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Nordhalben
Umwelt

Kreis Kronach: Forscher finden Mikroplastik im Wasser der Ködeltalsperre

Vier bayerische Flüsse und fünf Seen hat das Landesamt für Umwelt auf kleinste Plastikpartikel untersuchen lassen - und wurde zur eigenen Überraschung in allen fündig.
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Wasser unter der Lupe: Dass Mikroplastikpartikel in Proben vom Oberflächenwasser der Ködeltalsperre gefunden wurden, steht bereits fest. Nicht jedoch in welcher Konzentration. Vorgestellt wird die Studie erst gegen Ende des Jahres. Luftbild: fwo,  Foto: Oregon State University, dpa / Collage: Dagmar Klumb
Wasser unter der Lupe: Dass Mikroplastikpartikel in Proben vom Oberflächenwasser der Ködeltalsperre gefunden wurden, steht bereits fest. Nicht jedoch in welcher Konzentration. Vorgestellt wird die Studie erst gegen Ende des Jahres. Luftbild: fwo, Foto: Oregon State University, dpa / Collage: Dagmar Klumb

So hatten sich die Forscher das wohl nicht vorgestellt. "Eigentlich ist die Ködeltalsperre ja als Referenzgewässer ausgewählt worden, von dem man sich erhofft hat, dass man nichts findet", erinnert sich Gabriele Trommer, die als Gewässerbiologin im Kronacher Wasserwirtschaftsamt arbeitet. Knapp vier Jahre ist es mittlerweile her, dass Tierökologen der Universität Bayreuth im Rahmen eines Forschungsauftrages der bayerischen Umweltverwaltung Proben von vier bayerischen Flüssen und fünf Seen entnahmen. Ihr Ziel: Herausfinden, ob in den Gewässern sogenanntes Mikroplastik (siehe unten) nachweisbar ist. Ist es. In allen!

Zwar liegen zu den Fließgewässern inzwischen detaillierte Ergebnisse vor (hier können Sie sich die Studie als PDF-Datei herunterladen), zu den Seen allerdings noch nicht - und damit auch nicht zur Trinkwassertalsperre Mauthaus, wie die Ködeltalsperre offiziell genannt wird. "Hier sind die Untersuchungen noch nicht vollständig abgeschlossen, und die Ergebnisse müssen erst noch validiert werden", erklärt ein Pressesprecher des bayerischen Landesamts für Umweltschutz (LfU). Vorgesehen sei es, die Ergebnisse gegen Ende des Jahres in einem "Seenbericht" zu veröffentlichen.


Eine große Lebensdauer

Gabriele Trommler ist schon gespannt darauf, was darin dann zu lesen sein wird. Bisher weiß sie nämlich nur, dass Proben entnommen worden sind. Fällt das Resultat aber ähnlich aus wie der Fluss-Bericht, dürften sie und ihre Kollegen noch einmal aufatmen. So belastet wie die Meere sind die bayerischen Fließgewässer demnach nämlich längst nicht. In den Flüssen schwimmt in etwa soviel Plastik wie übrig bleiben würde, wenn eine Badewanne erst mit einem Plastikschwamm geputzt und anschließend ein Bad eingelassen wird. "Es ist aber leider nicht mehr ungewöhnlich, dass Mikropartikel in Gewässern nachgewiesen werden", weiß Trommer.

Als Abrieb von Kleidungsstücken oder Plastikgeschirr gelangen die Partikel ins Abwasser, sie können von den Kläranlagen aber nicht abgebaut werden. "Weil Plastik eine Lebensdauer von Hunderten von Jahren hat", erklärt die Gewässerbiologin. "Da reicht ein Kläranlagenzyklus bei Weitem nicht aus."

Auch Vögel seinen daran beteiligt, dass die zum Teil nur wenige Mikrometer großen Teile ins Wasser gelangen. "Die nehmen das Plastikmaterial irgendwo auf, und schon enthalten deren Hinterlassenschaften Mikroplastik." Weil der Stausee in einem großen Wasserschutzgebiet liegt, das vorwiegend mit Wald umgeben ist, geht Markus Rauh, Verbandsdirektor der Fernwasserversorgung Oberfranken (FWO) davon aus, dass die bei Nordhalben ermittelten Werte "deutlich unter denen der anderen Standorte" ausfallen werden. "Wenn Partikel in den See gelangen sollten, dann in erster Linie über die Luft."


Keine Veränderung

Rückschlüsse auf das Trinkwasser, das die FWO in der Ködeltalsperre entnimmt, ließen sich aus der noch fertigzustellenden Studie allerdings nicht ziehen, betont der LfU-Sprecher. Um eine gleichbleibende Wassertemperatur und -qualität zu gewährleisten, entnehme die FWO das Trinkwasser in weiter Tiefe, erklärt Rauh. Und gebe es dort tatsächlich noch Plastikpartikel, blieben diese spätestens am zweiten Filter hängen.

Davon ist auch die Expertin des Wasserwirtschaftsamts überzeugt. "Wegen der Filter hat das Mikroplastik auf das Trinkwasser keine Auswirkung!", sagt Trommer. Es habe die gleiche Größe wie die Schwebstoffe, die standardmäßig aus dem Trinkwasser herausgefiltert werden und bleibe somit einfach in den Filtern hängen - ebenso wie die Planktonorganismen, die im Wasser der Ködeltalsperre vorkommen. "Die untersuchen wir jedes Jahr, und haben bislang noch keine Veränderung festgestellt."

Hintergrund: Kleine Partikel bereiten Forschern große Sorgen
Makroplastik mit dem bloßen Auge zu erkennen, fällt nicht sonderlich schwer, handelt es sich dabei doch um größere Kunststoffteile wie von Einkaufstüten, Verpackungen oder auch Fischernetzen. Bei Mikroplastik sieht es dagegen schon ganz anders aus. Bezeichnet werden damit nämlich kleine Plastikteile, die ungefähr zwischen einem Mikrometer und fünf Millimetern groß sind.

Eine einheitliche beziehungsweise rechtliche Definition für den Begriff Mikroplastik gibt es noch nicht. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) definiert Mikroplastik allerdings als Mischung aus unterschiedlich geformten Materialien wie Fragmenten, Fasern, Sphäroiden (kugelähnlicher Körper), Granulate, Pellets, Flocken oder Perlen.

Grundsätzlich wird zwischen sogenanntem primärem und sekundärem Mikroplastik unterschieden. Ersteres wird gezielt in dieser Größe hergestellt. Ein bekanntes Anwendungsbeispiel dafür sind etwa Peelingpartikel, die in Peeling-Cremes verwendet werden. Sekundäres Mikroplastik entsteht hingegen, wenn Kunststoffprodukte in der Umwelt zerfallen - zum Beispiel aus achtlos weggeworfenem Müll. Allerdings auch durch Fasern, die sich beim Tragen und Waschen von Kleidern aus synthetischen Stoffen wie Polyester oder Nylon ablösen und so ins Abwasser gelangen.

Inzwischen wurde Mikroplastik in zahlreichen Gewässern nachgewiesen: in Süß- und Salzwasser ebenso wie an den dazugehörigen Küsten oder Stränden sowie in Flüssen und Seen. Eine internationale Forschergruppe um den amerikanischen Umweltschützer Marcus Eriksen vom Five Gyres Institute in Los Angeles schätzt, dass weltweit über 5,25 Trillionen Plastikteile mit einem Gesamtgewicht von knapp 270 000 Tonnen in den Weltmeeren treiben. Zum Vergleich: Die "Queen Mary 2", eines der größten Passagierschiffe der Welt, wiegt lediglich etwas weniger als 80 000 Tonnen.

Wissenschaftlich dokumentiert ist zudem, dass Mikroplastik durch eine Vielzahl verschiedener Tiere aufgenommen wird: Angefangen vom kleinen Zooplankton über Fische und Muscheln bis hin zu Vögeln. Quelle: Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Kommentar von Marian Hamacher: Mehr darf es nicht werden
Natürlich ist es praktisch. Da kann die Kunststoffflasche noch so oft vom Tisch auf den Boden fallen, zerbrechen wird sie nie. Und mit wie vielen Stunden weniger Schlaf müssten frischgebackene Eltern noch auskommen, gäbe es keine Wegwerfwindeln?! Das Problem: beides besteht aus Plastik - zersetzt sich also erst in fast 450 Jahren.

Diesen Zeitraum muss man sich nur einmal vergegenwärtigen. Würde in diesem Jahr erstmals ein Kunstoffprodukt verrottet sein, hätte es schon erfunden werden müssen, lange bevor die Schweden erstmals die Festung Rosenberg belagerten.

Doch leider reicht es ja sogar schon aus, sein Schneidebrett, das Messer mit dem Plastikgriff oder den Kinderteller zu waschen. Egal, ob im Waschbecken oder in der Spülmaschine - mit jedem Mal landen weitere Mikropartikel im Abwasser. Was vor allem den Tieren schadet.


Die Industrie ist doppelt gefordert

Dass die Europäische Union Einweggeschirr, Strohhalme oder Wattestäbchen aus Plastik abschaffen will, ist ein guter erster Schritt. Mehr aber auch nicht. Jeder sollte sich fragen, wie er dazu beitragen kann, die Mengen an Plastikabfall zu reduzieren. Die Industrie ist sogar gleich doppelt gefordert. Im Vermeiden von Plastikmüll ebenso wie im Entwickeln von Kunststoff-Alternativen. Gerade Wegwerfprodukte müssen sich schnell zersetzen. Schon heute gibt etwa biologisch abbaubares Geschirr und Besteck.

Zudem müssen auch für die Kläranlagen neue Techniken entwickelt werden, damit Plastikpartikel schon dort gefiltert werden können. Selbst wenn die gefundenen Mengen in Flüssen noch vergleichsweise gering sind: Mehr darf es nicht werden.

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