Laden...
Stockheim
Heimatgeschichte

Das Stockheimer Schlösschen im Wandel

Vom herrschaftlichen Haus zur Glasfabrik, zum Kino, zur Puppenfabrik, zum Warenhaus - das Gebäude war stets eine Keimzelle wirtschaftlicher Aktivitäten.
Artikel drucken Artikel einbetten
Das Stockheimer Schloss (links) und die Glashütte von 1850 (rechts). Die Aufnahme könnte um 1910 entstanden sein. Fotos und Repros: Gerd Fleischmann
Das Stockheimer Schloss (links) und die Glashütte von 1850 (rechts). Die Aufnahme könnte um 1910 entstanden sein. Fotos und Repros: Gerd Fleischmann
+4 Bilder

Der landkreisweit bekannte Stockheimer Hobbymaler Harald Popig überraschte Bürgermeister Rainer Detsch im Beisein von Ortsheimatpfleger Gerd Fleischmann mit einem Gemälde des Stockheimer Schlösschens etwa um 1570. Das Gemeindeoberhaupt zeigte sich sichtlich beeindruckt von dieser bemerkenswerten Initiative.

Mehr oder weniger unbekannt sei die einstige Bedeutung dieses herrschaftlichen Hauses für Stockheim, meinte der Bürgermeister nachdenklich. Er dankte Harald Popig für die kostenlose Bereicherung des Stockheimer Rathauses.

Das Sandsteingebäude auf einem Bergsporn dominierte über Jahrhunderte in dem Dörfchen Stockheim mit gerade mal zwölf Häusern, flankiert im Nordbereich von einem stattlichen Schlossteich sowie im Süden von einer Hauskapelle und einem Jägerhaus, informierte Gerd Fleischmann.

Insbesondere sei die wirtschaftliche Entwicklung der Bergwerksgemeinde von diesem geschichtsträchtigen Bauwerk aus ganz wesentlich beeinflusst worden, betonte der Ortsheimatpfleger bei der Bildübergabe. Letztlich sei das historische Bauwerk die Keimzelle wirtschaftlicher Aktivitäten in Stockheim. Während das Haßlacher Schloss 1632 und 1633 gänzlich dem Erdboden durch schwedisch-sächsische Söldner gleichgemacht wurde, habe sich in Stockheim die uralte Sandsteinmauerung im Kernbereich bis heute erhalten. Allerdings sei der heutige Gebäudekomplex mit dem Erscheinungsbild vor 450 Jahren nicht mehr vergleichbar.

1433 erstmals erwähnt

Zu den Anfängen schreibt der Kunsthistoriker Tilmann Breuer: "1433 wird das Schloss zu Stockheim erstmals erwähnt, es ist damals bambergisches Lehen des Hans von Haßlach. Dieses spätmittelalterliche Schloss, nach den Zerstörungen des Bauernkrieges 1525 im 16. Jahrhundert ausgebaut, bildet den Kern des noch bestehenden Gebäudes. Nach dem Tode des Hans Dietrich von Haßlach kommt das Schloss zunächst an die Herren von Mengersdorf. Fällt dann aber schon 1608 an das Hochstift. 1632 wird das Schloss durch schwedische Truppen beschädigt, 1639 schenkt es Fürstbischof Franziskus von Hatzfeld aufgrund der heldenhaften Verteidigung gegen die Schweden der Stadt Kronach. Gegenwärtig in Privatbesitz, ist das Schloss als Wohnhaus um- und ausgebaut."

Der Bamberger Unternehmer Joseph Ernst Strüpf (1763 - 1821) läutete, so Gerd Fleischmann, am 1. August 1806 mit dem Kauf des ehemaligen Schlösschens von der Stadt Kronach für 1000 Gulden eine neue Ära ein. Die Absicht, dort mit Kohle befeuerten Schmelzöfen eine Glasproduktion aufzunehmen, wird zwischen 1810 und 1815 realisiert. Im Nordostbereich entstehen eine Glashütte sowie eine Pottaschenhütte. Erst nach 1850 wird die Produktionsstätte nach Süden hin von anderen Unternehmern großzügig erweitert.

Hüttenmeister Peter Hofmayer, einst die rechte Hand von Strüpf, übernimmt 1823 auf dem Verstrichswege teilweise die Glashütte. Allerdings gibt Hofmayer seine Unternehmungen - dazu zählen auch Ziegelei und Katharinazeche - auf. 1841 werden dann Fakten gesetzt: Christian von Weiß junior und Heinrich Josef von Swaine erwerben je zur Hälfte die Ziegelhütte bei der Schmiede Wachter; den Bergwerksbesitz von Hofmayer kauft Swaine. Die Glashütte übernimmt H. Dressel aus Sonneberg, die dann am 8. August 1853 Arthur Greiner erwirbt.

1858 betritt mit Apotheker Georg Leinecker aus Rothenkirchen ein neuer Akteur die ortsgeschichtliche Bühne. Leinecker erwirbt Schloss und Glashütte für 22 000 Gulden. Allerdings stellte er bereits 1862 die Glasproduktion ein. Aber auch die Bemühungen von Adolph Ludwig Wentzel ab 1868 verliefen erfolglos. Und im Juni 1872 pachtete die Glashüttengesellschaft Rabot die Glashütte. Damals existierten ein Schmelzofen, zwei Wärm- und fünf Kühlöfen, und man beschäftigte 23 Personen. Allerdings stand man nur 23-mal am Glasofen und produzierte etwa 30 000 Flaschen und 500 Ballons. Noch im gleichen Jahr erfolgte die Betriebsaufgabe.

Bemerkenswerter Aufschwung

Ab 1877 änderte sich die wirtschaftliche Situation schlagartig. Die Familien Sigwart, Möhrle und Böhringer, aus Buhlbach im Schwarzwald stammend, sorgten mit ihrem Einsatz für einen bemerkenswerten Aufschwung. Schon bald müssen die Schwaben feststellen, dass die Schlossglashütte für eine Expansion einfach zu klein ist. Über die Wahl des Standortes ist man sich schnell einig: Neben dem 1863 erbauten Stockheimer Bahnhof entstand bereits 1886 eine moderne Glasfabrik mit drei damals völlig neuen hochmodernen Wannenöfen, in denen bis zu 400 Glasmacher bis 1930 beschäftigt waren.

Nach dem Abzug der Glasbläser beginnt für das Schlösschen eine neue Zeit mit unterschiedlichsten Aktivitäten. 1888 erben Josef Leinecker, Theresa Mayr, Johanna Elise Götz, Mathilde Nieblich und Georg Leinecker je ein Fünftel des Gebäudetraktes. Am 12. März 1920 erfolgt die Übergabe an Ernst Hugo Götz, der schnell aktiv wird und in der ehemaligen Glashütte ein Lichtspielhaus einrichtet. Die Eröffnungsvorstellung im Oktober 1920 trug den Titel "Die Vermummten".

Die vielfältigen wirtschaftlichen Aktivitäten sind bemerkenswert, denn bereits nach 1911 stellte Karl Hartmann Puppen her. Er beschäftigte bis zu 50 Personen. Ab 1919 baute er dann an der Bundesstraße 85 eine moderne Produktionsanlage. Für eine weitere Belebung im Schlosstrakt sorgte in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Firma Trapper & Schober - Korbwaren. Heimarbeiter und bis zu zehn Angestellte hatten hier ihr Auskommen. Am 31. August 1965 übernahm Horst Max Götz den Gebäudekomplex und richtete in der ehemaligen Glashütte ein Warenhaus ein, das einige Jahrzehnte Bestand hatte.

In der Folgezeit wird das Anwesen immer wieder umgebaut und modernisiert. Nur noch die mächtigen Sandsteinmauern im Westtrakt erinnern an das spätmittelalterliche Schloss von 1433, das in der Nachbarschaft bescheiden wirkender Tropfhäuser außerordentlich dominant wirkte.