Wilhelmsthal
Demografieserie

Das Konzept "Mitmachgemeinde" in Wilhelmsthal

Wilhelmsthal hat weder große Industrie noch herausragende Alleinstellungsmerkmale. Aber die Gemeinde kann auf engagierte Bürger zählen. Das Projekt "Sanierung Gemeindehaus Hesselbach" ist nur ein Beispiel.
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Alexander Hoderlein zeigt, wie der Ausschank im Gemeindehaus Hesselbach früher aussah und heute aussieht. Er ist einer von mehr als 30 Bürgern, die das Gebäude ehrenamtlich sanieren. Sie leisten einen Beitrag dazu, Wilhelmsthal attraktiv zu halten.  Foto: Hendrik Steffens
Alexander Hoderlein zeigt, wie der Ausschank im Gemeindehaus Hesselbach früher aussah und heute aussieht. Er ist einer von mehr als 30 Bürgern, die das Gebäude ehrenamtlich sanieren. Sie leisten einen Beitrag dazu, Wilhelmsthal attraktiv zu halten. Foto: Hendrik Steffens
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"Mitmachgemeinde" ist ein Stichwort, das Susanne Grebner (SPD) auch nach ihrem Wahlsieg im Frühjahr noch gern benutzt. Als solche will die Bürgermeisterin von Wilhelmsthal ihre Gemeinde in die Zukunft führen. Dafür, dass das klappen kann, gibt es Anhaltspunkte: Die Sanierung des Gemeindehauses in Hesselbach und den Spielplatzbau in Lahm zum Beispiel.

Wilhelmsthal hat die gleichen Probleme wie alle Kommunen im Kreis Kronach. Die Gemeinde schrumpft. Geboren wurden im laufenden Jahr 19 Bürger, gestorben sind 34 (Stand 3. Dezember 2014). Am Stichtag lag die Einwohnerzahl bei 3877. 2004 waren es noch 4193. Die Zahl der unter 18-Jährigen sank auf 594 (2004: 724), die der über 65-Jährigen auf 774 (2004: 823). Das entspricht einem Bevölkerungsschwund von rund 7,5 Prozent.

Schnelles Netz fehlt noch

"Trotzdem nützt es nichts, alles negativ zu sehen", sagt Grebner. Über ihrem Schreibtisch im Bürgermeisterbüro hängt ein Plakat auf dem steht: "Do what you love, love what you do" - Tu was du liebst, liebe, was du tust. Sie hält sich dran. Will Bewegung bringen in ihre Heimatgemeinde. Eine Konsequenz ist die Gründung eines Entwicklungsausschusses, dem sie vorsteht. Kürzlich tagte er zum ersten Mal. Auf der Agenda steht, einen Plan für die Gemeindeentwicklung bis zum Jahr 2020 zu schmieden.

Da sollen zum Beispiel Leerstände ("gibt es fast nicht", meint Grebner) und potenzieller Baugrund in den acht Gemeindeteilen erfasst und mögliche Entwicklungskonzepte geprüft werden. Außerdem steht ein baldiger Breitband-Ausbau auf der Agenda: "Da sind wir leider katastrophal aufgestellt." So richtig zeitgemäß läuft das Internet nur im preisgekrönten Bio-Energiedorf Effelter. Allerdings gibt es zwei Angebote von Firmen, die das Breitbandnetz ausbauen wollen. In der Januarsitzung des Gemeinderats könnte die Auftragsvergabe erfolgen. Das Gute: 90 Prozent dürfte der Freistaat bei dem Großprojekt finanziell zuschießen.

Schnelles Netz ist unabdingbar für die Wirtschaft vor Ort. Was die Gewerbesteuer angeht, ist Wilhelmsthal mit 306 000 Euro (2013) "nicht auf Rosen gebettet", sagt Grebner. Die Gemeinde ist auf Stabilisierungshilfen (400 000 Euro) des Freistaats angewiesen, "aber nicht handlungsunfähig. Es reicht für die Pflichtaufgaben."
Das Hauptproblem sei der Arbeitsmarkt, meint Grebner. "Und da können wir noch so schöne Landschaften haben." Die örtliche Wirtschaft besteht primär aus kleineren Mittelständlern, die vor allem handwerkliche und kaufmännische Berufe anbieten. Gelitten hat Wilhelmsthal als Standort unter dem Wegfall der Grenzlandförderung mit dem Mauerfall. Mehrere Firmen wanderten ostwärts ab.

Das wirkt sich auf die Altersstruktur der Bevölkerung aus. Denn eine Bildungskarriere mit Abitur und Studium lässt jungen Menschen oft keine andere Wahl als den Umzug.

Vom Potenzial als Rückzugsort

Die Kunst sei, Fortgezogene später wieder zurückzulocken, weiß Grebner. Abwegig ist das nicht. In Wilhelmsthal gibt es sehr günstige Häuser. Kronach, Coburg, Lichtenfels und Kulmbach als größere Zentren sind nah. Und die medizinische sowie Kinderversorgung - mit zwei Krippen, bald zwei Kindergärten und der neuen Grundschule - sind gut. "Gemeinden wie unsere haben das Potenzial, Städtern als Rückzugsort zu dienen, wenn sie eine Familie gründen", meint Grebner. Der neue Entwicklungsausschuss solle sich nun auch mit einem baldigen Ausbau von Pflege- und Betreuungsangeboten befassen: Um die älteren Bewohner im Ort zu halten.

"Mitmachgemeinde" nur Slogan?

Ein weiteres Projekt, das den neuen Entwicklungsausschuss beschäftigt, ist die Förderung des Ehrenamts. Es soll in Zukunft einen "Ehrenamtspreis" geben, wie Grebner verrät. Und da kommt wieder das eingangs genannte Stichwort "Mitmachgemeinde" zum Tragen. Eine flächenmäßig große Gemeinde wie Wilhelmsthal mit überschaubaren finanziellen Mitteln attraktiv halten? Das ist nur möglich, wenn sich Bürger unentgeltlich engagieren.
Ein Musterbeispiel für die Schaffenskraft der Einwohner ist die Sanierung des Gemeindehauses in Hesselbach, die seit zwei Jahren läuft (der FT berichtete). Die Dorfgemeinschaft Hesselbach hatte dafür eigens einen kleinen Bauausschuss gegründet. Zwischen dreißig und vierzig von den rund 500 Einwohnern des Dorfes packen seitdem an. Alexander Hoderlein ist eine treibende Kraft. Warum er das tut? "Das Haus ist für unsere Vereine gedacht. Aber man fühlte sich nicht mehr wohl hier. Private Feiern blieben ganz aus. Das mussten wir ändern", sagt er.

95 Prozent machen sie selbst: Sanitär-, Elektro-, Malerarbeiten. "Einen Fliesenleger haben wir im Ort einfach nicht mehr. Da mussten wir einen Externen beauftragen", sagt Hoderlein. Mehr als 30 000 Euro spart die Gemeinde Wilhelmsthal dank des ehrenamtlichen, freizeitlichen Engagements bei der Sanierung. 2017 soll das Haus wieder einladend ausschauen und von den Bürgern genutzt werden. Sie dürften das Objekt umso besser pflegen, weil sie es selbst wieder aufgebaut haben. Darauf zielt Susanne Grebner ab: "Wir als Gemeinschaft müssen uns selber helfen, um an gewisse Ziele zu kommen." Es sei ein Vorteil für ländliche Regionen, dass die Bürger einander kennen und vernetzt sind.

Eigeninitiative ist Trumpf

Das bestätigt Hoderlein. Abseits der Pflichtaufgaben, die kleinere Kommunen zu leisten haben, blieben wenig Mittel für Extras. "Und wenn wir bei einem Spielplatz oder Gebäude selbst Arbeit investieren, profitieren wir ja auch. Wir halten das Dorf lebenswert", so Hoderlein. Zuzüge von Familien könne man so vielleicht nicht generieren. Wohl aber Wegzüge verhindern.

Über die Attraktivität einer Gemeinde entscheidet immer auch das Bildungsangebot. Hier sieht Grebner einen Trumpf in der - anfangs heftig umstrittenen - neuen Grundschule. "Die finden mittlerweile auch die Kritiker von damals gut", meint Grebner. Seit ihren Anfangstagen im Gemeinderat - vor 18 Jahren - setzte sich Grebner für die gemeinsame Grundschule ein. Sie lobt die Harmonie in der gemeinsamen, zentralen Schule und dass sie den Zusammenhalt in der Gemeinde stärke. 30 Erstklässler zählte Wilhelmsthal in diesem Jahr.

Zurück zu den 4000

Zum Abschluss bleibt die Frage, wie die Gemeinde Wilhelmsthal in zehn Jahren dastehen könnte. Im schlechtesten Fall könne man die Bevölkerungsabnahme nicht aufhalten, meint Grebner. Im besten Fall sei der Geburtenverlust durch Zuzüge kompensierbar: "Ich würde mir wünschen, dass wir wieder über 4000 Bürger haben und die Zahl halten können."
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