Wenn der evangelische Pfarrer Friedrich Seegenschmiedt ein paar Minuten Zeit hat, dann drückt er derzeit wieder die Schulbank. Er büffelt für seinen Lebenstraum und wälzt allerlei Lehrbücher - Bücher für die Schifffahrt.
Neben dem dicken Stapel auf dem Esstisch liegen Geodreiecke und Karten. "Die braucht man zum Navigieren", erklärt Seegenschmiedt und zeigt, was er schon kann. Er berücksichtigt die Abweichung zwischen Magnetkompass und geografischer Lage, kalkuliert eine Missweisung mit ein. So nennen Experten das Phänomen, dass sich die Magnetnadel eines Kompasses parallel zu den Kraftlinien des Magnetfeldes zum magnetischen Nordpol ausrichtet - und so zeigt sie nicht exakt zum geografischen Nordpol. Die Missweisung ist je nach der Position auf der Erdkugel unterschiedlich und kann der aktuellen Seekarte entnommen werden.
Pfarrer Seegenschmiedt findet das alles ganz logisch und wirkt so, als ob er Zeit seines Lebens ein echter Seebär wäre. Mit einem Zirkel kann er sogar genau sagen, wie groß die Strecke in Seemeilen ist, die er da berechnet hat. "Das macht Spaß. Man muss sich doch auf der See auch zurechtfinden, wenn das GPS mal ausfällt", erklärt der Geistliche.
Doch warum beschäftigt sich ein Pfarrer aus dem Frankenwald mit der Schifffahrt? Das hängt mit Seegenschmiedts Lebenstraum zusammen. "Ich bin schon immer gerne gereist und habe schon immer gerne andere Länder gesehen und neue Leute kennen gelernt. Nach dem Beginn der Rentenzeit will ich mir ein Boot kaufen und in See stechen", erzählt Seegenschmiedt.
"Ich bin tief im Herzen ein Vagabund", sagt der Pfarrer und hat schon ganz genaue Vorstellungen: "Ich möchte dann keine Wohnung, sondern ein schwimmendes Zuhause. Wenn ich einmal nicht mehr arbeite, kann ich doch nicht darauf warten, dass mich mal jemand als Vertretung anfordert. Nein, das will ich nicht", sagt Seegenschmiedt. Er fügt hinzu: "Auf so einem Motorschiff ist doch alles vorhanden: Da ist ein Schlafzimmer, eine Dusche, ein WC, ein Salon. Das reicht für mich und für meinen Hund Bosco."

Die nächste Prüfung


Und damit sich der Traum vom schippernden Zuhause erfüllt und er sein Schiff auch überall hinsteuern kann, hat er den Sportboot-Führerschein See bereits in der Tasche. Aber das ist ihm nicht genug. Derzeit wälzt er wieder Seemannsbücher und allerlei entsprechende Lektüre. Denn schon im Juni steht die nächste Prüfung an - für den Sportboot-Führerschein für Binnengewässer.
"Da muss man 300 Fragen beantworten - der Test geht im Multiple-Choice-Verfahren, aber das ist oft schwieriger als selbst etwas zu formulieren", findet der Pfarrer und liest einige Beispiele vor. Tatsächlich kann man, wenn man nicht genau liest, ganz schön ins falsche Fahrwasser geraten. Vor allem, wenn man erst vor so kurzer Zeit den Seeführerschein gemacht hat. Denn auf hoher See ist alles wieder anders als auf Binnengewässern. "Aber die so genannten Kleinfahrzeuge (alle Schiffe unter 20 Metern) müssen immer ausweichen", erklärt der Pfarrer und zitiert damit das Kollisionsverhütungsgesetz - eine der goldenen Regeln in der Schifffahrt.
Ansonsten weiß er, dass jeder Staat das See- und Binnenschifffahrtsrecht selbst regelt. Bange macht den Pfarrer das aber nicht - im Gegenteil. Er denkt bereits über Routen nach, die er kennen lernen möchte. "Es gibt so viel, was ich sehen möchte. Aber eine Route, die mich reizen würde, ist es von Kiel aus durch die Ostsee nach St. Petersburg und Moskau zu reisen und dann weiter durchs Kaspische und Schwarze Meer bis zur Krim und an der Ostseeküste entlang bis zur Türkei hinunter", schwärmt der 60-Jährige. Er schätzt, dass er allein auf dieser Traumroute mindestens ein Jahr unterwegs sein wird, wahrscheinlich aber, wenn er sich alles ausgiebig anschaut, wesentlich länger.
Sogar finanziell hat Pfarrer Seegenschmiedt seinen Traum schon auf dessen Realisierbarkeit geprüft. "Wenn ich die Liegegebühren auf 300 bis 400 Euro im Monat kalkuliere, zahle ich weniger, als wenn ich eine Wohnung miete", sagt er.
Natürlich weiß Friedrich Seegenschmiedt, dass sich mit zunehmendem Alter noch alles ändern kann - auch gesundheitlich. Doch davon lässt er sich nicht ins Bockshorn jagen. "Wenn's anders kommt, dann mache ich mir eben neue Gedanken", sagt der Küpser Pfarrer. Und in den nächsten fünf Jahren hat er ja noch genügend Zeit, seinen Traum zu konkretisieren und in kleinen Etappen schon einmal anzutesten: "Im Urlaub miete ich mir ab jetzt immer ein Boot - vielleicht ein Kleineres -, und dann schaue ich mal, wie das so ist", freut sich Seegenschmiedt schon auf seine zweite Berufung als Seebär.