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Kronach
Prozess

Verhängnisvolle Begegnung am Rande des Freischießens

Das Landgericht Coburg verhandelt eine Prügelei am Rande des Kronacher Freischießens, die weitreichende Folgen für Täter und Opfer gleichermaßen hat.
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Der Angeklagte H. (von links) mit seinem Verteidiger Michael Linke, der mutmaßliche zweite Täter R. wird von Till Wagler vertreten.   Sandra Hackenberg
Der Angeklagte H. (von links) mit seinem Verteidiger Michael Linke, der mutmaßliche zweite Täter R. wird von Till Wagler vertreten. Sandra Hackenberg

Es war reiner Zufall, dass G. im August vergangenen Jahres nach dem Besuch des Kronacher Freischießens in der Bahnhofsunterführung auf eine Gruppe Heranwachsender getroffen ist. Der Familienvater war "extrem betrunken", wie er selbst sagt und wollte einfach nach Hause. Am nächsten Morgen wacht er jedoch mit einem doppelt gebrochenen Kiefer und einer Gehirnerschütterung auf der Intensivstation auf.

Dass die Attacke auf den 36-Jährigen kein noch verheerenderes Ende genommen hat, ist zwei jungen Männern zu verdanken, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und beherzt eingegriffen haben. Einer von ihnen musste für sein Einschreiten selbst Prügel einstecken.

Opfer hat keine Erinnerung

Am Dienstag sitzen sich zwei der mutmaßlichen Täter und das Opfer im Coburger Landgericht gegenüber. Nicht weniger als der Vorwurf des gemeinschaftlichen versuchten Totschlags steht im Raum. Die beiden Angeklagten - sie sind 18 und 20 Jahre alt - wollen sich nicht zu den Geschehnissen dieses verhängnisvollen Abends im vergangenen August äußern - und der Geschädigte kann es nicht: "Wie ich in die ganze Situation hineingeraten bin, kann ich nicht mehr sagen", erklärt er vor dem Schwurgericht der 1. Großen Jugendkammer. Er habe auf dem Freischießen Bekannte getroffen, Spaß gehabt, getrunken - viel getrunken, wie er zugibt.

Zeugen hören Schreie und helfen

Klar ist: Auf dem Heimweg gegen Mitternacht ist G. in der Bahnhofsunterführung auf die Gruppe von zehn bis 15 Jugendlichen und Heranwachsenden getroffen, zu der auch die Angeklagten R. und H. gehörten. Ob es ein Wortgefecht gegeben hat, daran kann sich das Prügelopfer nicht mehr erinnern, räumt aber ein, dass er betrunken "sehr gesprächsfreudig" ist und auch mal Sachen anspreche, "die nicht so gerne gehört werden".

Was dann passiert ist, schildern die Zeugen folgendermaßen: "Wir waren schon aus der Unterführung raus und wollten zum Auto meines Kollegen laufen, da habe ich hinter uns Schreie gehört. Ich habe mich umgedreht - und da lag er." Der 23-jährige Mechatroniker habe gesehen, wie drei Männer aus der Gruppe auf den bereits am Boden liegenden G. eingetreten haben: einer gegen die Beine, einer gegen den Oberkörper - und einer gegen den Kopf.

Er habe gerufen und sei auf die Täter zugelaufen, die daraufhin aufgehört hätten, zu treten. "Ich habe gefragt, was das soll und dass das versuchter Totschlag ist." Als Antwort habe der junge Mann zu hören bekommen, dass er sich "verpissen soll". Das tat er jedoch nicht, sondern nahm sogar noch die Verfolgung des Täters auf, der laut Aussage des Zeugen gegen den Kopf des Familienvaters "mit Vollspann" eingetreten hat.

Daraufhin hätten ihn mehrere Männer aus der Gruppe gegen eine Mauer an der Nordbrücke gedrückt und mit den Fäusten auf ihn eingeschlagen. "Ich habe mein Gesicht geschützt und gewartet, bis es vorbei war."

Sein Kumpel, der ebenfalls die Verfolgung aufgenommen hatte, eilte schließlich zu Hilfe und verhinderte Schlimmeres. Den Angeklagten R. kann er zweifelsfrei als denjenigen identifizieren, der das Opfer am Kopf malträtiert hatte: "Als wir unsere Aussage bei der Polizei gemacht hatten und nach Hause gefahren sind, haben wir ihn vor einem Haus auf der Treppe sitzen sehen", berichtet der Verfahrensmechaniker.

Sofort hätten sie daraufhin die Polizei alarmiert, die den Verdächtigen an Ort und Stelle einkassierte. Beide Zeugen sagen aus, dass ihnen der Angeklagte darum so gut in Erinnerung geblieben ist, weil er eine auffällig rote Jacke anhatte, während alle anderen aus der Gruppe dunkel gekleidet gewesen seien.

Beide Angeklagten sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Während der vermeintliche Haupttäter aufgrund des Gefängnisaufenthalts seine Ausbildung zum Bodenleger nicht beenden kann, hat Kumpel und Mitangeklagter H. mit seiner jahrelangen Drogenabhängigkeit zu kämpfen. Zehn bis 15 Gramm Marihuana konsumiert der 20-Jährige nach eigener Angabe: "Ich rauche THC mehr als Zigaretten." Hinzu kämen Kokain, Ecstasy und allerlei Tabletten zum "Runterkommen."

Angeklagter ist drogenabhängig

Wenn er keine Drogen nehme, trinke er Alkohol. "Es ist immer exzessiver geworden über die Jahre." Eine Flasche Wodka zum Vorglühen sei für ihn "Standard". Auch am Tattag sei er erheblich berauscht gewesen. Vier Tage nach dem Angriff soll H. zudem einen anderen Mann auf dem Freischießen verprügelt haben. Immerhin: "Ich möchte endlich eine Ausbildung abschließen und eine Therapie machen, dass ich von den Drogen wegkomme."

Sollten die beiden wegen versuchten Totschlags verurteilt werden, heißt ihre Zukunft in den nächsten Jahren jedoch erst einmal Gefängnis. Noch weitreichendere Folgen haben die Ereignisse für das Opfer. "Die komplette linke Seite meines Kiefers ist deformiert", schildert der 36-Jährige, der seit der Attacke keine feste Nahrung wie Brotkrusten oder Nüsse mehr essen kann.

In zwei Operationen wurden ihm 20 Schrauben und fünf Metallplatten eingesetzt. Diese sollen bald entfernt werden, ganz in Ordnung wird sein Kiefer jedoch wahrscheinlich nie wieder werden. Zudem sei er vorsichtiger geworden, meide nun Orte mit vielen Menschen oder solche, bei denen er auf ein Klientel wie dem der Angeklagten treffen könnte.

Ob er Wut verspüre, will Richter Christoph Gillot wissen. "Nein. Ich bin nur glücklich, dass ich überlebt habe und hoffe, dass die Personen aus dem lernen, was passiert ist", sagt der Vater eines sechsjährigen Sohns.

Ob das der Fall ist, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die Verhandlung wird am 6. Februar fortgesetzt, das Urteil wird am 20. Februar erwartet. Neben diesem läuft ein gesondertes Verfahren gegen den dritten mutmaßlichen Täter.