Kronach
Raunächte II

Der Himmel an Silvester als Orakel für den Frankenwald

Eine bunte Palette an Prophezeiungen spiegelt sich im Brauchtum und Volksglauben des Frankenwaldes am "Kindelstouch" und am "Neujoaschheilichoamd" wider.
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Ein einzigartiges Naturschauspiel bot sich am Silvesterabend 2013: Wie ein purpurroter Baldachin, unheimlich und rätselhaft, fast schon bedrohlich, wölbte sich der Himmel für nur wenige Augenblicke über das untere Rodachtal.Alexander Grahl
Ein einzigartiges Naturschauspiel bot sich am Silvesterabend 2013: Wie ein purpurroter Baldachin, unheimlich und rätselhaft, fast schon bedrohlich, wölbte sich der Himmel für nur wenige Augenblicke über das untere Rodachtal.Alexander Grahl

Wenn der Weihnachtsfrieden wieder der Hektik des Alltags weicht und der Zauber der Heiligen Nacht seine magischen Kräfte langsam verliert, beginnt die Zeit "zwischen den Jahren". Die Redewendung umfasst den Zeitraum zwischen dem Ende des alten Jahres und dem Beginn des neuen Jahres. Mit dem 28. Dezember, dem Tag der unschuldigen Kinder, offenbart sich im Einklang mit den zwölf heiligen Nächten ein weiterer bemerkenswerter Tag, nämlich der "Kindlestouch", der Tag, an dem "gepfeffert" wird.

In einer Niederschrift eines Lahmer Bürgers von 1897 heißt es: "Man sagt bei uns zu Lande, wer früh am Morgen gepfeffert wird, bleibt grün das ganze Jahr hindurch. Es ist streng darauf zu achten, dass die Pfeffergerte, mancherorts auch ,Lebensrute‘ genannt, grün und frisch ist. Es besteht vielfach die abergläubische Annahme, dass eine Person mancherlei Krankheiten ausgesetzt ist, wenn sie nicht der Sitte gemäß gepfeffert wird."

Das Protokoll fährt fort: "Wehe dem Manne, der es aus Vergesslichkeit oder aus irgendeiner anderen Ursache unterlassen hatte, seine zarte Ehehälfte mit einem grünen Myrtenzweig zu dengeln und hierbei ein hübsches Sprüchlein zu sagen; er sah für längere Zeit kein gutes Gesicht und Revanche wurde ihm geschworen. Um mit den Worten des Dichters zu reden, lag in diesem Brauch der Grundgedanke: O dass sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe."

"Was wird die Zukunft bringen?"

An Silvester feiert man den "Neujoahschheilichoamd" im "Dreiländereck" nordöstlich von Wallenfels mit seiner reichen Fülle an Aberglauben und Brauchtum. Zunächst einmal verbietet auch der Silvesterabend das Aufhängen von Wäsche, wenn man keine "Kuhhaut aufhängen", also kein Stück Vieh verlieren will. Außerdem darf ab dem Mittagläuten niemand mehr arbeiten, da es ihm für das ganze Jahr schlecht bekäme. Heute steht auch die Frage aller Fragen im Mittelpunkt: "Was wird die Zukunft bringen?"

In der Grümpel prophezeit man: "Wenn sich in der Silvesternacht ein Stück Vieh losreißt, dann stirbt im kommenden Jahr ein Angehöriger der Familie: Reißt sich ein Ochse los, dann stirbt der Hausherr, reißt sich eine Kuh los, die Hausherrin, und reißt sich ein Kalb los, stirbt eines der Kinder."

Der Bauer aus dem Fischbachtal ist vor allem auf das Wetter im folgenden Jahr neugierig. Um es zu erforschen, füllt er zwölf nummerierte Nuss- oder Eierschalen mit Salz und stellt sie über Nacht in feuchte Luft. Am Neujahrsmorgen kann er analog zum Feuchtigkeitsgrad des Salzes das Wetter im jeweiligen Monat in seinem Niederschlag bestimmen. Das Gedeihen jeder Feldfrucht erkundet man mit folgendem magischen Tun: Für jede Feldfrucht füllt man einen Teller mit Wasser, legt darunter einen Zettel mit dem jeweiligen Fruchtnamen und lässt das ganze bis zum Neujahrsmorgen unberührt stehen. Zeigen sich Bläschen auf dem Wasser, bedeutet es, dass diese Frucht gedeihen wird.

"Grüna Klües mit Eiebrüh"

Auf eine angenehme Art ist die Frage der Menge der zu erntenden Gerste zu beantworten. Um dieses Orakel unter Dach und Fach zu bringen, bedarf es nur des Leibgerichtes eines jeden echten Frankenwäldlers, nämlich "Grüna Klüeß mit Eiebrüh". Hat die Hausfrau im oberen Haßlachtal das übliche Maß davon gekocht und hat die ganze Familie, ohne sich zurückzuhalten, davon gegessen, so lässt jeder übrig bleibende Kloß einen Schock Gerste erwarten. Daneben probiert man auch Hirsebrei. Der Grund liegt in dem Glauben, dass von nun an das Geld nicht mehr ausgehen könne.

Vielsagend für das anbrechende Jahr kann dabei der Himmel an Silvester sein: Ist er sternenklar, glaubt man, dass die Hühner viele Eier legen. Ist er bewölkt, geben die Kühe viel Milch.

Am Neujahrsmorgen sind schließlich die "Neujoahswünscher" an der Reihe. Die Kinder besuchen Paten, Verwandte und Nachbarn und sagen ihr Sprüchlein auf: "Wir wünschn euch a glückseligs neus Joah; Gsundheit, Fried und Einigkeit und es Himmlreich: a Schdumm fuel Kinne, an Buen fuel Könne, an Schdoul fuel Hönne und an Beudl fuel Geld, dass euch es ganza Joah o nex fehlt!"

Klopft ein Bub als erster an die Tür und wünscht Glück, dann wird es sich auch erfüllen. Ist es ein Mädchen, glaubt man an nichts Gutes in der Zukunft. Hier zeigt sich vor allem, dass die Buben und somit das männliche Geschlecht weitaus höher eingeschätzt werden als die Mädchen.

Der Neujahrsmorgen ist weiterhin geeignet, die Zukunft zu ergründen. Dazu durchschneidet man einen Apfel vom Stiel bis zum Blütenrest. Das durchtrennte Kerngehäuse verrät alles: Ist kein Kern verletzt, bedeutet dies Gesundheit. Ist ein Kern angeritzt, erleidet man eine schwere Krankheit. Ist ein Kern gar mitten durchgeschnitten, so stirbt man im Laufe des Jahres.

Wie diese Orakel auch ausfallen mag, so vergisst doch keiner der Mannsbilder, sich reichlich die "Rüjed" ins Gesicht zu trinken, das heißt: Mit schäumendem Gerstensaft trinkt man sich die Röte in die Wangen und bleibt folglich kerngesund.

Finale der "Gesundheitstage"

Am "Öjbeschdn", wenn "dä Kaschbe, dä Mälche und dä Balze" mit ihren Initialen an den Haustüren wieder für neues Glück zeichnen, beginnt das große Finale der "Gesundheitstage" mit dem "Stärkodrinkn". Damit die Stärke auch das ganze Jahr über anhält, wird für jeden Monat des Jahres "a Seidla" getrunken. Als "Seidla" wird im Frankenwald ein Krug oder ein Glas mit einem halben Liter Bier bezeichnet.

Aus diesem Grunde sollte die Zwölferregel nicht so genau genommen werden. Schließlich dient der gute alte Brauch dem Mobilisieren neuer Kräfte und soll nicht das Gegenteil bewirken. In diesem Sinne: "Wohl bekomm's!"



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