LKR Kronach
Prozess

Ein Sumpf aus Intrigen, Geld und Sex

Was geschah wirklich bei jenen Vorfällen, die einem Ex-Polizeibeamten als Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Körperverletzung zur Last gelegt werden?
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Freiwillig oder nicht? Was sich im Einzelnen wirklich abgespielt hat, bleibt der Öffentlichkeit vorläufig noch verborgen. Symbilfoto: pexelsphoto 5
Freiwillig oder nicht? Was sich im Einzelnen wirklich abgespielt hat, bleibt der Öffentlichkeit vorläufig noch verborgen. Symbilfoto: pexelsphoto 5
Der 55-jährige Angeklagte aus dem Landkreis Kronach hat wohl mehrere sexuelle Bekanntschaften gleichzeitig gepflegt und zum Kennenlernen der Frauen seinen Status als Polizist genutzt. Viele seiner Ex-Frauen und Freundinnen hatten Angst vor ihm. Er wurde als dominant und aufbrausend geschildert und war das wohl ebenso im Privaten wie auch im Dienst. Da allerdings sei er auch ein zuverlässiger Kollege gewesen. Das ist das vorläufige Ergebnis von zahlreichen Zeugenaussagen im Lauf von sechs Verhandlungstagen.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Staatsanwaltschaft listet in ihrer Anklageschrift vom 18. Juli 2017 Vergehen wie Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und vorsätzliche Körperverletzung auf. Das Landgericht Coburg hat es nicht leicht mit der Aufgabe, die Wahrheit herauszufinden. Viel zu viel Dubioses und Verworrenes ist mit im Spiel. Sicher ist: Die Frauen waren eifersüchtig und intrigierten fleißig mit- und gegeneinander. Ob die dritte Ehefrau, die als Nebenklägerin auftritt, aber wirklich so weit gehen würde, den 55-Jährigen aufgrund von Geldforderungen mit falschen Aussagen ins Gefängnis bringen zu wollen, wie es in Aufzeichnungen der Mutter und einer Zeugenaussage anklang, muss das Gericht ergründen. Tatsache ist, dass die Vorwürfe von sexuellen und tätlichen Übergriffen nicht nur von der dritten Ehefrau stammen, sondern auch von deren Sohn und einer weiteren Frau.
In einem Kalender habe die Mutter des Angeklagten das Wort "Falschaussage" in Zusammenhang mit der dritten Ehefrau des Angeklagten notiert. Außerdem bringen die Eintragungen den Verteidiger des 55-Jährigen ins Spiel, sowie eine Ärztin der dritten Ehefrau, die wiederum einer weiteren Freundin telefonisch zu einer Anzeige geraten haben soll.
Der Anwalt hat bereits angeboten, im Bedarfsfall als Zeuge zur Verfügung zu stehen. Was sich im Einzelnen wirklich abgespielt hat, bleibt der Öffentlichkeit vorläufig noch verborgen.
Eine der Zeuginnen belog augenscheinlich auch einen Journalisten, der sie interviewt hatte - die Behauptungen der Frau tauchten anschließend in diversen Zeitungsberichten auf und wurden vom Vorsitzenden Richter verlesen. Darin war von einem "Sheriff mit Dackelblick" und einer "roten Couch" die Rede. Während jene Frau im Zeugenstand berichtete, freiwilligen Sex mit dem Angeklagten gehabt zu haben, erklärte ein Zeuge, der am Montag aussagte, das Gegenteil. Er sei ein Freund von ihr, erklärte er, und sie habe ihm erzählt, von dem Angeklagten ab und zu zum Sex "genötigt" worden zu sein. Aus Angst habe sie mitgemacht.
Der Mann hatte den Eindruck, dass der ehemalige Polizist seine Position ausgenutzt habe. Einmal sei der Angeklagte mit "erhobenen Fäusten" auf ihn losgegangen. Deshalb habe er bei der Polizeidienststelle Kronach eine Dienstaufsichtsbeschwerde abgegeben. Diese habe er jedoch auf Bitte des Vorgesetzten hin wieder zurückgezogen. Welche Rolle der Zeuge genau spielte, ließ sich nicht klären. Zumindest war der Mann bei dem Treffen dreier Freundinnen dabei, mit denen der Angeklagte parallel ein Verhältnis hatte. Dabei sei auch ein Handyfoto von dem Mann und zwei der Frauen mit der Aufschrift "in Klausur" als "Schelte" an den Angeklagten geschickt worden. "Die Frauen sind emotional verletzt gewesen", erklärte der Zeuge, deshalb sei das Bild geschickt worden. Die Stimmung habe sich "hochgeschaukelt". Schließlich hätten die Frauen beschlossen, keinen Kontakt mehr zu dem 55-Jährigen zu pflegen.
Ein Arzt aus Erlangen, der die dritte Ehefrau untersuchte und sich erst nicht als Zeuge zur Verfügung stellen wollte, erklärte, ein Hämatom am Fuß der Frau bemerkt zu haben. Sie habe ihm von einem Vorfall berichtet, in dem ihr Ehemann sie gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr zwingen wollte, erklärte er und nannte Details. Seine Patientin soll sich mit der flachen Hand und Schreien gegen den Angriff des 55-Jährigen gewehrt haben. Dabei solle ihr Mann sie am Oberarm oder Ellbogen gepackt und auf den Fuß getreten sein.

Ein Polizeibeamter, der die Mutter des Angeklagten vernahm, sagte ebenfalls aus. In einem Telefongespräch zwischen der Mutter und der dritten Ehefrau soll der Vorwurf gefallen sein, dass der Angeklagte eine narzisstische Persönlichkeit sei.
Das Gericht interessierte vor allem die Frage nach den Unterhaltsforderungen der dritten Ehefrau: "Ging es da um eine Geldforderung von 7500 Euro?" Das bestätigte der Zeuge: Diese Frage sei in seinem Fragenkatalog enthalten gewesen, die er von seinem Vorgesetzten bekommen habe. Im Kalender der Mutter des Angeklagten sei ein Eintrag vorhanden, der sich auf einen Anruf der dritten Ehefrau bezieht und in dem auch die sexuellen Gepflogenheiten des Angeklagten zur Sprache kamen. Unter anderem hieß es da: "Will Geld" und "wenn der mir kein Geld gibt, bringe ich ihn ins Gefängnis."
Dass der Angeklagte seinen Status als Polizist offensichtlich missbrauchte, sagte auch ein weiterer Zeuge aus. Dieser gab an, mit einer Ex-Freundin des 55-Jährigen liiert gewesen zu sein, die dieser wohl "zurückhaben" wollte. "Er hat fast täglich an meine Fensterscheiben geklopft und ist immer bei mir vorbeigefahren, mal mit dem Polizeiauto, mal mit dem Privatauto", berichtete er. Seine Freundin habe sich nicht mehr vor die Tür getraut, ohne sich vorher zu vergewissern, dass der Angeklagte nicht da sei. Sie habe ihm auch von einem tätlichen Angriff des 55-Jährigen erzählt.
Allerdings wollte sie ihn nicht anzeigen, weil sie Angst vor ihm habe, erklärte er. Einzelheiten wisse er nicht. "Sie hat nur gesagt, sie will ihn nicht sehen." Der Prozess wird fortgesetzt.
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