Nordhalben
Demografie

Familie Köhler: "Nordhalbener machen es Zuziehenden einfach"

Nordhalben galt lange als Negativbeispiel für die Folgen des demografischen Wandels in der Region. Nun sprechen die Menschen über Zuzüge.
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Auch Kälte und Schneetreiben können der Familie Köhler die gute vorösterliche Laune in ihrer neuen Heimat Nordhalben nicht madig machen. Im Bild (v. l.) Heiko, Fenja und Bianca Köhler. Foto: Marco Meißner
Auch Kälte und Schneetreiben können der Familie Köhler die gute vorösterliche Laune in ihrer neuen Heimat Nordhalben nicht madig machen. Im Bild (v. l.) Heiko, Fenja und Bianca Köhler. Foto: Marco Meißner
Für die Familie Köhler ist eines klar: Nordhalben passt für sie wie die Faust aufs Auge. Sie sind zwar erst vor knapp einem Monat in die vom demografischen Wandel gebeutelte Marktgemeinde umgezogen, doch schon jetzt sagt Vater Heiko Köhler (43): "Wer so tickt wie wir, dem kann man nur raten, es uns gleichzutun."

Die Köhlers sind damit schon jetzt kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten hat das Rathaus bereits den einen oder anderen Neuzugang in der Bürgerschaft registriert. Häufig stammen die Zugezogenen aus größeren Städten oder gar Ballungsräumen. Neue Nachfragen aus Köln und Bochum liegen Bürgermeister Michael Pöhnlein schon wieder vor.

Doch warum übt der Markt Nordhalben plötzlich so eine Anziehungskraft aus? Für die aus dem Raum Böblingen zugezogenen Köhlers ist es ein Bündel von Faktoren.


Günstige Immobilien

Da sind die sehr niedrigen Immobilienpreise. Da ist die drei Stunden kürzere Fahrtstrecke in die ursprüngliche Heimat der Ehepartner - Cottbus und Berlin. Da sind die kurzen Wege zu den Bekannten in Naila. Da ist die schöne Landschaft vor der Haustür mit den verlockenden Touren für Motorradfan Heiko Köhler. Und da ist das große Bemühen im Rathaus um die Familie. Das ist soweit gegangen, dass der Bürgermeister persönlich mit den Köhlers den örtlichen Immobilienmarkt abgeklappert und passende Kontakte vermittelt hat.

Ein Punkt ist für die Familie allerdings der ausschlaggebende. "Hier wohnen die Leute miteinander und nicht nebeneinander", sagt Heiko Köhler. "Wir brauchen keine drei Shoppingcenter in fünf Kilometern Umkreis. Uns ist eine funktionierende Gemeinschaft wichtiger." Die gebe es in Nordhalben, wo die Leute unkompliziert seien und es Neuen leicht machten, sich einzugliedern.

Im Schwäbischen habe das anders ausgesehen. Dort habe das Leben eher dem in einem Wohnblock geähnelt. Die Menschen seien nie so richtig warm miteinander geworden. Im Frankenwald hat Heiko Köhler schon in den ersten Tagen nach dem Umzug ganz andere Erfahrungen gemacht. In der Gaststätte hat er kurz angesprochen, dass er eine Rohrschelle kaufen muss. "Da hat gleich einer gesagt: ,Deswegen musst Du doch nicht in den Baumarkt!‘" Zwei Tage später lag das Teil im Briefkasten. Und während in Stuttgart ein "Wie geht's Dir?" als Gruß zur bloßen Floskel verkommen sei, interessiere die Menschen hierzulande wirklich noch, was der andere zu sagen hat, so Köhler.


Entschleunigtes Leben

"Es geht hier alles weniger hektisch zu, nicht so husch, husch", freut sich auch seine Frau Bianca (37) über ein entschleunigte Lebensgefühl. Auch beruflich verlief der Ortswechsel für sie unproblematisch. Im Nordwaldmarkt fand sie sehr schnell einen Job. Ihr Ehemann arbeitet derweil in Michelau. Die Fahrtstrecke, die manchen Einheimischen wahrscheinlich nerven würde, war aus seiner Sicht kein Handicap bei der Wohnortwahl. Der stellvertretende Teamleiter im Bereich Logistik schmunzelt stattdessen freudig, wenn er erzählt: "Ich hatte schneller eine Arbeit als eine Wohnung!" Insgesamt fühle sich das Leben in seiner neuen Heimat noch immer wie Urlaub an - nur eben mit Arbeit.

Natürlich ist auch in Nordhalben nicht alles makellos für die Familie. Verbesserungsbedarf sieht Heiko Köhler zum Beispiel beim Internetanschluss - "aber dafür kann die Gemeinde ja nichts". Was Besorgungen außerorts angeht, gilt es aus seiner Sicht, sich vor einem Fahrtantritt Gedanken zu machen, um sich unnötige Fahrten zu sparen. "Mit diesen Gegebenheiten muss man sich arrangieren, aber da richte ich mich entsprechend ein", sagt Heiko Köhler.

Doch was sagt eigentlich das Küken der Familie zu seinem neuen "Nest". Die siebenjährige Fenja fühlt sich schon heimisch. Sie hätte sich zwar eine etwas größere Schule gewünscht, gesteht sie. Aber dann schießt auch schon ihre Hand mit weit gespreizten Fingern hoch. "Ich habe schon fünf Freundinnen", zeigt sie freudig an. Und diese Offenheit der Nordhalbener kann ihre Mutter nur bestätigen: "Nach den paar Wochen kennen uns hier schon alle."



Das sagt der Bürgermeister zum Wandel in Nordhalben

Wieviel ihm die jüngsten Zuzüge bedeuten, ist Bürgermeister Michael Pöhnlein (FW) am Gesicht abzulesen. Wenn er über neue Bürger aus München, Stuttgart und Co. spricht, strahlt er. "Es sind nicht nur ältere Leute die herziehen", freut er sich, "sondern auch jüngere". Immer wieder gingen Nachfragen ein.

Die BR-Dokumentation "Heimat zu verkaufen" spielt für ihn eine wichtige Rolle, warum Nordhalben weit über die Region hinaus das Augenmerk auf sich gezogen hat. Da sei der Finger in die Wunde gelegt worden. Das habe ein gewisses Aufsehen hervorgerufen.


Auf Wünsche reagieren

"Ein kleines Haus mit Garten ist in den meisten Fällen der Wunsch", sagt Pöhnlein über die Ansprüche der Zuzugs-Interessenten. Außerdem werde nach Einkaufsmöglichkeiten, Ärzten, Kindergarten, Apotheke und Schule gefragt. Die Gemeinde versucht, die Weichen zu stellen. So werden zum Beispiel ab und an nicht erhaltenswerte Leerstände aus dem Ortsbild herausgenommen, um attraktive Wohnmöglichkeiten im Umfeld schaffen zu können. Als große Hilfe dabei, den Ort aufzupeppen, nennt Pöhnlein das Förderprogramm Nordostbayern-Initiative.

"Man merkt, da geht was", betont der Bürgermeister die Nachfrage nach Wohnraum. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Team im Rathaus, bei dem sich rund 90 Prozent der (oft schon gut informierten) Interessenten melden. "Makler ist zurzeit mein Nebenberuf", scherzt Pöhnlein. Inzwischen gibt es sogar Leute, die sich für einige Wochen eine Ferienwohnung zum Schnuppern nehmen. "Sie wollen wissen, wie sie mit unserem Menschenschlag zurechtkommen."
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