Kronach
Aggression

"Die hätten ihn totgetreten": Zeugen des versuchten Totschlags in Kronach schildern brutalen Angriff

Am vorletzten Verhandlungstag im Fall des versuchten Totschlags zogen Zeugenaussagen und Plädoyers den Prozess in die Länge. Die Angeklagten ließen eine zweite Chance ungenutzt.
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Zwei junge Männer werden beschuldigt, einen 51-Jährigen im Mai 2018 angegriffen und schwer verletzt zu haben.  Symbolfoto: Christopher Schulz
Zwei junge Männer werden beschuldigt, einen 51-Jährigen im Mai 2018 angegriffen und schwer verletzt zu haben. Symbolfoto: Christopher Schulz

Die Stimmung in der Wohnung war entspannt. Nichts deutete auf einen ungewöhnlichen Abend hin - hätten da nicht die roten Blutspritzer an den weißen Turnschuhen geklebt. Mit diesen soll ein 19-Jähriger am 11. Mai 2018 einem Mann auf dem Kronacher Marienplatz mehrmals mit Wucht gegen den Kopf getreten haben. Gemeinsam mit seinem 23-jährigen Bekannten ist er nun vor dem Coburger Landgericht wegen versuchten Totschlags angeklagt.

Der 51-jährige Geschädigte leidet noch heute an den Folgen des Angriffs. Seine zertrümmerte Nase muss im Januar erneut operiert werden, außerdem hat er seinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren. "Ich weiß nicht, ob mein Mandant noch mal so ohne Weiteres hilft, denn die Folgen sind massiv", machte Frank Jungkunz als Verteidiger der Nebenklage deutlich.

Zivilcourage wird zum Verhängnis

Laut Zeugenaussagen sollen die beiden Angeklagten am Tatabend zunächst eine Gruppe Jugendlicher angerempelt haben. Als einer der Schüler sie auf ihr Verhalten ansprach, kam es zum Gerangel. Dann schallte die erste Ohrfeige über den Marienplatz. Der Streit spitzte sich immer weiter zu, bis der 51-Jährige in die Auseinandersetzung eingriff. Doch seine Zivilcourage wurde ihm schnell zum Verhängnis: Die beiden Angeklagten werden beschuldigt, ihn zu Boden gerissen und ihm mit den Füßen ins Gesicht gestampft zu haben, bis sich der 51-Jährige blutend am Boden krümmte.

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Am dritten und vorletzten Verhandlungstag sagten weitere Polizeibeamte und Zeugen aus. Eine davon war zum Tatzeitpunkt mit ihrer Familie über den Marienplatz gefahren, als sie die Schlägerei bemerkte. "Wir sahen einen Menschen auf dem Boden liegen, aber uns war zuerst nicht bewusst, wie bedrohlich die Situation wirklich ist", erzählte die Zeugin. Zwischen den Beteiligten sei es "ziemlich heiß hergegangen", weshalb sie noch im Auto die Polizei alarmierte. Vom Rücksitz aus schilderte sie der Beamtin den Angriff: Der 51-Jährige lag auf dem Boden und blutete stark, der 19-Jährige soll ihn dabei mit Tritten ins Gesicht malträtiert haben. "Sie hätten ihn totgetreten."

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Als "sehr brutal" beschrieb die langjährige Kampfsportlerin die Tritte. "Ich wüsste nicht, dass ich schon mal einen Menschen mit so einer Aggression erlebt habe", sagte auch der Vater der Zeugin, der mit ihm Auto gesessen war. Er beschrieb den Zustand der Jugendlichen nach dem Vorfall als extrem aufgelöst und hysterisch. Einer der Jungen hätte vor Panik keine Luft mehr bekommen.

In der Bahnunterführung Richtung Ziegelanger hatten die Kronacher Polizisten zwei Bekannte der flüchtigen Angeklagten getroffen, die die Beamten zu deren Wohnung führten. Bei der anschließenden Durchsuchung stießen sie nicht nur auf die beiden Gesuchten, sondern auch auf blutige Kleidungsstücke, die sichergestellt wurden. Ein biologisches Gutachten bestätigte, dass es sich dabei auch um das Blut des Opfers handelte. Ein Rechtsmediziner belegte zudem, dass ein solcher Trümmerbruch der Nase nur durch einen starken Tritt ins Gesicht entstehen könne. Er stufte die Verletzungen des Opfers als potenziell lebensgefährlich ein.

Staatsanwaltschaft geht nicht von Notwehr aus

Richter Christoph Gillot gab den beiden Angeklagten vor Beendigung der Beweisaufnahme erneut die Chance zu erklären, wie das Blut auf ihre Kleidung gekommen war. Doch die ausweichenden Antworten der Männer überzeugten ihn nicht: "Das glaube ich Ihnen nicht. Sie lügen." In ihren Plädoyers schoben die Rechtsanwälte Kerstin Rieger und Michael Linke die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft dem Mandanten des jeweils anderen Verteidigers zu. Linke betonte zudem, dass es keinerlei Beweise dafür gebe, ob der 23-Jährige überhaupt zugetreten habe. Gegen die Auslegung, dass sein Mandant den 51-Jährigen nur aus Notwehr geschlagen habe, wehrte sich die Staatsanwaltschaft jedoch vehement: "Denn Notwehr gegen Nothilfe ist nicht möglich."

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