Kronach
Prozess

"Das heiße Blut im Gesicht": Mann (51) aus Kreis Kronach will Jugendlichen helfen und wird selbst zum Opfer

Am Coburger Landgericht wurde der Prozess wegen versuchten Totschlags an einem 51-Jährigen aus dem Landkreis Kronach eröffnet. Der Mann wollte eine Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen schlichten und wurde selbst schwer verletzt.
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Zwei junge Männer werden beschuldigt, einen 51-Jährigen im Mai 2018 angegriffen und schwer verletzt zu haben. Symbolfoto: Christopher Schulz
Zwei junge Männer werden beschuldigt, einen 51-Jährigen im Mai 2018 angegriffen und schwer verletzt zu haben. Symbolfoto: Christopher Schulz

Als er die Hilfeschreie hörte, warf er sofort sein Eis weg und rannte los. Dabei sollte es ein entspannter Abend nach einem stressigen Tag werden. Doch dann endete er für den 51-Jährigen aus dem Landkreis Kronach mit geprellten Rippen, Blutungen und einer gebrochenen Nase im Krankenhaus.

Zwei afghanische junge Männer werden beschuldigt, eine Gruppe Jugendlicher im Mai vergangenen Jahres auf dem Kronacher Marienplatz zunächst angerempelt und dann geohrfeigt zu haben. Der Streit eskalierte, ein Motorradfahrer wollte ihn schlichten. Die Staatsanwaltschaft ist sicher: Es hätte für den 51-Jährigen noch viel schlimmer ausgehen können.

Zwei Männer nach Angriff angeklagt

Wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung sind ein 19- und ein 23-Jähriger, die seit 2015 in Deutschland leben, vor dem Coburger Landgericht angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, dem Geschädigten am 11. Mai 2018 wiederholt gegen den Kopf getreten und damit tödliche Verletzungen billigend in Kauf genommen zu haben.

Der 51-Jährige wird mit jedem Atemzug an die Tat erinnert. Seine Nase musste nach dem Angriff in einer aufwendigen Operation komplett rekonstruiert werden. Noch heute bekommt er schlecht Luft, leidet dadurch an Schlafstörungen. Seine Psychologin hat zudem eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

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Und er ist wütend. Wütend auf die Aggressivität der beiden Jugendlichen und die bohrenden Nachfragen von deren Verteidigern. Am Tatabend habe er sich mit seiner Freundin ein Eis am Kronacher Marienplatz gegönnt, als ihnen von Weitem eine Gruppe Jugendlicher auffiel. "Sie waren fröhlich, haben total gute Laune versprüht." Als zwei junge Männer im Stechschritt auf die Gruppe zuliefen, kam es plötzlich zum Tumult. Zwei Mädchen seien hilfeschreiend davongerannt und mehrere "Backenklatscher" über den Platz geschallt. "So hat sich das angehört", sagte der 51-Jährige und schlug mit der flachen Hand fest auf den Tisch. "Ich habe zu meiner Freundin gesagt, da passt was nicht und bin los."

Schläge und Tritte gegen den Kopf

Einer der Angeklagten habe einen Jungen im Nacken gepackt und nach vorne gebeugt, der zweite Angeklagte stand vor ihm und habe ihn "bearbeitet". Der 51-Jährige sei dazwischen gegangen und habe den 23-Jährigen am Kragen festgehalten. "Wie er mich angestarrt hat. Den Blick werde ich nie vergessen." Er habe harte Schläge auf den Kopf gespürt und sei nach unten gezogen worden. "Ich weiß noch, dass ich auf dem Boden lag und das heiße Blut im Gesicht spürte", berichtete das Opfer. Daraufhin seien die Schläge noch intensiver geworden.

Mit dem zweiten Nebenkläger, einem 17-jährigen Schüler aus Kronach, fuhr er anschließend im Krankenwagen zur Klinik. Der Jugendliche schilderte in seiner Aussage, dass die beiden Angeklagten sich zunächst mitten durch die Gruppe gedrängelt hätten. Als er sie darauf ansprach, habe der 19-jährige Afghane aggressiv reagiert und habe ihm eine Ohrfeige verpasst. Der Streit spitzte sich zu, sodass er schließlich die Polizei rief. Der Motorradfahrer erzählte, dass der 17-Jährige nach dem Angriff vor Schock einen Anfall erlitt und hyperventilierte. Die Sanitäter mussten ihn künstlich beatmen.

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Den Angeklagten werden zwei Dolmetscher zur Seite gestellt, um vom Afghanischen ins Deutsche zu übersetzen. Beide Jugendliche flohen über den Iran nach Deutschland. Ihre Geschichten ähneln sich stark, auch wenn einer von ihnen gesprächiger ist als der andere. Einige Jahre gingen sie in ihrer Heimat zur Schule, bevor sie die Ausbildung abbrachen, um ihren Vätern bei der Arbeit unter die Arme zu greifen. Der Terror der Taliban habe sie schließlich aus dem Land getrieben.

Angeklagter vom Krieg traumatisiert

"Ich habe im Krieg viele Tote gesehen", übersetzte der Dolmetscher des 19-Jährigen. "Ich bin sehr traumatisiert." Seit der Ermordung seines Bruders habe er angefangen, regelmäßig Alkohol zu trinken. "Es war nur noch Trauer in mir", gibt sein Dolmetscher wieder. Eine Ausbildung haben sie nicht abgeschlossen, beide sind derzeit arbeitslos.

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Laut ihren Aussagen sei es nur zu der Auseinandersetzung gekommen, weil sie von der Gruppe auf dem Marienplatz als "Scheiß-Ausländer" beschimpft wurden. Die Schüler stritten solche rechtsradikalen Aussagen jedoch ab. Der 23-jährige Angeklagte beschrieb seine Rolle bei dem Vorfall als schlichtend. Er habe seinen Freund von der Gruppe wegziehen wollen. Zwei Flaschen Alkohol hatten sie zu diesem Zeitpunkt intus. Der Geschädigte habe ihn am Hals gepackt, erzählte der 19-Jährige. Er beschrieb den Mann als Riesen, der ihm weit überlegen gewesen sei. Sie hätten den 51-Jährigen nie getreten. Für die Kammer steht diese Behauptung im Widerspruch zu den schweren Verletzungen des Opfers.

Wann der Prozess weiter geht

Die Verhandlung wird am 9. Mai um 10 Uhr sowie am 29. Mai um 9 Uhr fortgesetzt.

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