Den Tag der Deutschen Einheit hatte sich Bürgermeister Peter Ebertsch in seiner Gemeinde nicht so vorgestellt. An diesem Dienstag trafen sich nämlich die Parteispitzen der "Alternativen Mitte" der AfD zu ihrer Deutschland-Tagung in der Turn- und Festhalle.

Beatrix von Storch betonte in einem TV-Interview, dass es in Tettau um einen Einigungsprozess innerhalb der AfD gehen soll.

Ab 9.30 Uhr trafen die ersten Teilnehmer auf dem Parkplatz ein. Dass das Publikum aus vielen Teilen Deutschlands anreiste, konnte man bereits an den Autokennzeichen erkennen. Ein paar Meter weiter hatten sich einige Tettauer zu einer friedlichen Gegendemonstration versammelt. Begrüßt wurden die Teilnehmer der AfD-Veranstaltung mit Trillerpfeifen und Trödelgeräuschen.

Zu Gesprächen zwischen AfD-lern und Demonstranten kam es, zumindest vor der Veranstaltung, nicht. "Die wollen nicht mit uns reden, die wollen nur provozieren", so der Organisator der Gegendemonstration, Michael Kaiser. Er betonte, dass man mit der friedlichen Demonstration dahingehend ein Zeichen setzen wolle, dass die AfD in Tettau nicht erwünscht sei. "Wir sind bunt und wollen es auch bleiben!"

Bei den Gesprächen mit Gegendemonstranten und Teilnehmern der AfD-Veranstaltung war eine gewisse Angst und ein Unbehagen vor der Zukunft zu vernehmen. Beide Parteien erinnerten an die Geschichte. Beide Gruppierungen betonten dabei, dass sich so etwas, wie Verfolgung von Andersdenkenden oder ein Verbot von freier Meinungsäußerung nicht wiederholen darf.

"Wir brauchen keine Initiativen, weder links noch rechts", so Harun-Veysel Elkol. Der 46-Jährige lebt seit 44 Jahren in Tettau. Er spricht davon, dass in der Rennsteig-Region die Integration gelungen ist. Er könne nicht nachvollziehen, dass die AfD bei den letzten Wahlen so einen großen Zuspruch hatte. Es seien Leute, die die deutschen Gesetze mit Füßen treten und sich dann - wenn es zu ihrem Vorteil ist, sich auf die Verfassung berufen. "Wir wollen die AfD in Tettau nicht", unterstrich der 13-jährige Luis Wagner.



Auch Martin Schülein und Sandy Schandig sind unter den Gegendemonstranten. Sie wollen damit ihren Unmut gegenüber dieser Partei ausdrücken. Die Leute würden von der AfD belogen und betrogen. Die Wähler dieser Partei hätten sich vor der Wahl intensiver mit deren Wahlprogramm auseinandersetzen sollen.

Auch Bürgermeister Peter Ebertsch (BfT) zeigte Flagge. Vom Gesetz her könne man so eine Veranstaltung nicht verbieten, betonte er. Erfreut über die Anwesenheit der AfD sei er allerdings nicht. Er sprach von einer gelebten Integration in seiner Gemeinde. Zuerst kamen die Italiener und Portugiesen, danach die Türken, "alle haben eine Heimat gefunden!". Und: "Ohne unsere ausländischen Mitbürger gäbe es keine Glashütten mehr!". In den Vereinen werde nicht nach der Herkunft gefragt, man sei miteinander aufgewachsen. "Wir halten zusammen!"

Dass die AfD eine derartige Resonanz erfährt, führt Ebertsch auf Trotz und Protest enttäuschter Bürger zurück.

Und die Teilnehmer? Zuerst hieß es, es sei eine geschlossene Veranstaltung. Am Anfang war auch eine gewisse Reserviertheit gegenüber der Presse spürbar. Man sei von der Presse zu oft enttäuscht worden, diese würden oftmals falsche Nachrichten bringen. Nach einigen Minuten lockerte sich die Atmosphäre jedoch. Die Teilnehmer gaben bereitwillig Auskunft. Der Gründer der AfD, Konrad Adam, erklärte, dass er einem Tag zuvor die Basilika in Vierzehnheiligen aufgesucht habe. Auch den Rennsteig habe er teilweise durchwandert. "Ich kenne die Region hier."

Astrid Eisvogel war aus Niedersachsen angereist. Sie sei kein AfD-Mitglied, aber sie verfolge deren Politik mit Interesse. Und sie brach eine Lanze für die Partei. Die AfD sei gar nicht gegen Kriegsflüchtlinge, nur gegen solche, die unberechtigt hier im Lande seien. Sie sprach von Missständen, davon, dass die arbeitende Bevölkerung zu hohe Steuern bezahle und im Alter oftmals nicht von ihrer Rente leben könne und dass es nicht sein könne, dass viele Familien von einem Einkommen nicht mehr über die Runden kommen. "Das Sicherheitsgefühl und die alten Werte sind verloren gegangen!". Das Volk werde nicht wahrheitsgemäß informiert - egal ob es um politische Inhalte oder um die Energiewende gehe.

Der AfD-Kreisvorsitzende Frank Hansen ist aus Flensburg angereist. Seine Frau stamme aus Forchheim und sei SPD-Mitglied, erklärte er. In dem Moment kam der Pächter der Turn- und Festhalle, Benjamin Baier, vorbei und meinte: "Ihr glaubt nicht, was ich in den letzten Tagen aushalten musste".

Frank Hansen schaute erstaunt und meinte: "Also hier auch!". In diesem Zusammenhang erzählte er von seinem Auto, das stark beschädigt wurde. Von seinen Kindern, die wegen seiner Parteizugehörigkeit, angefeindet werden. Davon, dass er in seinem Heimatkreis keinen öffentlichen Saal findet, in denen er als Kreisvorsitzender Versammlungen halten könne. "Die finden bei uns in der Wohnung statt!" Nach Tettau sei er gereist, um Leute kennen zu lernen, um - nach dem Austritt von Frauke Petry - die weitere Entwicklung der Partei mitverfolgen zu können.

Wiederum huschte der Pächter der Festhalle vorbei und er fragte: "Hätte ich für diese Versammlung nicht die Erlaubnis geben sollen?" Er spricht davon, dass er monatlich eine Pacht an die Gemeinde zu bezahlen habe und er irgendwie das Geld dafür aufbringen müsse. "Nach welchen Kriterien soll ich bei Anfragen handeln? Nach der Nase, nach der Nationalität, nach der Religion?", fragte sich der Pächter. Und er erinnert an den Montagabend, als bei der Disko Flyer für die Gegendemonstration verteilt wurden. Es seien einige Bürger auf ihn zugekommen und hätten ihm auf die Schulter geklopft.

Draußen auf der Straße blickt ein Bürger auf die Autokennzeichen der abgestellten Pkw. Er schüttelt den Kopf und meint: "Von überall her finden die den Weg nach Tettau - nur die Kronacher haben es immer noch nicht gelernt!"