Kronach
Gedenken

Die Schrecken einer Nacht

In Erinnerung an die Reichspogromnacht, die sich zum 80. Mal jährt , lesen Schüler am Freitag in der Kronacher Synagoge aus Anne Franks Tagebuch.
Artikel drucken Artikel einbetten
Schwarz auf weiß: Auszüge aus dem Tagebuch von Anne Frank, links oben ein Porträt des Mädchens. dpa
Schwarz auf weiß: Auszüge aus dem Tagebuch von Anne Frank, links oben ein Porträt des Mädchens. dpa

In der Nacht zum 10. November 1938 brannten jüdische Synagogen in ganz Deutschland. Auch in Kronach gedenkt man der Reichspogromnacht, die sich heuer zum 80. Mal jährt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren in Deutschland die Synagogen geschändet und angezündet, Juden tätlich angegriffen, jüdische Einrichtungen zerstört sowie Geschäfte und Wohnhäuser von Juden geplündert worden. Hunderte von Juden wurden innerhalb weniger Tage ermordet. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten mündete.

Aus Anlass des 80. Jahrestags möchte der Aktionskreis Kronacher Synagoge e.V. seine jährliche Gedenkveranstaltung mit Schülern des Frankenwaldgymnasiums unter Leitung von Matthias Simon gestalten. Im Rahmen der Gedenkstunde "80 Jahre Reichspogromnacht" lesen diese am Freitag in der Kronacher Synagoge. Als "MutMacher" setzen sie sich in ihrer Schule für ein vorurteilsfreies Miteinander und couragiertes Handeln in und außerhalb der Schule ein. Mit ausgewählten Auszügen aus dem "Tagebuch der Anne Frank" wollen sie die Erinnerung an ein junges Mädchen wach halten, das ungeschminkt von den Verhältnissen im Dritten Reich und dem Umgang mit jüdischen Mitbürgern erzählt.

Das Tagebuch der Anne Frank ist eines der am meisten verkauften Jugendbücher. Es wurde am 25. Juni 1947 veröffentlicht und bis heute in über 70 Sprachen übersetzt. 2009 hat es die Unesco in das Weltdokumentenerbe aufgenommen. Die zu Beginn des Tagebuchs 13-jährige Anne Frank schildert in ihren Tagebuchaufzeichnungen die Zeit zwischen 1942 und 1944, als sie sich als jüdisches Mädchen im Hinterhaus der Firma ihres Vaters verstecken musste. Zusammen mit ihrer Familie und weiteren vier Personen fand sie dort Zuflucht vor den Nachstellungen der Nationalsozialisten, die die Amsterdamer Juden deportieren wollten. Musikalisch umrahmt wird die Feierstunde von zwei Schülerinnen des FWG mit der Klarinette. Beginn ist um 19.30 Uhr.

BDKJ gedenkt mit Poetry Slam und "Familienanzeige"

Auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Kronach und Teuschnitz gedenkt der Reichspogromnacht. Im siebten Jahr in Folge setzt man damit ein Zeichen für Toleranz - heuer mit zwei ganz besonderen Aktionen.

"Immer schön den Blick nach vorne, immer auf das Ziel fixiert. Ich habe lang schon gelernt, dass derjenige, der bremst, verliert" - mit diesen Zeilen beginnt der Text, den der BDKJ bei einer professionellen Poetry-Slammerin aus Anlass des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht in Auftrag gegeben hat. Der von der Verfasserin Maron Fuchs eingesprochene Text wird am Freitag auf Radio Eins laufen. Zudem finden - ebenfalls am Freitag - unsere Leser in unserer Zeitung eine "Familienanzeige" unter anderem mit dem Wortlaut "Vermisst?! Gestorben?! Demokratie Toleranz Menschlichkeit, Zur Erinnerung - 09.11".

Die Aktion "Sehen-Denken-Handeln Gegen das Vergessen" vom BDKJ-Dekanatsverband Kronach/Teuschnitz gibt es seit 2012. Im ersten Jahr hängten die Verantwortlichen große Banner schwerpunktmäßig an Schulen, aber auch im Stadtgebiet von Kronach auf. 2013 verteilten die jungen Leute entsprechende Plakatständer in Kronach. 2014 gedachte man des Tags, indem man in der Kronacher Innenstadt in Form von "Opfern" angelegte Folien-Straßenaufkleber an verschiedenen Gehwegen beziehungsweise Straßen anbrachte. 2015 liefen Fragen wie "Wie würdest Du Dich fühlen, ... wenn man Dich heute foltern würde, .... wenn man Dich heute Deines Lebens berauben würde?" auf Radio Eins.

2016 errichteten die Verantwortlichen am Schulzentrum eine "Wand gegen das Vergessen", woran die Schüler eigene Schlagwörter und Gedanken schreiben konnten. Im vergangenen Jahr schließlich initiierte man eine Luftballon-Aktion zum Thema. Heuer entschied man sich nun für die ungewöhnliche Aktionen eines Poetry-Slams sowie der besagten "Familienanzeige".

Für Toleranz und Miteinander

Bei den Initiativen des BDKJ gehe es, so EJA-Bildungsreferent Andy Fischer, nicht darum, ständig die Finger in die Wunde zu legen. Vielmehr versuche man, mittels "etwas anderer" Formen, Toleranz, Menschlichkeit und Miteinander zu vermitteln. So stelle er immer wieder fest, dass Schüler den historischen Tag nicht oder zumindest nicht sofort parat hätten. "Viele bringen mit dem 9. November zunächst den Mauerfall in Verbindung und wundern sich, warum er nicht zum Feiertag wurde", so Fischer.

Umso sinnvoller und wichtiger sei es, Jahr für Jahr an die Nacht der nationalsozialistischen Pogrome zu erinnern - gerade in der jetzigen Zeit. "Auch damals begann die Machtergreifung schleichend", appelliert Fischer.

Juden in Kronach

In Kronach sind jüdische Bewohner erstmals 1298 urkundlich erwähnt. Im Jahr 1871 wurden die vielen deutschen Teilstaaten zum Deutschen Reich vereint. In diesem neuen Staat hatten alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten, auch die Juden. Sie waren nun freie deutsche Bürger. Viele Juden zogen in die Städte, darunter auch nach Kronach. So konnte bereits 1880 eine selbstständige jüdische Kultusgemeinde gegründet werden, die alsbald eine Synagoge erbaute, die am 5. Oktober 1883 feierlich eingeweiht wurde.

Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verließen viele Juden ihre deutsche Heimat und gingen ins Ausland. 1936 gab es deshalb nur noch wenige jüdische Bürger in Kronach. Sie konnten keinen Gottesdienst mehr abhalten, weil sie die vorgeschriebene Mindestzahl von zehn religionsmündigen männlichen Juden nicht mehr erreichten. Somit blieb die Synagoge ungenutzt.

Was ereignete sich in Kronach in dieser Nacht? Da ihr Schicksal offenkundig war, verkauften die Juden ihre Synagoge im Februar 1938 an die Stadt Kronach, die bis heute Eigentümerin des Gebäudes ist. Danach wurde das Haus zum Sanitätsdepot des Roten Kreuzes umfunktioniert und blieb deshalb vor einer Zerstörung durch die Nazis in der Reichspogromnacht 1938 verschont. Die wertvollen Einrichtungen waren bereits im Februar 1938 an die Israelitische Kultusgemeinde Bamberg gegeben worden, wo sie dem Brand der Bamberger Synagoge am 9. November zum Opfer fielen.

Der verstorbene Stadtarchivar Hans Kremer schreibt für das Stadtarchiv Kronach: "Auch in Kronach hat sich diese sogenannte Kristallnacht am 9. auf den 10. November 1938 abgespielt und zwar im Hause und in der Wohnung der damals hier am Hussitenplatz/Marienplatz 5 lebenden Judenfamilie Felix Strauß, der Großkaufmann für Leder- und Hausschuhwaren war. Die begüterte Familie war aber auch ein großer Wohltäter für die Stadt und ihre Bevölkerung in den vorhergegangenen Not-Jahren, in denen sie viele Hundert von Schuhen aus sozialen Gründen verschenkte."

In "Schutzhaft"

In dem Buch "Ein Stück Matzen, Nachbarin!" von Christoph Zeckai heißt es: "Die beiden Kronacher Juden Felix Strauß und Ludwig Lamm kamen in "Schutzhaft", wie man die Inhaftierung unschuldiger Staatsbürger während des Dritten Reiches nannte. Wie die Polizei sich jedoch anlässlich der Verhaftung verhalten hat, ist heute nicht mehr feststellbar. Bei allen jüdischen Kronachern wurden offensichtlich Hausdurchsuchungen durchgeführt."

In dem Buch "Gern gesehen und wohl gelitten" von Dr. Katja B. Zaich und Willi Zaich steht geschrieben: "Die SA-Schergen drangsalierten die Familienangehörigen und verhafteten Felix Strauß, um ihn ins KZ Buchenwald zu bringen, von wo aus man ihn einige Wochen später wieder entließ. Auch Ludwig Lamm wurde inhaftiert. Angeblich waren bei ihm sowie bei Max Tannenbaum Waffen gefunden worden." Was konkret in dieser Nacht vorgefallen ist, konnte nicht ganz geklärt werden.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren