Kronach
Selbsthilfegruppe

Damit sie nicht alleine sind

Wenn die Krebsdiagnose den Betroffenen den Boden unter den Füßen weggezogen hat, sollen Selbsthilfegruppen wieder für festen Stand sorgen. Im Landkreis hat sich eine Gruppe allerdings aufgelöst - und der anderen fehlt es an Mitgliedern.
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Brustkrebs ist in Deutschland die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Jedes Jahr gibt es rund 69 000 Neuerkrankungen. Geht es nach Christine Kiendl von der Kronacher Selbsthilfegruppe "Franca" suchen vor allem junge Frauen nach der Diagnose in erster Linie im Internet Rat - und nicht mehr im persönlichen Gespräch.  Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Brustkrebs ist in Deutschland die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Jedes Jahr gibt es rund 69 000 Neuerkrankungen. Geht es nach Christine Kiendl von der Kronacher Selbsthilfegruppe "Franca" suchen vor allem junge Frauen nach der Diagnose in erster Linie im Internet Rat - und nicht mehr im persönlichen Gespräch. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Ist da etwas? Christine Kiendl ist Anfang 40, als sie den Knoten in ihrer Brust ertastet. Kurze Zeit später steht die Diagnose: Brustkrebs. "Ich hatte natürlich viele Ängste", erinnert sich die inzwischen 62-Jährige. Kiendl - kurze schwarze Haare, farblich passende Brille - bekämpft den Krebs im Schnelldurchgang. Chemotherapie, Bestrahlung; das volle Programm. Dann ist der Krebs besiegt. "Und bisher nicht zurückgekommen", sagt Kiendl, während sie mit ihren Fingerknöcheln dreimal auf den Tisch klopft. "Nach einem Jahr ging ich schon wieder arbeiten."

Doch die Straße, die zur Genesung führt, hat bekanntlich mehr als nur eine Fahrbahn. Während sich die Medizin um den Körper kümmert, verläuft parallel eine mentale Spur. Die ebenfalls in einem möglichst guten Zustand gehalten werden sollte. "Ich habe in dieser Situation viel mit meiner Familie gesprochen", erzählt Kiendl, die damals wie heute als Hebamme in der Frankenwaldklinik arbeitet. "Auch Claus Beyerle, mein damaliger Chef, hat mich in der Zeit sehr unterstützt."

Keine medizinische Beratung

Austauschen wollte sie sich aber auch mit Frauen, die sich in einer ähnlichen Lage befanden. Während der Erkrankung und danach. Wirklich fündig wurde Kiendl nicht. "Ich wollte mit Gleichaltrigen über unsere Erfahrungen sprechen, aber bei der einzigen Selbsthilfegruppe ,Nach Krebs‘ war der Altersdurchschnitt an die zwei Jahrzehnte höher. "Daher hatte mich das nicht wirklich angesprochen."

Die Lösung: Eigeninitiative. Franca nennt sie die Selbsthilfegruppe für gynäkologische Krebserkrankungen, die sie 2003 mit Beyerle, dem damaligen Chefarzt für Gynäkologie, gründet. Das Akronym steht für ,Frauen nach Carcinom‘. "Er hatte immer mal wieder Frauen zur Krebs-Aufklärung zu mir geschickt", erzählt Kiendl. "Da dachte ich mir, man könne eine Gruppe daraus machen."

Der Zulauf ist groß. An die 60 Frauen aus der Region kommen zum ersten Infotag. Die meisten bleiben. "Wir waren alle so um die 40. Also genau in dem Alter, wie ich mir das erhofft hatte", sagt die 62-Jährige.

Seitdem treffen sich die Frauen einmal pro Monat im Caritashaus (siehe Infokasten). Und was wird dort alles besprochen? "Ach, wir sind ein geselliger Haufen", sagt Kiendl. "In erster Linie tauschen wir Neuigkeiten aus. Allerdings geben wir keine Empfehlungen oder machen medizinische Beratung." Die Mitglieder der Gruppe sollen erfahren, wie sie mit Krebs leben können und wo es Unterstützung gibt. Regelmäßig werden daher Referenten eingeladen. Zudem geht es einmal pro Jahr in den Biergarten und immer mal wieder gibt es Fahrten in andere Kliniken oder Rehas.

Das Wichtigste sei es allerdings, Mut zuzusprechen, betont die 62-Jährige: "Für das Umfeld ist eine Krebserkrankung oft belastend. Und um ihre Familie zu schonen, erzählen manche Frauen zunächst nichts von ihrer Krebserkrankung." In der Selbsthilfegruppe hätten die Frauen jemanden, mit dem sie reden können. Denn um gesund zu werden oder zu bleiben, sei es bedeutend, Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht zu erfahren. "Außerdem muss man lernen, mit sich und der Krankheit umzugehen", sagt Kiendl. Mit anderen Betroffenen sprechen zu können, sei da eine nicht zu unterschätzende Hilfe.

Eine Hilfe allerdings, die nur noch wenige Frauen anzunehmen scheinen. Inzwischen hat Franca nur noch 15 Mitglieder. Für Kiendl liegt das an gleich zwei Gründen. Anders als noch 1999 während ihrer Krebsbehandlung, werden Chemos von den Kassen nur noch ambulant und nicht mehr stationär bezahlt. "Dadurch brachen die Frauen außerhalb der Klinik weg", sagt sie. Die wurden zur Behandlung nun nämlich nach Bayreuth, Coburg oder Bamberg geschickt. "Und dann besuchen vor allem die jungen Frauen lieber Internetforen", vermutet die 62-Jährige.

Nur noch Kaffee-Runden

Vergangenen Herbst löste sich die zweite Kronacher Selbsthilfegruppe ,Nach Krebs‘ auf. Zuletzt seien es nur noch fünf oder sechs Mitglieder gewesen, erzählt Elfriede Feulner. Als sie die Leitung der Gruppe vor zehn Jahren abgegeben habe, seien es noch um die 50 Mitglieder gewesen. "Wenn der Partner gestorben ist, fehlte vielen jemand, der sie fährt", nennt die 80-Jährige einen der Gründe für die Auflösung. "Wir waren dann so wenige, dass wir auch keine Referenten mehr bezahlen konnten." Der kleine Kreis treffe sich zwar immer noch - allerdings nur noch zum Kaffee.

Christine Kiendl hat Angst, dass es ihrer Gruppe eines Tages ähnlich ergeht. "Mein Hauptanliegen ist es, dass genau das nicht geschieht. Dass sich junge Frauen treffen und sprechen können." Denn aus einem persönlichen Gespräch lasse sich viel mehr herausziehen, als aus einem Internetbeitrag.

2010 gegründet

Dem persönlichen Gespräch misst auch Hedwig Schnappauf eine hohe Bedeutung bei, über mangelnden Zuspruch will sie sich jedoch nicht beschweren. Zwölf Mitglieder im Alter zwischen 40 und 70 hat ihre Teuschnitzer Selbsthilfegruppe für Frauen mit einer Krebserkrankung derzeit. 2010 gründete die 60-Jährige "Prognose Hoffnung" zusammen mit einer bereits verstorbenen Bekannten. Aus sechs Frauen wurden schnell mehr. "Die vorherigen Angebote waren ja immer so auf Kronach zentriert", sagt Schnappauf. "Da fand ich es wichtig, dass wir auch im nördlichen Landkreis mal etwas gemacht haben."

Größer als zwölf Mitglieder würde sie sich für ihre Gruppe gar nicht wünschen. Bei mehr als 15 oder 16 würde ich die Gruppe halbieren. "Ich finde es nämlich wichtig, dass man auch etwas mitnimmt, und das kann man nicht, wenn es so viele sind", meint Schnappauf, die "Prognose Hoffnung" derzeit zusammen mit Maria Fehn und Martina Förtsch leitet.

Wichtige Säule

Ganz wichtig sei das Zuhören, findet die 60-Jährige: "Wir sitzen an einem Tisch und haben ja alle die gleiche Basis." Über Vieles müsse daher gar nicht erst geredet werden, weil jede wisse, dass ihr Gegenüber genau dasselbe durchgemacht habe. "Dadurch entsteht schon so etwas wie kleine Seelenverwandtschaften." Selbsthilfegruppen seien eine wichtige Säule in der Krankheitsbewältigung und auch in der Gesundung, so Schnappauf. "Wer den Schritt in die Gruppe wagt, dem geht es irgendwie besser."

Wo betroffene Hilfe finden:

Anlaufstellen Wer als Frau mit einer Krebserkrankung nicht alleine umgehen möchte, hat im Landkreis diese Anlaufstellen: Franca Die "Frauen nach Carcinom" (Franca) treffen sich jeden zweiten Dienstag im Monat (außer im August) um 19.30 Uhr im Caritashaus in Kronach (Adolf-Kolping-Str. 18). Leiterin Christine Kiendl bietet zudem eine telefonische Beratung an (09261/ 93 952).

Prognose Hoffnung Die von Hedwig Schnappauf, Maria Fehn und Martina Förtsch geleitete Selbsthilfegruppe "Prognose Hoffnung" trifft sich jeden ersten Donnerstag im Monat um 16 Uhr im Gemeinschaftsraum des Caritasprojektes "In der Heimat wohnen" in Teuschnitz (Hauptstraße 36).

Gemeinsam gegen Krebs

Der gemeinnützige Verein "Gemeinsam gegen Krebs" richtet sich nicht nur an Frauen. Seine Aufgaben sieht er in der Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens und insbesondere darin, die ambulante Betreuung von krebskranken Menschen zu verbessern. Zudem gibt es vielfältige Angebote wie spezielle Sportgruppen. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage www.ggkev.de, per Mail (Info@ggkev.de) oder telefonisch: 0171/465 23 88. red

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