Kronach
Leben

Die Erinnerung verblasst immer mehr

Bewohner der Demenzwohngemeinschaft im BRK-Seniorenhaus feiern Weihnachten. Vieles aus der Kindheit ist noch präsent. Doch die Gegenwart kann schon in wenigen Minuten wieder vergessen sein.
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"Man muss sich auf seine Schützlinge einstellen können", betont Viola Ries, die als Alltagsbegleiterin Demenzkranke betreut.Schadeck
"Man muss sich auf seine Schützlinge einstellen können", betont Viola Ries, die als Alltagsbegleiterin Demenzkranke betreut.Schadeck

Es ist Mittagszeit in der Demenzwohngemeinschaft im BRK-Seniorenhaus in Kronach. In wenigen Stunden findet die Weihnachtsfeier mit den Bewohnern statt. Der Gemeinschaftsraum ist weihnachtlich geschmückt; Weihnachtsstollen und Plätzchen werden auf den Tischen verteilt.

Einige Bewohner befinden sich bereits im "Feierraum", einige reden miteinander, andere wiederum sitzen schweigsam in ihren Sesseln. "Ich bin die Lisbeth", ruft eine Dame. "Es ist ein schönes Ambiente hier - nicht wahr?" Dann beginnt sie zu erzählen. Von damals - während des Krieges, als ihre Großmutter Butter bei den Bauern eingesammelt hat. Diese wurde dann für die Verpflegung und Lebensmittelverteilung der Bevölkerung verwendet. Sie erinnert sich daran, dass ihre Großmutter wochenlang ein kleines Stück Butter zurückgelegt habe, um zu Weihnachten einen Christstollen backen zu können. Zu Hause wurden auch ein paar Gänse gehalten. Schon damals war die "Weihnachtsgans" Tradition. Supermärkte gab es nicht, in denen man Gänse für das Festmahl hätte kaufen können.

Ihre Sitznachbarin hört gespannt mit zu. Auch sie beginnt zu erzählen aus ihrer Kindheit. Ihr Vater sei Schneidermeister gewesen. "Weihnachten war immer ein besonderes Ereignis." Voller Freude habe sie den Weihnachtsbaum mit ihren Eltern geschmückt. "Lametta durfte da nicht fehlen - gibt es so etwas überhaupt noch?"

"Ja, ja - fällt ihr Lisbeth ins Wort. Weihnachten wurde damals besinnlich gefeiert. Es hatte einen anderen Stellenwert. Obwohl es keinen Wohlstand gab, war man zufriedener und dankbarer. "Heutzutage geht es oftmals nur noch ums Geld."

Während die beiden Bewohnerinnen aus ihrer Kindheit und Jugendzeit erzählen, kommt man immer wieder ins Staunen, wie flüssig sie aus ihrem Leben berichten, wie glasklar ihre Worte sind. Zwischendurch kommt Daniela Müller dazu, die als Betreuungskraft arbeitet. Sie lacht und sagt: "Ja, bei uns gibt es nicht nur vieles zu erzählen, sondern es gibt auch Klatsch und Tratsch."

Mittlerweile füllt sich der Wohnraum mit anderen Bewohnern der drei Hausgemeinschaften. Einige Bewohner stimmen mit ein und singen Weihnachtslieder, andere dagegen lauschen dem Gesang. Manche Bewohner sitzen auch einfach nur auf dem Sofa. Das ist in Ordnung so, erklärt Leiterin Tatjana Daum. Wer nicht will, muss nicht. Länger im Bett bleiben, die Mahlzeiten im eigenen Zimmer zu sich nehmen - warum nicht? "Bei uns gleicht kein Tag dem anderen", sagt Tatjana Daum. Die Bewohner können ihren eigenen Rhythmus leben.

Keine einfache Entscheidung

Wenn jemand in die Demenzabteilung kommt, wird das mit dem Hausarzt und den Angehörigen besprochen. Es sei keine einfache Entscheidung - für keinen Beteiligten. Die Diagnose Demenz verunsichert, macht traurig.

Beim Einzug in die Wohngemeinschaft wird darauf geachtet, dass die Betroffenen etwas Vertrautes von zu Hause mitnehmen können. Ein Fotoalbum oder auch ein Möbelstück. Sehr ausgeprägt bei den Demenzkranken sei auch die Emotionalität. "Wir müssen den Bewohnern ein gutes Gefühl geben", sagt deshalb Tatjana Daum. Es reicht manchmal schon, einfach eine Hand zu halten, ihnen zuzuhören. Außerdem, und dabei ist etwas Stolz ihrer Stimme zu entnehmen: Es gibt mittlerweile auch einen Chor, der aus Bewohnern der Hausgemeinschaften besteht. "Singen ist gut für die Seele."

So herzlich Demenzkranke seien, so bringt diese Krankheit doch auch eine Menge an Herausforderungen mit sich, räumt die Leiterin ein. Das mache es für die Pflegenden manchmal schwer. Die Arbeit sei enorm anspruchsvoll. Deshalb werde auch sehr viel Wert auf eine offene Kommunikation im Team sowie auf Weiter- und Fortbildungen gelegt. Seit nunmehr fünf Jahren gibt es die Demenzabteilung mit den drei integrierten Hausgemeinschaften im BRK-Seniorenhaus. Es ist eine offene Abteilung. Architektonisch so angelegt, dass die Dementen einen Rundgang machen können.

Im sogenannten Wohngruppenkonzept stehen das gemeinsame Leben und Zusammensein im Vordergrund. Es geht um Lebensqualität für die Bewohner - darum, sie soweit wie möglich ins normale Leben einzubinden.

Lisbeth und ihre Sitznachbarin stimmen sich währenddessen auf Weihnachten ein. Und während Erinnerungen an frühere Zeiten noch präsent sind, kennen sie schon wenige Minuten später den Namen der Reporterin nicht mehr...

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