Kronach
Interview

Film-Produzent Simon Happ: "Kronach war ein Sechser im Lotto!"

Am Freitag enden die Dreharbeiten der internationalen Kinoproduktion "Resistance" in Kronach. Im Gespräch mit inFranken.de verrät Mit-Produzent Simon Happ, weshalb die Wahl auf die Lucas- Cranach-Stadt fiel und womit er dort nicht unbedingt gerechnet hätte.
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Mit-Produzent Simon Happ freut sich darüber, wie freundlich das von ihm koordinierte Filmteam  in Kronach aufgenommen wurde. Foto: Marian Hamacher
Mit-Produzent Simon Happ freut sich darüber, wie freundlich das von ihm koordinierte Filmteam in Kronach aufgenommen wurde. Foto: Marian Hamacher

Wie er seinen Job in einem Satz beschreiben würde? "Ich bin schuld", sagt Simon Happ und lässt ein kurzes lautes Lachen folgen. Bei den Dreharbeiten, die vor zwei Wochen auf der Festung Rosenberg begannen und am Freitag (26. Oktober 2018) in der Oberen Stadt enden, fungiert der 57-Jährige für die Filmproduktionsgesellschaft Pantaleon Films als sogenannter "Executive Producer". Im Deutschen oft auch als Ausführender Produzent bezeichnet.

Treffender wäre aber wohl vielmehr, "Executive" mit "geschäftsführend" zu übersetzen. Oder noch vereinfachter: Ansprechpartner für alles. "Ich vertrete bei dem Projekt die Pantaleon und versuche, meinen Filmkindern ein guter Papa zu sein", erklärt er. Wobei die Kinder auch deutlich älter sein können. "Das sind alle. Egal, ob sie vier Jahre alt sind oder 70. Ob Crew, ob Schauspieler - die werden für die Dreharbeiten alle zwangsadoptiert."

Die Dreharbeiten sind fast beendet. Wie fällt Ihr bisheriges Fazit für die Zeit in Kronach aus?

Simon Happ: Kronach ist unser Sechser im Lotto gewesen! In jeder Hinsicht. Es ist ein toller Ort, um Filme zu drehen. Man wird freundlich aufgenommen, die Wege sind kurz und übersichtlich und all unsere Drehorte liegen nah zusammen. Das ist für ein Filmteam ein Traum. Gerade, dass man uns so gastfreundlich begegnet.

Das klingt so, als ob das nicht überall der Fall ist.

Es gibt Metropolen auf der Welt, die sich nicht gerade freuen, wenn die Filmleute kommen. Wir sind hier in sieben oder acht Hotels untergebracht und nerven die armen Bürger Kronachs mit unseren Fuhrparks und Sperrungen. Wenn wir mit unserer Karawane ankommen, haben die Anwohner mal für eine Woche oder länger ihren Stammparkplatz nicht. Hier in Kronach etwa manche Bewohner der Oberen Stadt. Dass es solche Einschränkungen gibt, tut uns auch sehr leid. Wir Filmleute sind anstrengend, das ist uns bewusst. Aber die Kronacher sind wahnsinnig nett und offen gewesen. Da kann ich mich bei allen nur bedanken.

Wie sind Sie überhaupt auf Kronach aufmerksam geworden?

Am Ende ist es relativ undramatisch. Man sieht sich in der Frühphase einer Produktion wahnsinnig viele Fotos an, spricht mit Kollegen und Production-Designern. Da kommt dann irgendeiner und sagt: "Kennt ihr das schon?" Dann setzt sich der Trupp in Marsch und schaut sich den Ort an.

Wer gehört denn alles zum "Trupp"? Wie muss man sich die ersten Vorbereitungen vorstellen?

Für die Besichtigung von Drehorten sammeln wir den Regisseur, den Kameramann, den Production-Designer ein, schauen uns den Ort an und überlegen, ob das funktionieren und was genau man dort filmen könnte. Dafür besichtigt man ganz viele Orte. Wenn man sich dann in einen Ort verliebt hat, kommt man mit der ganzen Rasselbande noch einmal zurück, um eine sogenannte technische Motivbegehung zu machen. Da wird dann schon einmal ganz grob festgelegt, wo die Lampen hinkommen, wie man bestimmte technische Details gelöst bekommt und wie viel vom Motiv im überhaupt zu sehen sein wird.

Offenbar haben Sie sich dann in Kronach "verliebt". Was war dafür ausschlaggebend?

Wir haben uns ganz viele Städte und Möglichkeiten angesehen, aber Kronach war von Anfang an der schon erwähnte Sechser im Lotto. Unser Film spielt ja zwischen 1938 und 1942 in verschiedenen Orten und Städten Frankreichs.

Da haben wir nach Motiven gesucht, die wir vor allem in Straßburg und Limoges (französische Stadt im nordwestlichen Zentralmassiv, Anm. d. Red.) umwandeln können, und da passt es hier architektonisch mit der Festung und der Oberen Stadt einfach toll. Das sind nicht nur ganz tolle Motive, die liegen auch noch logistisch nah beieinander. Das ist für uns ein Traum.

Hinzu kommt, dass es auch in der Gesamtlogistik gut gepasst hat, weil wir ja auch in Prag und Liberec gedreht haben. Und nach Fürth, Nürnberg und München, wo wir die kommenden Wochen noch drehen werden, ist es auch nicht so weit.

Durch die Umgestaltung einiger Fassaden in der Oberen Stadt ließ sich ja schon erahnen, was dort gedreht wird, die Festung war hingegen komplett abgeriegelt. Was genau haben Sie dort gefilmt?

Alles, was wir dort gedreht haben, spielt auf einem Schloss - bloß eben im Frankreich der Zeit. Unsere Geschichte geht ja ein bisschen darum, dass die Resistance und unter anderem Marcel Marceau (gespielt von Jesse Eisenberg, Anm. d. Redaktion) ganz viele jüdische Kinder vor den Nationalsozialisten gerettet haben. Die waren zum Teil in dem Schloss versteckt und untergebracht.

Das erklärt, weshalb im Vorfeld Kinder-Komparsen aus der Region gesucht wurden.

Genau, wir haben zwar eine feste Kerntruppe an Schauspielkindern, die mit uns reist. Die haben wir ergänzt um etwa 80 wunderbare Kinder hier aus der Region. Die wurden jetzt aber auch noch für die Dreharbeiten in der Oberen Stadt benötigt.

Was für eine logistische Herausforderung ist es, wenn zum Team auch ein festes Stamm an minderjährigen Darstellern gehört, der von Drehort zu Drehort mitreist?

Das ist schon aufwendig. Die müssen schließlich Tag und Nacht betreut und versorgt werden. Da geht es ja nicht nur darum, dass sie ins Kostüm und in die Maske müssen. Die Kostüme müssen alle vorher anprobiert und geändert werden, die Frisuren müssen gemacht werden. Und nicht zuletzt werden die Kinder auch alle unterrichtet und pädagogisch betreut.

Wie groß ist das Team eigentlich, mit dem Sie nach Kronach gereist sind?

Das sind so zwischen 200 und 250 Leute - die selbstverständlich auch alle irgendwo schlafen, etwas essen oder mal ins Bad müssen. Das ist alles schon ein hoher logistischer Aufwand. Hinzu kommen ja auch noch die Drehorte und Motive, die vorbereitet werden müssen. Das ist ein großes Puzzle, das wir versuchen, zusammenzufügen.

Wie viel Vorlaufzeit braucht es, um die Motive soweit zu haben, dass dort gedreht werden kann?

Zwei, drei Wochen vor den Dreharbeiten sind die ersten Teammitglieder nach Kronach gereist. Das waren erst mal die Baujungs, die zum Beispiel Türen und Fenster oder irgendwelche Verschläge gefertigt haben. Dann kommen nach und nach die Set-Dresser, die Maler und die Schreiner.

Der größte Unterschied zu den Dreharbeiten auf der Festung dürfte sein, dass die Obere Stadt bewohnt ist.

Die Innenaufnahmen haben wir daher fast alle in der Festung gemacht. Dort waren ganz viele Motive. In der Oberen Stadt haben wir das leerstehende Ladenlokal gegenüber des Scharfen Ecks eingerichtet. Das wird im Film zu einer koscheren Metzgerei. In der direkten Nachbarschaft haben wir noch Innenräume angemietet, die wir ebenfalls so ausgestattet haben, dass sie in die 1940er Jahre passen.

Aber natürlich sprechen wir auch die Anwohner an und fragen, ob wir in deren Fenster eine bestimmte Lampe hineinstellen dürfen. Wir mieten auch Räumlichkeiten, in denen sich dann die Schauspieler, Komparsen oder andere Teammitglieder aufhalten können.

Jetzt hat es die vergangenen Tage öfter mal geregnet. Wie zufrieden waren Sie mit den äußeren Bedingungen?

Trotzdem hatten wir bisher Glück mit dem Wetter. Natürlich versuchen wir auseichend Flexibilität zu bewahren. Wenn ein ganz fieser Regentag angekündigt wird, versuchen wir so zu drehen, dass wir auf ein Innenmotiv ausweichen können. Das klappt zwar nicht immer, aber wegen des Wetters können wir uns eigentlich nicht beschweren.

Haben die Schauspieler erzählt, wie ihnen Kronach gefällt?

Wir sind ja ein ganz bunt zusammengewürfelter Haufen. Das Team und Cast sind sehr international. Wir haben ganz viele Lateinamerikaner, Briten, Amerikaner oder Franzosen. Die finden es erst mal ganz bezaubernd, interessant und spannend.

Darum wird es im Film gehen

Hintergrund: Als 1940 in Frankreich der Krieg ausbricht und das Land von den Nationalsozialisten eingenommen wird, muss die jüdische Familie Mangel fliehen. Zwei Jahre später schließen sich die beiden Söhne Marcel und Simon einer Gruppe der französischen Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung an. Im Untergrund fälscht der junge Marcel zunächst Pässe. Für andere Verfolgte und auch für sich selbst. Um nicht aufzufallen, gibt er sich den in Frankreich unauffälligen Namen Marceau, den er nach Kriegsende als Erinnerung beibehalten und unter diesem als Pantomime "Bip" berühmt werden wird.

Inhalt: In dem Historiendrama wird Regisseur und Autor Jonathan Jakubowicz ("Hands Of Stone") nicht nur beleuchten, wie Marceau mit dem Widerstand in Kontakt kam, sondern auch wie er zusammen mit der Widerstandskämpferin Emma Tausende jüdische Waisenkinder von Frankreich in die Schweiz brachte und so vor den Nazis rettete.

Hauptdarsteller: Gespielt wird der junge Marcel Marceau vom amerikanischen Schauspieler Jesse Eisenberg ("The Social Network"). Matthias Schweighöfer ("Keinohrhasen") hat die zweite Hauptrolle des Antagonisten übernommen und mimt in dieser den berüchtigten SS-Kommandanten Klaus Barbie, der auch als "Schlächter von Lyon" bekannt war. Von Adolf Hitler hatte dieser den Auftrag erhalten, den französischen Wiederstand, die Résistance, zu zerschlagen. Kinostart: Bis der Film ins Kino kommt, wird noch einige Zeit vergehen. Geplant ist bislang der 24. Oktober 2019.



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