Kronach
Theater

Dramen im Panoramaformat

Der Kreiskulturring bringt den Klassiker "Don Carlos" nach Kronach - ein großes Geschenk für Liebhaber von Bühnenkunst und Schönheit der deutschen Sprache.
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Die Intrige fordert ihr erstes Opfer. Auf der Bühne von links: Frank Voß, Karl-Heinz Dickmann, Thomas Krutmann, Carl Bruchhäuser, Felix Bold und Mona Mucke Nicole Julien-Mann
Die Intrige fordert ihr erstes Opfer. Auf der Bühne von links: Frank Voß, Karl-Heinz Dickmann, Thomas Krutmann, Carl Bruchhäuser, Felix Bold und Mona Mucke Nicole Julien-Mann
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"Die schönen Tage von Aranjuez sind vorbei. Wir sind vergebens hier gewesen." Ein paar Spaßvögel im Zuschauerraum murmeln dieser düsteren Eröffnung ein reflexartiges "Na gut, dann gehen wir wieder" entgegen. Aber die Kraft der Schillerschen Verse zieht die Aufmerksamkeit des Publikums von Anfang an auf die Bühne. Dort entfalten sich wortgewaltig äußere und innere Dramen, Absolutismus trifft auf Aufklärung, Selbstbestimmung lehnt sich gegen Unterdrückung auf und jugendliche Schwärmerei zerschellt an dynastischem Heiratskalkül.

Friedrich Schiller webt in seinem "dramatischen Gedicht" um den spanischen Thronfolger Carlos einen poetischen Gobelin des politischen und gesellschaftlichen Europas im sechzehnten Jahrhundert im Panoramaformat.

Spaniens Macht erstreckt sich über fast den ganzen Kontinent und über weite Teile der Neuen Welt. König Philipp II. hat seine Armada im Krieg gegen England versenkt, die flandrischen Staaten proben den Aufstand, mit der Inquisition stemmt sich die katholische Kirche gegen die Reformation.

In einer theoretischen Schrift über die Wirkung des Schauspiels bemerkte Schiller, dass "die sichtbare Wahrnehmung mächtiger wirkt als toter Buchstabe". Das wird keiner der vielen Menschen bestreiten, die Don Carlos aus der schulischen Pflichtlektüre kennen: über 5000 Verse in reimlosen Jamben, die das Spektrum der deutschen Sprache voll ausreizen und das Zuhören gleichermaßen zur Konzentrationsübung wie zum Vergnügen machen. Denn die Schauspielerriege der Landesbühne Rheinland-Pfalz bietet klassische Schauspielkunst in Vollendung.

Ein monströser Philipp

Frank Voß ist ein monströser Philipp II., dessen bröckelnde Reichsgrenzen auch seine Wahrheiten erodieren lassen. Seine Liebe vernichtet, seine Suche nach Wahrheit bringt immer neue Intrigen hervor. Verführerisch erscheint ihm zunächst der freiheitsliebende Humanismus des Marquis von Posa, den Carl Bruchhäuser mit leidenschaftlicher Intensität spielt und ganz nebenbei auch an der Gitarre überzeugt, mit Melodien aus Rodrigos Concerto de Aranjuez und Beethovens Neunter. "Alle Menschen werden Brüder" heißt es da.

Eine solche tiefe Verbundenheit zeigt sich zwischen Posa und Carlos (Felix Bold). Der Infant von Spanien scheint noch dem Sturm und Drang entsprungen mit seinem jugendlichen Furor, während Posas aufgeklärter Sinn in die Handlungsepoche noch nicht so recht passen will. Leider - denn dann hätte das Schicksal vielleicht anders verfahren. So aber bleibt sein Appell "Geben Sie Gedankenfreiheit!" unerhört. Der Überwachungsapparat am Hofe kontrolliert jeden Raum.

Das Bühnenbild von Agnes Treplin bietet keine Nischen und Schutzräume, die Wände bestehen nur aus Türen, die sich unversehens öffnen und jede Form von Intimität damit ausschließen. Die eindringlich präsente Isa Weiß als Elisabeth von Valois versucht sich in treuer Pflichterfüllung, die ihr die Rolle als Königin abverlangt. Ihr Gegenentwurf ist die Prinzessin Eboli (Mona Mucke). Sie zeigt Gefühle, spielt mit der Leidenschaft Anderer und verzockt sich am Ende. Eigentlich ist sie nur eine Randfigur, aber ohne ihre Intrigen würde das Drama nicht seinen Lauf nehmen.

Umsichtig gestrichener Text

Der grausame Herzog von Alba (Thomas Krutmann), der abgefeimte Pater Domingo (Karl-Heinz Dickmann) und der unerbittliche Großinquisitor (Walter Ulrich in einem kurzen, aber umso prägnanteren Auftritt) werden sich am Ende durchsetzen. Regisseur Jens Heuwinkel hat den Text umsichtig gestrichen und lässt der Geschichte trotzdem Raum, sich zu entwickeln. Sogar kleine Rollen sind besetzt, wenn sie für neuralgische Situationen notwendig sind. Die Anwesenheit und bedeutsame Abwesenheit der Marquise von Mondecar (Regina Tempel) im Garten von Aranjuez sind für die Handlung entscheidend.

Unabhängig von der Einordnung des Stücks in epochale Kategorien zeigt der Abend, warum ein Klassiker wie Don Carlos trotz seines stolzen Alters von 232 Jahren immer noch relevant ist: die Verhandlung über die großen politischen und gesellschaftlichen Themen sind noch lange nicht abgeschlossen.

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