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Kronach
Polizeieinsatz

Der vergebliche Lebenskampf des Kronacher Stiers

Ein Bulle wollte dem sicheren Tod auf dem Kronacher Schlachthof entkommen und hielt die Polizei auf Trab.
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Foto: Sandra Hackenberg
Foto: Sandra Hackenberg
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Er wollte um jeden Preis leben. Dafür sprang ein Jungbulle am Freitag am Kronacher Schlachthof dem Tod buchstäblich von der Schippe, als er beim Ausladen ausbüxte. Er schwamm durch die Rodach, überquerte Bahngleise und riss Zäune ein. Doch als er auf einer Wiese bei Neuses - wohl zum ersten Mal - den süßen Duft der Freiheit roch, setzte seinem jungen Leben die Munition eines G3-Sturmgewehrs ein Ende.

"Gegen 9 Uhr wurden wir von der Polizei hinzugerufen, weil ein Bulle mitten durch den Ort marschiert ist", beschreibt der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Neuses, Andreas Höfner, den ungewöhnlichen Einsatz. "Ich bin seit 35 Jahren bei der Feuerwehr, aber sowas ist mir noch nicht passiert."

Fast ins Auto gelaufen

Die Polizei habe das Rind auf die Wiese in Richtung Neuseser Mühle getrieben, während die Feuerwehr sicherstellte, dass es nicht wieder in den Ort zurückläuft, berichtet der Pressesprecher der Kronacher Polizei, Gerhard Anders. Doch jedem sei klar gewesen: "So einen 600-Kilo-Bullen hältst du nicht fest. Der hatte ein ordentliches Kaliber. Einem Kollegen wäre er fast ins Auto gelaufen." Darum hätten alle einen angemessenen Sicherheitsabstand gehalten.

"Um weitere Gefahr abzuwenden, haben wir beschlossen, das Tier zu erschießen", erklärt Anders. "Allerdings ist unsere Munition nicht dafür geeignet." Die Kollegen aus Coburg wurden um Schützenhilfe gebeten, eine halbe Stunde später waren sie da. "Der Bulle hat ganz anständig auf der Wiese gestanden und gewartet, bis er erschossen wurde", erinnert sich Kreisbrandmeister Roland Schedel. Er habe keinen aggressiven Eindruck gemacht.

Anschließend wurde der Jungbulle zurück zum Schlachthof gebracht, wo sein Fleisch, wie vorgesehen, verarbeitet wurde. Der örtliche Metzger, der an diesem Tag zwei Bullen schlachten lassen wollte, habe - entgegen der Richtlinien - eigenmächtig die Tiere ausgeladen. Deshalb hat der Stier laut einer Schlachthof-Mitarbeitern erwischen können. "Das Tier muss innerhalb einer Stunde nach seinem Tod bei uns sein. Dann kann das Fleisch ganz normal verwendet werden."

Doch hätte es angesichts des enormen Lebenswillen des Bullen keine Alternative gegeben? "Das Tier wäre ohnehin der Schlachtung zugeführt worden", argumentiert Anders. Davon abgesehen wisse er gar nicht, welcher Veterinär dafür zuständig ist, in so einem Fall den Bullen zu betäuben.

Doris Rauh ist Vorsitzender des Vereins Rüsselheim, der auf einem Gnadenhof bei Fulda unter anderem Fluchtrinder aufnimmt. Prominenteste Bewohnerin ist Johanna, die 2016 aus einem Schlachthof getürmt ist und drei Wochen Zuflucht im Wald suchte. "Es ist ein Alptraum, wie mit dem Bullen umgegangen wurde", findet Rauh. "Er wollte doch nur leben."

Die Vorsitzende versichert, dass ihr Verein den Kronacher Jungbullen aufgenommen hätte. "Wir können nicht überall sein. Man muss uns anrufen - und das ist den meisten zu viel Aufwand."

Kommentar von FT-Redakteurin Sandra Hackenberg: Harte Realität statt Weihnachtsmärchen

Im Fall des erschossenen Bullen musste ich sofort an den Erfurter Waschbären denken. Der torkelte vor kurzem betrunken über den Weihnachtsmarkt, weil er offenbar am Glühwein genascht hatte. Die Feuerwehr nahm das geschwächte Tier mit. Die Weihnachtsmarktbesucher vermuteten, dass er zum Tierarzt oder in eine Auffangstation kommt. Doch er wurde kurz darauf vom Jäger schossen. Der Waschbär ist eine invasive Art, eine Plage. So lautete die offizielle Begründung der Stadt.

Ich bin kein naiver Tierschützer und ich weiß, dass Rinder geschlachtet werden müssen, damit die Menschen ihr Fleisch essen können. Doch solche Geschichten erinnern uns daran, dass jedes Tier eine Seele besitzt und nicht nur ein Stück Fleisch ist. Ich frage mich, ob manchmal nicht ein wenig mehr Feingefühl, ein wenig mehr Menschlichkeit, den Akteuren gut zu Gesicht stehen würde.

Es hätte Alternativen zur Tötung gegeben. Doch die Wirklichkeit sieht so aus, dass den Behörden der Aufwand schlicht zu groß ist. Dass ein Tierleben den Aufwand einfach nicht wert ist. Darum erzählen beide Geschichten die harte Realität und kein Weihnachtsmärchen.

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