Kronach
Krankschreibung

Ende der Zettel-Wirtschaft

Arztpraxen sollen die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung künftig digital an die Unternehmen übermitteln, der Patient müsste sich dann um nichts mehr kümmern. Der neue Gesetzesentwurf hat aber auch Tücken.
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Der Kronacher Hausarzt Horst-Peter Wittmann würde es begrüßen, wenn die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen seiner Patienten künftig nicht mehr ausgedruckt werden müssten, sondern digital an Arbeitgeber und Krankenkassen übermittelt werden.  Foto: Sandra Hackenberg
Der Kronacher Hausarzt Horst-Peter Wittmann würde es begrüßen, wenn die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen seiner Patienten künftig nicht mehr ausgedruckt werden müssten, sondern digital an Arbeitgeber und Krankenkassen übermittelt werden. Foto: Sandra Hackenberg

Montagmorgen in der Praxis von Horst-Peter Wittmann: Das Wartezimmer ist voll - und jeder zweite Patient benötigt eine Krankmeldung. "Wenn zehn Leute kommen, die eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung brauchen, sind das schon 30 Zettel", rechnet der Kronacher Hausarzt vor, denn die Bescheinigung muss in dreifacher Ausführung ausgedruckt werden, jeweils ein Exemplar für Arbeitgeber und Krankenkasse, das dritte für die Unterlagen des Patienten. "Da kommt mit der Zeit eine riesige Papiermenge zusammen."

Jeder berufstätige Mensch war wahrscheinlich schon einmal krank und wollte nur noch ins Bett. Doch nach dem Besuch beim Arzt musste er sich erst noch zum Arbeitgeber oder zum nächsten Postamt schleppen. Die meisten Unternehmen erwarten, dass ihre Mitarbeiter in den ersten zwei bis drei Tagen nach Beginn einer Krankheit ihre Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung einreichen. Die Krankenkassen wollen ebenfalls eine Ausfertigung.

Das könnte sich bald ändern, denn die Regierung will der Zettelwirtschaft in Deutschland Stück für Stück ein Ende setzen. Darum sollen die wegen ihrer Farbe im Volksmund "gelbe Zettel" genannten Krankschreibungen abgeschafft werden. Der Arzt würde die Daten künftig elektronisch an den Arbeitgeber sowie die Krankenkasse übermitteln, während sich der Patient um nichts mehr kümmern müsste.

"In 2017 sind laut Spitzenverband Bund der Krankenkassen rund 77 Millionen ,gelbe Zettel‘ ausgestellt worden", teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Eine unglaubliche Zahl, findet auch Wittmann: "Wir verschicken Rechnungen und komplette Versicherungsverträge heutzutage als digitale Dateien. Warum also nicht auch die gelben Zettel? Wir haben die technischen Möglichkeiten."

Keine Übergangsfrist

Außerdem würde die elektronische Übermittlung Zeit und Geld sparen: "Unter Zugrundelegung eines Zeitaufwands von circa 15 Minuten und circa einem Euro an Sachkosten pro Fall summiert sich die Zeitersparnis für Bürger auf 19 250 000 Stunden, die finanzielle Entlastung auf 77 Millionen Euro", rechnet das Wirtschaftsministerium vor.

Läuft alles nach Plan, findet die Umstellung zeitgleich mit der Einführung des Terminservice- und Versorgungsgesetzes statt. Das soll am 1. Januar 2021 in Kraft treten und dafür sorgen, dass Patienten künftig zügiger einen Arzttermin bekommen. Eine Übergangsfrist soll es nicht geben. "Der Arbeitnehmer kann sich aber weiterhin eine Papierversion des ,gelben Zettels‘ von seinem Arzt ausstellen lassen", versichert das Wirtschaftsministerium auf Anfrage unserer Zeitung.

Der Patient muss sich künftig also darauf verlassen, dass das System die Krankmeldung auch tatsächlich an den Arbeitgeber und die Krankenkasse übermittelt. Sollte das nicht funktionieren, könnten arbeitsrechtliche Konsequenzen oder der Verlust des Krankengeldes drohen.

Da stellt sich die Frage, wer in diesem Fall für den entstandenen Schaden des Arbeitnehmers haftet. Wittmann findet es wichtig, dass der Arzt eine Rückmeldung bekommt, ob es mit der Übertragung geklappt hat - ähnlich der Lesebestätigung bei einer E-Mail: "So könnten die Praxen beweisen, dass die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen übermittelt wurden."

Ein weiterer Aspekt muss laut dem Allgemeinmediziner beachtet werden: "Die Krankschreibung ist ein rechtliches Dokument, das ich als Arzt mit meiner Unterschrift validiere." Bei der elektronischen Variante müsse ebenfalls eindeutig ersichtlich sein, dass es ein Arzt verfasst oder - falls es sich um eine Folgebescheinigung handelt, die von einer Sprechstundenhilfe erstellt wurde - abgesegnet hat. Denkbar wäre das beispielsweise mithilfe eines Tokens - einem kleinen Gerät, mit dem der Arzt einen Zahlencode generieren und sich mit diesem im Netzwerk ausweisen kann.

Der Datenschutz soll auch bei der digitalen Übermittlung der Bescheinigungen laut Wirtschaftsministerium in jedem Fall gewahrt bleiben: "Der ,gelbe Zettel‘ wird lediglich digitalisiert, an den Angaben auf dem Zettel ändert sich nichts."

Krankenkasse testet schon

Bei einem freiwilligen Pilotprojekt der Techniker Krankenkasse (TK) übermitteln Arztpraxen bereits die Krankmeldungen digital an die TK (siehe Info-Kasten). "Die TK ist erfreut über die positive Resonanz von den inzwischen rund 700 Ärzten, die sich bundesweit beteiligen", berichtet Pressesprecher Peter Schieber. Die Vorteile lägen auf der Hand: "Wenn kein Medienbruch mehr stattfindet, fallen große Bürokratie-Anteile weg."

Letztendlich soll die digitale Übermittlung auch die Arbeitgeber entlasten, doch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände kritisiert, dass die Maßnahme zu kurz greift. Geschäftsführer Steffen Kampeter fordert die Bundesregierung dazu auf, die Belastungen für die deutsche Wirtschaft dringend zu reduzieren: "Dazu gehört ganz besonders der Verzicht auf neue Beschränkungen bei Befristungen und Arbeitszeit."

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