Ludwigsstadt
Bahnhofsgeschichte

Der Grenzbahnhof Ludwigsstadt: Letzter Halt vor einer ungewissen Reise

51 Jahre lang war der nördlichste Bahnhof des Landkreises Kronach Grenzhalt zwischen zwei politischen Systemen. Bis zu 40 Menschen arbeiteten dort.
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Von Süden kommend (wie auf dem  Bild)  war der Bahnhof Ludwigsstadt viele Jahre lang der letzte Halt vor der Zonengrenze. Foto: Andreas Schmitt
Von Süden kommend (wie auf dem Bild) war der Bahnhof Ludwigsstadt viele Jahre lang der letzte Halt vor der Zonengrenze. Foto: Andreas Schmitt
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Der Ludschter Bahnhof ist mittlerweile das, was für eine Stadt seiner Größe typisch ist. Ein mittelgroßer Halt, der regelmäßig bedient wird, an dem Liebhaber von Stille und Ruhe an vielen Phasen des Tages aber ihren geeigneten Ort finden.

Doch das war nicht immer so: Ludwigsstadt erlebte zwischen 1949 und 1990 eine eisenbahntechnisch große Zeit als Grenzbahnhof zwischen zwei Weltanschauungen. Für viele Züge war die derzeit etwa 3300 Einwohner große Stadt der letzte Halt in der demokratischen Bundesrepublik Deutschland. Danach ging es in Fahrtrichtung Norden in die kommunistische DDR.

Der Bahnhof blüht auf

"Als Grenzbahnhof ist Ludwigsstadt aufgeblüht", weiß Bahnexperte Christian Gloël. Der in Unterrodach aufgewachsene Bahnfreund kennt die Strecke der Frankenwaldbahn (die von Hochstadt am Main nach Norden durch den Landkreis Kronach hindurch und weiter nach Probstzella in Thüringen verläuft) als Lokführer und Bahnhistoriker wie kaum ein Zweiter. "In Ludwigsstadt ging es noch menschlich zu. Die Weiterfahrt nach Norden war dann wie eine ungewisse Reise in eine andere Welt."

Gloël erinnert sich noch genau an die Momente, als die Bremsen in Probstzella quietschten, Hundegebell einsetzte und die Türen zur Kontrolle aufgerissen wurden.

Vor allem ein nächtliches Warten auf einen Anschlusszug nach Saalfeld geht ihm nicht aus dem Kopf. "Auf einmal setzte das Hundegebell wieder ein und es fiel ein Schuss", erinnert sich der 50-Jährige. "Danach war gespenstische Ruhe im Warteraum. Da kommt man schon ins Grübeln. Gesprochen hat keiner, dort war alles verwanzt." Eine unheimliche Szene, die sich bis heute nicht aufgeklärt hat.

Ganz anders schildert Gloël seine Eindrücke vom BRD-Grenzbahnhof Ludwigsstadt. "Dort wurden die Einreisenden von der Bahnhofsmission mit Getränken empfangen." Auch konnten Reisende, die mangels Dokumenten nicht in die DDR einreisen durften, beim Team um Schwester Ruth übernachten. Anfangs in einer Holzbaracke, ab 1957 gab es ein Gebäude.

Die Grenzinfrastruktur wuchs mit den Jahren immer weiter an. Fünf Mitarbeiter arbeiteten pro Schicht für die 1995 geschlossene Bahnhofsmission. Dazu kamen pro Schicht zwei Mitarbeiter der Wechselstube und bis zu zwölf Grenzpolizisten. Insgesamt war der Bahnhof Arbeitgeber für 40 Menschen.

Propaganda beschlagnahmt

Die BRD-Grenzer durchsuchten die Reisenden vor allem nach Schmuggelware. "Nicht selten wurde Propaganda-Material östlicher Geheimdienste beschlagnahmt," erzählt Gloël.

Eine weitere Besonderheit waren die "Korridorzüge". Sie kamen aus Probstzella und fuhren ohne Halt durchs bayerische Ludwigsstadt weiter auf der mittlerweile stillgelegten Nebenbahn nach Lehesten zurück nach Thüringen.

In den Wochen nach der Grenzöffnung war der Bahnhof für Tausende erster Anlaufpunkt im Westen. Bis 1995 hatte Ludwigsstadt ein eigenes Stellwerk. Heute werden die Signale und Weichen für die Züge, die sich von Norden die steile Rampe hinauf quälen oder auf der Talfahrt von Süden her bremsen, vom Kronach aus gesteuert.



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