Pressig
Reisen

Europa vor Schengen: Grenzenlos dank Kaffee und Cola

Ein vereintes Europa bedeutet auch freies Reisen und offene Grenzen. Wie es vor Schengen von Land zu Land ging und warum Kaffee und Cola zum Grenzöffner wurden, weiß Busfahrer Dieter Martin.
Artikel drucken Artikel einbetten
Foto: Anna-Lena Deuerling
Foto: Anna-Lena Deuerling

Lange Autoschlangen, Passkontrollen, Durchsuchungen, aber auch Willkür und Schikane - heute ist es kaum vorstellbar, was vor 1995 noch zum Alltag an Europas Grenzen gehörte. Dieter Martin ist seit über 30 Jahren mit dem Reisebus unterwegs und kann sich noch sehr gut an die Zeit vor dem Schengen-Abkommen erinnern.

Berüchtigte Grenze

"Gerade an den osteuropäischen Grenzen hat das unheimlich viel Zeit in Anspruch genommen", sagt Martin. Die Grenze zu Ungarn sei damals berüchtigt gewesen. "Da war man schon auf die Sympathie des Grenzbeamten angewiesen - ob dem deine Nase gerade gepasst hat oder nicht", erinnert sich der 52-Jährige. War Letzteres der Fall, wurden die Pass- und Zollkontrollen schon mal zur Geduldsprobe - für Fahrer wie Fahrgäste. Der Puffer für den Grenzübertritt war fester Bestandteil der Routenplanung.

In Westeuropa sei man schon damals gut organisiert gewesen, nach 20 bis 30 Minuten konnte die Fahrt weitergehen. "In Osteuropa da haben die an den Grenzen schon öfter die Macht raushängen lassen." Besonders seien ihm dazu die Reisen nach Kaliningrad in Erinnerung geblieben. Zwar handelte es sich dabei um eine EU-Außengrenze zur russischen Exklave - das Vorgehen der Beamten war aber wohl bezeichnend in der damaligen Zeit.

Die "Westbusse" habe man dort nämlich genau gekannt. Da sei der Zollbeamte schon mal zielstrebend in die Schlafkabine des Fahrers gegangen. "Da hat er sich die Taschen mit dem dort gestapelten Kaffee vollgemacht und die Fahrt konnte weitergehen." Bei anderen Kontrollposten seien mehr oder weniger "Gabentische" aufgestellt worden. "Um den ganzen Prozess zu beschleunigen, hat man da mal eine Kiste Bier oder Cola auf den Tisch gestellt."

Kein Vergleich zu heute. "Wenn man das Schild an der Grenze übersieht, ist man plötzlich in einem anderen Land, ohne es zu merken." Sicher wisse man das zu schätzen - aber mittlerweile sei das eben selbstverständlich. "Man hat sich damals sehr schnell an diese Annehmlichkeiten gewöhnt."

Gegen Abschottung

Ein kleines Déjà-vu-Erlebnis dürften viele Fern- und Busfahrer an der österreichischen Grenze erfahren haben, seit dort seit Herbst 2015 wieder Kontrollen durchgeführt werden. Die Rückkehr zum Schengen-Raum ohne Grenzkontrollen ist in Martins Sinne. "Es hat seit 1995 gut funktioniert, warum sollten wir etwas daran ändern."

Die Abschottungspolitik um unsichere Grenzen, die manche Parteien nun auch im Europawahlkampf betreiben, für ihn nur "Angstmacherei und Panikmache". Das sei nicht nur seine Meinung als Busunternehmer, sondern auch als Privatmann. "In meinem Beruf steckt natürlich auch Leidenschaft dafür, andere Länder bereisen zu dürfen und zu können."

Nach der EU-Osterweiterung 2004 habe er sich zum Beispiel einen langgehegten Wunsch erfüllt: Das Baltikum mit seinen Staaten Estland, Lettland und Litauen zu bereisen. "Da wollte ich schon immer mal hin - und das haben wir dann auch direkt in Angriff genommen." Wo er in seiner über 30-jährigen Laufbahn noch nicht war? "Na da, wo man mit dem Bus nicht hinkommt." Man kann zusammenfassen: Einen negativen Aspekt kann er dem Schengen-Raum nicht abgewinnen. "Der Gedanke, dass über 400 Millionen Menschen in 26 Ländern frei reisen können - der kann nur positiv sein." Auch die Einführung des Euros in mittlerweile 19 Staaten empfindet er als "enorme Erleichterung".

Nicht ohne EU-Kritik

Ganz ohne Kritik an der Europäischen Union wird er am Sonntag sein Kreuz bei der Wahl allerdings nicht setzen. Nicht nur innerhalb Deutschlands, auch im grenzübergreifenden Verkehr habe die Bürokratie mittlerweile überhandgenommen - oft ohne nachvollziehbaren Grund. "Da wird das Fahren irgendwann zur Nebensache", klagt er.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren