Kronach
Wanderserie

Bundespräsident Karl Carstens wanderte 1984 im Kreis Kronach

Der damalige Bundespräsident Karl Carstens war im Juni 1984 im Frankenwald. Mit Tausenden von Menschen absolvierte er eine 23 Kilometer lange Strecke.
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Nach der Landung des Hubschraubers an der Thüringer Warte. Das Bild zeigt (von links) den damaligen Bayerischen Innenminister Karl Hillermeier, Bundespräsident Karl Carstens, Regierungspräsident Wolfgang Winkler, Korrespondent Manfred Präcklein von dpa, Landrat Heinz Köhler und Ludwigsstadts Bürgermeister Gert Bayerlein.      Foto: Kreisdokumentationsstelle
Nach der Landung des Hubschraubers an der Thüringer Warte. Das Bild zeigt (von links) den damaligen Bayerischen Innenminister Karl Hillermeier, Bundespräsident Karl Carstens, Regierungspräsident Wolfgang Winkler, Korrespondent Manfred Präcklein von dpa, Landrat Heinz Köhler und Ludwigsstadts Bürgermeister Gert Bayerlein. Foto: Kreisdokumentationsstelle
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Auf den bestens markierten Wanderwegen des Frankenwaldes sind täglich Hunderte von Menschen unterwegs, die die herrliche Natur genießen. Einer der wohl prominentesten Wanderer war Anfang Juni 1984 Bundespräsident Karl Carstens.

Der CDU-Politiker absolvierte die 23 Kilometer lange Strecke zwischen Tettau, Kehlbach, Steinbach am Wald und Ludwigsstadt zusammen mit Tausenden von Mitwanderern. Viele davon folgten ihm nur eine kurze Strecke, dann waren sie außer Puste, denn Karl Carstens und seine Frau Veronica gaben ein atemberaubendes Tempo vor. Es war ja Wandern angesagt, nicht gemütliches Spazierengehen.

Unzählige Frankenwälder standen an der Strecke und jubelten dem Staatsoberhaupt zu. Carstens stoppte immer wieder kurz, schüttelte Hände, sprach mit den Menschen und lächelte. Das war auch das Ziel seiner Wanderungen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, kein unnahbarer Politiker zu sein.

Die Idee, den wandernden Bundespräsidenten in den Frankenwald einzuladen, hatte der damalige CSU-Bundestagsabgeordnete Otto Regenspurger. "Foto-Otto", wie der Abgeordnete ironisch genannt wurde, weil er es verstand, sich aufs Bild zu mogeln wie kein anderer, scherzte bei der Ankunft des Bundespräsidenten an der Thüringer Warte bei Lauenstein, im Kreis Kronach seien viele Autos mit den Initialen "KC" des Staatsoberhaupts unterwegs.

Karl Carstens absolvierte rund um den Rennsteig seine 61. und offiziell letzte Wanderung als Bundespräsident. "Das Beste kommt zum Schluss", meinte ein bestens aufgelegter Bundespräsident mit einem Lächeln. Mit den Touren durch Deutschland konnte er das Angenehme mit dem Nützlichen, sein Hobby, das Wandern, mit dem Kontakt zur Bevölkerung verbinden.

Sportlicher Politiker

60 Etappen hatte Carstens bereits vor der Visite im Frankenwald zurückgelegt, eine folgte noch nach Ende seiner Amtszeit, denn die Tour durch den Spessart hatte er wegen Krankheit verschieben müssen. Als Wanderer faszinierte ihn natürlich der legendäre Rennsteig. Das verriet er beim Interview auf der Strecke. Doch dem westdeutschen Staatsoberhaupt verbot es sich, in der ehemaligen DDR auf Tour zu gehen.

Der Rennsteig führt von Hörschel bis Blankenstein, damals fast ausschließlich über DDR-Terrain. Ein kleines Stück im nördlichen Kreis Kronach war auf westdeutschem Gebiet, zu kurz für einen begeisterten Wanderer vom Schlage Carstens. Also wurde auch ein bisschen vom Rennsteig abgewichen, um eine ordentliche Kilometeranzahl hinzubekommen. 23 Kilometer waren es dann, für die meisten, die enthusiastisch an der Festhalle Tettau mit Veronica und Karl Carstens gestartet waren, zu viel. Viel zu viel!

Ich als junger Redakteur heftete mich sofort an die Fersen von Karl Carstens, denn ich hatte den Auftrag, wenn möglich ein Interview mit dem Bundespräsidenten zu führen. Eine sehr sportliche Angelegenheit, wie sich herausstellte. Und ich durfte nicht aufgeben, denn es hätte entlang der 23 Kilometer ja noch etwas Unverhofftes passieren können, das mir und unseren Lesern entgangen wäre, hätte ich vorher schlapp gemacht. Es war nicht schwierig, sich durch den Gürtel an Personenschützern zu mogeln. Schließlich sah ich nicht aus wie jemand, der Böses im Schilde führte. Und die Kripo-Leute aus Coburg, die ich bei vielen Presseterminen vorher getroffen hatte, kannten mich ja und konnten dem vielleicht nervös gewordenen Personenschutz Entwarnung geben.

Es waren zwar viele Sicherheitsleute rund um den Bundespräsidenten präsent, aber in Zivil, denn Karl Carstens wollte keine Uniformen bei seinen Wanderungen um sich haben. Einzige Ausnahme: Der Rot-Kreuz-Mann mit einem bleischweren Kasten auf dem Rücken, ein laufender Rettungswagen sozusagen. Aber alle paar Hundert Meter musste der Läufer ausgetauscht werden, denn der Tornister war doch sehr schwer.

Dann hatte ich die Gelegenheit zum Kurz-Interview - während des Laufens. "Darf ich Ihnen für unsere Heimatzeitung ein paar Fragen stellen?", stammelte ich keuchend, denn es ging bergan. "Aber natürlich", antwortete Carstens mit ruhiger Stimme. Die Fragen hatte ich mir aufgeschrieben, aber das Gekritzel in meinem Notizblock, das ich nach den Antworten des Bundespräsidenten hastig aufs Papier gebracht hatte, konnte hinterher keiner mehr lesen. Meine Kollegen spotteten: "Siehste, wir haben Dir schon immer gesagt, schreib leserlicher!" oder "Haste bei Schönschrift gefehlt?" Ich konterte: "Schreib mal, wenn Du im Laufschritt neben dem Präsidenten herrennst!"

Aus dem Gedächtnis

Also war ich auf das Gedächtnisprotokoll angewiesen. Karl Carstens und ich sprachen über seine Wanderleidenschaft. Wann immer es ihm möglich war, zwischen seinen Repräsentationsaufgaben eine Wanderung einzuschieben, tat er das. Und der Rennsteig fehlte noch in seiner Sammlung. Er suchte stets die Begegnung mit den Menschen. Er wollte ein volksnaher Präsident sein. "Ist das nicht herrlich hier?", stellte er eine eher rhetorische Frage. Ich, auch nicht auf den Mund gefallen und immer mit einem flotten Spruch auf den Lippen, konterte mit einem Lächeln: "Ja, der Frankenwald ist wunderbar und wanderbar, wie unsere Tourismusfachleute sagen. Sie sind nur zwei Tage hier, ich mein ganzes Leben."

Der Präsident lachte und meinte, ich sei ein Glückspilz. Was mache er nach dem Ende seiner Amtszeit in wenigen Wochen, fragte ich. Dann werde er wieder Bücher schreiben, denn dazu sei er aufgrund seiner vielfältigen politischen Tätigkeiten in den vergangenen Jahren nicht gekommen, verriet Carstens. Eines davon handelte trägt den Titel "Wanderungen in Deutschland. Von der See zum Alpenrand" (ISBN: 9783512007293). Ein Kapitel ist auch der Tour auf dem Rennsteig gewidmet.

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