen im eigenen Wald und konsequentem Waldschutz durch Borkenkäferbekämpfung sichern hoffentlich alle Waldfunktionen auch für die Zukunft.


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