Pressig
Bahnhofsgeschichte

Der Bahnhof in Pressig - ein Haltepunkt, den die Nachbarn in Rothenkirchen nicht wollten

Der Bahnhof Pressig-Rothenkirchen sorgte dafür, dass sich die Einwohnerverhältnisse zwischen den beiden Nachbarorten komplett umkehrten.
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Der Bahnhof Pressig-Rothenkirchen - aufgenommen im Mai 2018. Foto: Andreas Schmitt
Der Bahnhof Pressig-Rothenkirchen - aufgenommen im Mai 2018. Foto: Andreas Schmitt
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"Eisenbahnpionierort Pressig mit Bahnhof Rothenkirchen." Mit diesem Titel überschrieb ein Reporter der "Welt" 1982 einen Artikel über Pressig. "Das verdeutlicht, dass der Aufschwung des Ortes mit einem Bahnhof zu tun hat, der eigentlich den Nachbarn gehörte", berichtet Georg Dinkel. Der 84-Jährige hat in Pressig ein riesiges Privatarchiv über den Ort und vor allem die Bahnhofsgeschichte angesammelt. Mehrere Ordner füllen seine Unterlagen.

Der Grenzbahnhof Ludwigsstadt: Letzter Halt vor einer ungewissen Reise

Als in den 1880er Jahren die Zugstrecke von Stockheim in Richtung Probstzella weitergebaut wurde, sollte Rothenkirchen einen Bahnhof erhalten. Den wollte man dort aber nicht. Kaufverhandlungen für Grundstücke gestalteten sich schwierig. "In Rothenkirchen hatte man Angst, dass keine Reisenden mehr in die Gaststätten gehen, weil mit dem Bau der Eisenbahn die Postkutsche ihre Fahrten an den Gasthäusern vorbei einstellte", sagt Dinkel.

Pressig profitiert von der Angst

Die Folge der Ablehnung: "Der Bahnhof wurde im damals mit nur 162 Einwohnern unbedeutenden Pressig gebaut", erzählt Dinkel. Und zwar nicht nur irgendein Bahnhof: wegen der Lage am Fuße der Steilstrecke baute die königlich-bayerische Eisenbahn die Station zu einem Großunternehmen aus; 1902 gab es 201 Beschäftigte.

Allerdings: Einen Bahnhof Pressig gab es offiziell gar nicht. Denn Rothenkirchen, zu jener Zeit der um ein vielfach größere Ort, bestand auf den Namen "Bahnhof Rothenkirchen". Dies führte mitunter zu großen Irritationen. Dinkel: "Die Reisenden sind zum Beispiel von Buchbach zu Fuß zum Ort Rothenkirchen gelaufen, doch in Pressig fuhr der Zug davon." Erst 1939 erreichte Pressig unter Bürgermeister Baptist Suffa die Umbenennung der Station in "Pressig-Rothenkirchen".

Die Frankenwaldbahn: Ein Abbild der Geschichte

Mit den Jahren entwickelte sich das "Anhängsel Pressig" zu einem der Hauptorte im Haßlachtal. "Zwei Drittel der Bevölkerung sind Eisenbahnerfamilien", sagt Dinkel, der schon als Kind den Betrieb rund ums Bahnbetriebswerk miterlebte. Die Einwohnerzahl stieg, Rothenkirchen wurde überholt.

Rund um den Bahnhof wurde auf bis zu 16 Gleisen rangiert; heute bestehen noch sieben.

Das Gebäude war Arbeitsplatz vieler Menschen: Dort arbeiteten der Bahnhofsvorstand, der Kassenwart, Schalterbeamte, Fahrdienstleiter oder "Billetenknipser der Bahnsteigkarten". Es gab Unterkünfte für Zugschaffner, Wagenmeister sowie Bremser, eine Frachthalle und bis 1921 eine Postexpedition.

Als Hitler Pressig verschlief

Großer Auflauf, so berichtet Eisenbahnhistoriker Norbert Heidrich, war am Bahnhof, als Adolf Hitler auf der Rückfahrt von Rom nach Berlin einen Halt einlegen wollte. Die Reichsleitung Kronach und die Gauleitung Bayreuth marschierten komplett auf. Schulkinder bekamen frei und mussten sich mit kleinen Fähnchen aufstellen. Aus Sicherheitsgründen fuhren zwei Züge; keiner sollte wissen, in welchem Hitler war. Als sie hielten, teilte die Reiseleitung mit, er schlafe noch und dürfe nicht geweckt werden. Die Züge fuhren weiter nach Berlin. Große Enttäuschung am Bahnhof, alle warteten umsonst. Nur die Kinder, so berichten Zeitzeugen, hätten sich über den schulfreien Tag sehr gefreut.

Im April 1945 zerstörten Bombenangriffe den Bahnhof. Fast vier Wochen war kein Betrieb möglich. Beim Wiederaufbau mussten die Eisenbahner auch "Steine klopfen", um mit dem aufbereiteten Material die Zerstörungen zu reparieren.

In den 1980 und 1990er Jahren büßte der Bahnhof an Bedeutung ein. Das Personal wurde weniger, Häuser zurückgebaut. Seit 2012 ist das Gebäude im Besitz der Firma Rauschert.

Das Material des Bahnbetriebswerks wurde verlegt. Einzig manches Rangierer-Häuschen blieb in Pressig - und ist heute Gartenhäuschen oder Geräte-Schuppen.

Weitere Anekdoten rund um den Bahnhof in Pressig

1) Die Zeitung Ludwigsstädter Correspondent schreibt am 30. Oktober 1903: "Eisenbahndirektionen tagen in Bamberg wegen permanenter 40-minütiger Verspätung der Schnellzüge München-Berlin und retour. 10 Stunden ist die normale Fahrzeit + regelmäßig 40min. Verspätung. - Fazit: Abhilfe kann aber erst nach der Elektrifizierung der Bahnstrecke Hochstadt - Rothenkirchen (Pressig) erfolgen. - Das dauerte jedoch bis zum 1. Mai 1939! - Dazwischen lagen immerhin nur knapp 36 Jahre!

2) Ein unglaublicher Krankentransport im Personenzug per Dampflokomotive ereignetet sich am 5. Oktober 1927: Lauf Ludwigsstädter Correspondent" wurde der schwer verletzte Eisenbahner Leitz auf der Tragbahre von seiner Wohnung abends mit dem 7-Uhr-Zug, sicherlich im Packwagen, nach Kronach gebracht. Wie dieser dann vom Bahnhof Kronach ins Krankenhaus kam, ist rätselhaft. - Ob der am Nachmittag Gestürzte den Unfall überstand, ist an dieser Stelle nicht bekannt. - Immerhin wurde er von der Eisenspitze eines schmiedeeisernen Gartenzaunes regelrecht aufgespießt.

Weitere Informationen zum Pressiger Bahnbetriebswerk finden Sie hier.



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