Förtschendorf
Bahnhofsgeschichte

Der Bahnhof Förtschendorf: Vom Ziel der Postkutsche zur Wiege des ICE

Heute ein unscheinbarer Haltepunkt, einst große Bedeutung: Der Bahnhof Förtschendorf war Verteilzentrum der Post und Startort für den Siegeszug des ICE.
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Heute unscheinbarer Haltepunkt, einst große Bedeutung als Holzumschlagsplatz, Zentrum der Postkutsche und Wiege des ICE: der Bahnhof in Förtschendorf. Foto: Andreas Schmitt
Heute unscheinbarer Haltepunkt, einst große Bedeutung als Holzumschlagsplatz, Zentrum der Postkutsche und Wiege des ICE: der Bahnhof in Förtschendorf. Foto: Andreas Schmitt
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Die Entwicklung neuer Zugtechnologien geschieht nicht nur in den Metropolen. Nein, auch auf der Frankenwaldrampe zwischen Pressig-Rothenkirchen und Steinbach am Wald - einer wichtigen Teststrecke für neue Loks.

So auch am 18. Oktober 1984, als Förtschendorf Schauplatz einer besonderen Vorstellung war: 1000 Meter nördlich des Bahnhofs wurde einer prominenten Delegation der Entwicklungssprung vom Wechselstrom- zum Drehstromantrieb vorgeführt.

Die Frankenwald-Drehscheibe: Betriebswerk Pressig war Heimat der Schubloks

Die vierachsige Drehstrom-Lok 120 005, in der Komponenten für ICE-Züge getestet wurden, trat in einem Rennen gegen die sechsachsige Wechselstrom-Baureihe 151 an. "Die eigentlich wesentlich stärkere Lok musste verlieren - so wollte es das Drehbuch", erinnert sich Bahn-Historiker Christian Gloël. Er reiste an diesem Tag extra in der Mittagspause von Kronach an, um zu sehen, wie die Drehstromtechnik von Förtschendorf aus ihren Siegeszug startete.

Wichtige Poststation der Region

Die Geschichte der Strecke begann am 8. August 1885, als der erste Zug über den neuen Abschnitt der Frankenwaldbahn von Stockheim bis Förtschendorf fuhr. In der Folge erhielt die bis 1978 selbstständige Gemeinde einen Bahnhof und entwickelte sich zum wichtigen Ziel der Postkutsche - etwa für Reisende aus Tschirn und Teuschnitz. Außerdem kam in Förtschendorf die Post an und wurde weiter verladen.

In alten Schriften heißt es über die Frequenz des Bahnhofs: "Größere Personenabfertigungen finden statt während der Kronacher Markttage, der Kronacher Schützenfeste und der allgemeinen Kirchweih."

Bahnhof Ludwigsstadt: Letzte Station vor einer unsicheren Reise

Spätestens ab 1928, so schreiben Leo und Matthias Barnickel, Harald Scherbel und Peter Eibl im Buch "Förtschendorf. Ein Frankenwaldort im Wandel der Zeit. 1250-2000", sind zwei Anschlussgleise bekannt: auf der Straßenseite mit einer Laderampe für die Firma Raab und auf der Waldseite mit einer Rampe für die Firma Adolf Becker.

Eine besondere Episode ist aus dem Zweiten Weltkrieg übermittelt, als fehlendes Bahnpersonal durch heimische Bauern ersetzt wurde. Eines Nachts erfasste ein durchfahrender Schnellzug den 40-jährigen Landwirt Johann Konrad ("Klousn-Bauer") aus Förtschendorf. Er wurde zehn Meter durch die Luft geschleudert, aber wie durch ein Wunder nur leicht verletzt.

In den 1960er Jahren verloren die kleineren Frankenwaldbahnhöfe an Bedeutung. 1979 verließ mit der Inbetriebnahme des von Pressig-Rothenkirchen ferngesteuerten Drucktastenstellwerks das letzte Personal Förtschendorf. Nach der Grenzöffnung wurde er im Zuge des Lückenschlussprogramms wieder ausgebaut. Unter anderem entstand ein zweiter Bahnsteig, wie der erste mit Überlänge für außerplanmäßiges Stopps von Schnell- und Sonderzügen.

Wie sich ein Hirschfelder Holzhändler an die Zeit erinnert, als der Bahnhof Förtschendorf ein großer Verladeplatz für die Fichten des Frankenwalds war, lesen Sie hier im infrankenPlus-Artikel.



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