Friedrichsburg
Heimatgeschichte

Die zwei Hausherren in Friedrichsburg 1

Die Bewohner des kleinen Dorfes sind getrennt und verbunden zugleich. Ihr Adressenwirrwarr ist längst Alltag - irgendwann kommt die Post schon an.
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Hans Schrepfer (links) und Walter Zollstab verbringen bereits ihr ganzes Leben in Friedrichsburg. Beim Gang durch das Dorf fachsimpelten sie über die  gute alte Zeit.  Foto: Andreas Schmitt
Hans Schrepfer (links) und Walter Zollstab verbringen bereits ihr ganzes Leben in Friedrichsburg. Beim Gang durch das Dorf fachsimpelten sie über die gute alte Zeit. Foto: Andreas Schmitt
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Lange halten sich die Männer nicht mit Sentimentalitäten auf. Kurze Begrüßung, Handschlag. Dann geht es auch schon los - das Fachsimpeln über früher.

"Hier ging eine Brücke über den Deinesgraben", sagt Walter Zollstab. "War die nicht weiter draußen", fragt Hans Schrepfer und zeigt zur Rodach. "Nein, nein, hier nach dem Schuppen ungefähr", meint Zollstab - und erhält Zustimmung. "Stimmt, jetzt wo du es sagst."

Die Jugend im geteilten Dorf

"Mensch, was haben wir hier alles angestellt", scherzt Schrepfer. Fußball auf den Wiesen, Eisrutschen im Winter. Die Themen gehen den Männern beim Gang durch ihr Dorf nicht aus. Zu sehr sprudeln die Erinnerungen - darüber, wie es in Friedrichsburg einmal war.

Was sie verbindet: Sie wohnen beide bereits ihr ganzes Leben lang im gleichen Ort - und haben auch die gleiche Adresse: Friedrichsburg 1.

Doch Vorsicht: Zollstab (57) und Schrepfer (72) leben nicht im gleichen Haus. Sie sind nicht einmal direkte Nachbarn - 300 Meter liegen zwischen ihren Türen. Auch sind sie weder verwandt noch verschwägert. Der eine ist evangelisch, der andere katholisch. Und trotzdem: Zollstab und Schrepfer leben innerhalb eines Dorfes mit der gleichen Straßenbezeichnung und der gleichen Hausnummer.

Die Familie von Redwitz: Exkursion auf den Spuren des Adelsgeschlechts

Ein Dorf. Nun ja, diese Aussage gilt ganz offiziell so eigentlich nicht. Denn für die Behörden gibt es den Ort Friedrichsburg, der insgesamt etwa 100 Einwohner zählt und an der Rodach sowie der Bundesstraße 85 liegt, gleich zweimal. Der größere Teil des Ortes gehört zur Gemeinde Weißenbrunn, der andere zur Stadt Kronach. Und Gemarkungen, die kommunale Gebiete noch kleinräumiger unterteilen und sich oft an den ehemaligen Gemeindegrenzen vor der Gebietsreform von 1978 orientieren, ziehen sich gleich drei durch den kleinen Ort.

"Das alte Dorf gehörte zu Thonberg", berichtet Schrepfer, der sich mit der Geschichte der Region beschäftigt (siehe unten). Und gehörte damit ab 1978 zu Weißenbrunn. "Ab 1900 breitete sich der Ort dann Richtung Rodach aus." Und damit in die Gemarkung Neuses, das 1978 zu Kronach eingemeindet wurde, und in kleinen Teilen auch in die ursprüngliche Gemarkung der Kreisstadt selbst.

Dies hatte seltsame Dinge zur Folge: So mussten die Friedrichsburger Kinder in drei verschiedene Schule gehen. "Der eine lief nach Neuses, der Nachbar nach Kronach und die anderen nach Thonberg", erinnert sich Schrepfer.

Noch heute kommt manches falsch an. "Post tauschen wir ständig hin und her", berichtet Zollstab. Und einmal kam ein Arzt zum Hausbesuch. Krank war man aber 300 Meter weiter.

"Unser System zeigt uns gleiche Orts- und Straßennamen an, wir fragen dann nach", berichtet Peter Kunzelmann, Chef der Integrierten Leitstelle für die Region Coburg/Kronach in Ebersdorf bei Coburg. "Problematisch wird es nur, wenn sich der Anrufer nicht auskennt oder vor Schock keine klare Auskunft gibt. Deshalb ist Namensähnlichkeit immer eine potenzielle Gefahr."

Schlimme Katastrophen durch irrgeleitete Rettungswägen sind Kunzelmann aus Friedrichsburg in letzter Zeit Gott sei Dank nicht bekannt. Für die Bewohner ist das Adresswirrwarr längst Alltag, sie leben damit.

Zusammengehörigkeit ungetrübt

Getrennt voneinander fühlen sie sich hier nicht, die Zusammengehörigkeit ist ungetrübt. So hatte Friedrichsburg zeitweise eine eigene Feuerwehr und einen Gesangsverein. Auch gab es Wirtshäuser und einen Laden.

Sogar Kirchweihen wurden gefeiert, erinnert sich Schrepfer. Auch wenn es gar kein Gotteshaus gibt. "Oft sogar zweimal. Einmal feierten wir die Thonberger Kirchweih mit und dann gab es früher noch die allgemeine Kerwa für Orte ohne Kirche. Meistens im Oktober."

"Wir waren immer alle Friedrichsburger", sagt auch Walter Zollstab - und Hans Schrepfer nickt. Die zwei Männer sind sich einig: Sie leben in unterschiedlichen Kommunen und trotzdem in einem Dorf.

Die Geschichte des Ortes

Ursprung Wo heute Walter Zollstab im Weißenbrunner Friedrichsburg 1 lebt, begann die Dorfhistorie. 1750 wurde das erste Haus gebaut. Es gehörte den Küpser Adeligen der von Redwitz und wurde von der lehenspflichtigen Händlerfamilie Witzgall,bewohnt.

Wachstum Um das Haus wuchs das Dorf auf die andere Seite der B 85. Die Straße ist etwa seit den 1930ern ausgebaut. Vorher verlief die Hauptroute über Mostrach. Um 1900 breitete sich die Besiedlung weiter aus. Wo Hans Schrepfer wohnt, baute sein Großvater unter der Adresse Neuses 72.

Gebietsreform 1978 kam der Thonberger Teil zu Weißenbrunn und der Neuseser zu Kronach. Seitdem gibt es zweimal Friedrichsburg 1.

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