Stockheim
Geschichte

Ende eines imposanten Bauwerks

Der Stockheimer Bahnhof war ein Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs der Bergbaugemeinde. Vor 40 Jahren fiel er der Spitzhacke zum Opfer.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Spitzhacke zum Opfer gefallen ist vor 40 Jahren das über einhundert Jahre alte Stockheimer Bahnhofsgebäude.  Fotos: Gerd Fleischmann
Der Spitzhacke zum Opfer gefallen ist vor 40 Jahren das über einhundert Jahre alte Stockheimer Bahnhofsgebäude. Fotos: Gerd Fleischmann
+1 Bild

Das einst imposante Empfangs- und Verwaltungsgebäude der Deutschen Bundesbahn ist in Stockheim im Oktober 1978 der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Die Demontage des etwa 25 Meter langen stattlichen Sandsteinbaues erfolgte ab dem 9. Oktober 1978 durch eine Münchner Abbruchfirma.

Die stolze Eisenbahntradition der ehemaligen Bergwerksgemeinde gehörte damit endgültig der Vergangenheit an. Zwar wurde vorher durch die Bundesbahn ein neues, 220 Quadratmeter großes Bahnhofsgebäude errichtet, jedoch personell nicht besetzt. Das rückläufige Fahrgastaufkommen erforderte Konsequenzen.

Sanierung wäre billiger gewesen

Aus heutiger Sicht wird von vielen dieser voreilige Abbruch verurteilt, denn das historisch bedeutsame Gebäude hätte man für andere Zwecke sinnvoll nutzen können. Die Initiativen der Stockheimer Kommunalpolitiker und der Abgeordneten waren vor 40 Jahren gleich Null, aus der Not eine Tugend zu machen. Von der bürokratisch viel zu starren Bahn konnte man ohnehin keine Sanierung erwarten. Sie wäre jedenfalls billiger gekommen als Abriss und Neubau. Man akzeptierte schulterzuckend diesen historischen Kahlschlag. Doch gerade dieses ortsbildprägende Bauwerk hätte Besseres verdient gehabt, denn der Bahnhof symbolisierte eindrucksvoll den Aufstieg Stockheims vom unbedeutenden Dörfchen mit gerade mal zwölf Häusern hin zur Industriegemeinde.

Ebenfalls auf der Abschussliste standen die durch die Elektronik überflüssig gewordenen zwei Weichenstellwerke, so dass sich den Reisenden in Stockheim ein leeres Bahnhofsgelände präsentierte. Die Fernsteuerung erfolgte nun von Pressig aus.

Der über einhundert Jahre alte Bahnhofstrakt, in dem nicht nur Büros, Schalter- und Warteräume untergebracht waren, diente den Eisenbahnbediensteten auch als Unterkunft. Viele Menschen sind in diesem Gebäude ein- und ausgegangen, haben an manch kaltem Wintertag geduldig auf "ihren Zug" gewartet.

Vor allem die Stockheimer können auf eine bewegte Bahnhofstradition zurückblicken, denn bereits am 1. März 1863 rollte der erste Personenzug von Kronach kommend in das noch leere Bahnhofsgelände ein. Damit begann die eigentliche Verkehrserschließung des Frankenwaldes. Schließlich war mit diesen Investitionen eine enorme Aufwärtsentwicklung Stockheims verbunden. Wenige Jahre später, und zwar 1877, platzierte sich die Bergwerksgemeinde bayernweit bezüglich des Frachtaufkommens an 15. Stelle. Damals gingen 1,4 Millionen Zentner Güter auf die Schiene.

Das Verwaltungsgebäude mit der ehemaligen Hausnummer 52 war neben dem Gasthof "Zur Eisenbahn" die erste bauliche Keimzelle des unteren Dorfes. Allerdings präsentierte sich das Bauwerk in der Anfangszeit den Bürgern noch eindrucksvoller. Es war zunächst dreistöckig. Da die Italiener schlechte Arbeit leisteten, musste noch vor 1900 der obere Stock des Gebäudes abgetragen werden. Trotzdem blieb der Bahnhof über viele Jahrzehnte hinweg der Stolz der Stockheimer, erwies er sich doch als Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs.

Alle D-Züge nach Berlin hielten

Im Jahre 1885 kam dann der entscheidende Fortschritt: Erstmals konnten ab 8. August die Lokomotiven den über 600 Meter hohen Rennsteig nach Saalfeld überwinden. Zuvor war Stockheim bis zu diesem Zeitpunkt Endstation gewesen. Die Direktverbindung München-Berlin wurde nun Realität. 1901 konnte dann die Bahnlinie Stockheim-Sonneberg mit Anschluss an den thüringischen Raum gebaut werden. Von nun an hielten hier alle D-Züge von und nach Berlin. Pulsierendes Leben beherrschte die Bahnhofsszene.

Bis 1911 verwandelte sich die Station Stockheim in einen Industrieschwerpunkt mit zwei Stellwerken, einem Wasserturm, Lokomotivschuppen, einer über 100 Meter langen Kohlenverladeanlage, verbunden mit Drahtseilbahnen zum Bergwerk "Maxschacht" und zum Eisenhüttenwerk nach Neuhaus sowie elf Gleisen. In unmittelbarer Nähe befanden sich die Champagnerflaschenfabrik Sigwart & Möhrle mit drei modernen Wannenöfen, eine Kohlenwäsche und eine Brikettfabrik.

Heute ist von dieser einstmals lebendigen Strecke nicht mehr viel übriggeblieben, und der seinerzeit 400 000 Mark teure Nachfolgebau war mehr oder weniger eine Fehlinvestition.



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren