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Reichenbach
Asylbewerber

Elf Flüchtlinge aus Reichenbach abgeholt

In der kleinen Frankenwaldgemeinde Reichenbach leben seit Ende Januar mehrere Flüchtlinge aus Tschetschenien. Die Einheimischen haben sie herzlich aufgenommen. Doch seit Montag ist die Stimmung getrübt: Elf der Flüchtlinge wurden plötzlich abgeholt.
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Die Schuhe stehen noch im Regal im Kindergarten, die Flüchtlingskinder wurden am Montag abgeholt.Foto: Corinna Igler
Die Schuhe stehen noch im Regal im Kindergarten, die Flüchtlingskinder wurden am Montag abgeholt.Foto: Corinna Igler
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Ihre Schuhe stehen noch im Regal des Kindergartens. Aber die Kinder sind nicht mehr da. Am Montagfrüh um 6 Uhr wurden sie abgeholt. "Das mag rechtlich richtig sein, aber ich find's irgendwie menschenunwürdig", sagt Kerstin Seitz, Vorsitzende des Kindergarten-Trägervereins.

Zum Hintergrund: Am 23. Januar kommen zehn tschetschenische Flüchtlinge nach Reichenbach, kurz darauf nochmal sieben. Darunter auch Kinder. Sie gehen in Reichenbach in den Kindergarten, die älteren zur Schule.

Die Flüchtlinge wohnen in einem Haus, das dem Rothenkirchener Karl Ehrhardt gehört. "Ich habe es vor zig Jahren gekauft, es war eine Ruine", erzählt er. Über die Jahre habe er es hergerichtet und sich vor wenigen Monaten entschlossen, es für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen: "Im Radio habe ich gehört, dass das Flüchtlingsaufkommen so hoch ist und dass Wohnraum für sie gesucht wird.
Daraufhin habe ich mich ans Landratsamt gewandt und mein Haus angeboten." Ein paar Kleinigkeiten wurden dafür im Haus noch verändert, und seit Januar dürften dort auf 200 Quadratmetern Fläche beziehungsweise zwei Etagen 20 Asylbewerber leben. Es gibt zwei Bäder, mehrere Schlafräume, eine Küche und zwei Aufenthaltsräume.

Alle wurden gut aufgenommen

Karl Erhardt hilft den Flüchtlingen bei Behördengängen oder Arztbesuchen, er spricht sieben Sprachen, kann daher dolmetschen. "Sie werden in Reichenbach sehr gut aufgenommen. Ganz egal, ob das der Kindergarten oder die Schulen in Teuschnitz und Pressig sind. Auch die Bürgermeisterin, Frau Ritter, ist sehr hilfsbereit", zeigt sich Ehrhardt dankbar für das Verhalten der Reichenbacher. Er erzählt, dass die Einheimischen den Flüchtlingen sogar Kleidung brächten, versuchten, ihnen zu helfen, wo es nur geht.

Im Kindergarten-Trägerverein habe Einigkeit bestanden, dass man für die Kinder keinen Beitrag verlangen könne, erklärt Kerstin Seitz. Vielmehr habe man für die Kleinen Windeln und Anziehsachen gekauft.

Seit Anfang der Woche ist die Stimmung allerdings getrübt: Elf der 17 Flüchtlinge wurden am Montag - oder am "Black Monday", wie es Karl Ehrhardt nennt - nämlich überraschend von der Polizei abgeholt, zurück nach Polen gebracht. Von dort kommen die meisten der Flüchtlinge, die allesamt Tschetschenen sind, über Zirndorf nach Reichenbach.

"Mich trifft der Schlag"

"Ich habe davon nichts gewusst. Ich war unterwegs und hab' gedacht, mich trifft der Schlag, als ich es erfahren habe", sagt Ehrhardt, der die Flüchtlinge als seine Schützlinge bezeichnet. Schließlich baue man zu den Leuten "menschliche Brücken" auf. "Es sind Menschen, keine Sachen. Aber ich weiß nie, wie lange sie hier sind, wie lange man sich noch sieht, was dann mit ihnen passiert", sagt er mit gesenktem Blick.

Bernd Graf, Sprecher des Landratsamtes, erklärt auf Nachfrage, dass es sich um eine so genannte Rücküberstellung in einen sicheren Drittstaat handelt. Über einen solchen, nämlich Polen, seien die beiden Flüchtlingsfamilien, die am Montag abgeholt wurden, eingereist. "Deshalb ist Polen für das Asylverfahren zuständig." Diese Entscheidung treffe auch nicht die Ausländerbehörde im Landratsamt, vielmehr habe sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nur den Auftrag bekommen, dies unter Einschaltung der Polizei auszuführen.

Neue Bewohner

Die Kleinen der Flüchtlingsfamilien fehlten auch im Kindergarten, sagt Kerstin Seitz. Doch schon bald werden andere Flüchtlingskinder den Kindergarten wieder bereichern. Seit Donnerstagabend leben acht neue Bewohner in dem Haus, darunter auch kleine Kinder. "Im Moment leben hier drei Familien und eine allein stehende Frau", erklärt Ehrhardt.

Kerstin Seitz streichelt einem kleinen Mädchen über den Kopf, gerne nimmt sie die "neuen" Kinder im Kindergarten wieder auf. "Das ist gar keine Frage."

Zwei Schicksale

Das freut nicht nur Ehrhardt, sondern auch einen Mann, der am Donnerstag mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn nach Reichenbach gekommen ist und deutsch spricht. Seinen Namen möchte er nicht sagen. Lehrer war er in Tschetschenien, seit drei Jahren ist er auf der Flucht. Politische Probleme habe er dort gehabt - und Angst, festgenommen zu werden. Mehr will er nicht erzählen. "Das ist privat", sagt er. Bevor er nach Reichenbach gekommen ist, war er mit seiner Familie in Zirndorf, davor in Österreich. Am liebsten würde er zurück nach Tschetschenien, "aber ich kann nicht", erklärt er.

Ähnlich geht es einer Witwe, die mit vieren ihrer fünf Kinder von Anfang an - also seit 23. Januar - in Reichenbach ist. Vor sechs Jahren wurde ihr Mann in Tschetschenien umgebracht. Seitdem ist sie auf der Flucht. "Sie trägt den Namen ihres Mannes", erklärt der Mann, der deutsch spricht. Deshalb könne sie nicht nach Tschetschenien zurück. "Sie würden sie umbringen." In Reichenbach hingegen fühlt sie sich sicher, hat bereits zu zwei Frauen aus dem Dorf guten Kontakt. Nur eines hat sie: Angst, dass auch sie irgendwann abgeholt wird.
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