Nordhalben
Kino

Bullys besonderes Dankeschön an Nordhalben

Anderthalb Wochen vor dem offiziellen Kinostart ist der Thriller "Ballon" am Samstag in der Nordhalbener Nordwald- halle zu sehen. Regisseur Michael Bully Herbig bedankt sich damit bei einem Drehort, der ihn gleich mehrfach überraschte.
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Aus der verlassenen Bäckerei in Nordhalben machten das Filmteam um Regisseur Michael Bully Herbig eine Apotheke - die im Thriller "Ballon" eine entscheidende Rolle einnehmen wird.  Screenshot: YouTube/STUDIOCANAL Germany
Aus der verlassenen Bäckerei in Nordhalben machten das Filmteam um Regisseur Michael Bully Herbig eine Apotheke - die im Thriller "Ballon" eine entscheidende Rolle einnehmen wird. Screenshot: YouTube/STUDIOCANAL Germany

Alles ist vorbereitet. Die Schauspieler stehen auf ihren Positionen, die Kamera ist eingerichtet und auch der Ton ist so weit. Eigentlich müsste Michael Bully Herbig nur noch jenen Satz sagen, der seinem Team schon seit Tagen als verbaler Startschuss dient: "Achtung, wir drehen! Action! Ton ab!" Doch der Regisseur unterbricht. Noch muss sich der als Stasi-Mann verkleidete Darsteller gedulden, ehe er eine Stoffverkäuferin befragen darf. Denn zu sehen sein wird in der Szene auch ein weiterer Stasi-Mitarbeiter, der rauchend vor dem Laden steht und von der Kamera in der Spiegelung des Schaufensters eingefangen werden soll. "Das Sonnenlicht war gerade perfekt, aber ausgerechnet jetzt fiel mir auf, dass ein Schild mit einbetonierter Eisenstange die schöne Kameraeinstellung kaputtmacht", erinnert sich der Regisseur an die Dreharbeiten.

Ein Anruf genügt

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Einen Großteil der insgesamt 50 Drehtage verbrachte er im vergangenen Oktober mit seinem Filmtross in Nordhalben, um dort den Thriller "Ballon" auf Zelluloid zu bannen (wir berichteten). Sein erstes nichtkomödiantisches Werk.

Von den Bedingungen, die während der Dreharbeiten in der 1700-Einwohner-Gemeinde herrschten, schwärmt Herbig auch knapp ein Jahr später noch: "Wir mussten nur kurz im Rathaus anrufen, und schon hatten wir die Genehmigung, diese Stange wegzuflexen. Ich habe noch nie erlebt, dass eine ganze Stadt samt Bürgermeister so geschlossen hinter einer Filmproduktion steht."

Und das sei nur eines von vielen Beispielen für das Entgegenkommen der Gemeinde gewesen, erklärt er im Rahmen der Werbetour für den Film, der am 27. September ins Kino kommt.

Zurück zur Anlaufstelle

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900 Zuschauer im Kreis Kronach werden ihn allerdings schon deutlich früher zu sehen bekommen. Zusammen mit seinem Hauptdarsteller Friedrich Mücke, der die Rolle des Peter Strelzyk spielt, kehrt Herbig am Samstag nach Nordhalben zurück, um ab 20 Uhr seinen Thriller in der Nordwaldhalle vorzuführen. Nur drei Tage nach der Weltpremiere im Münchner Mathäser Kino.

Unbekannt ist die Nordwaldhalle dabei weder Herbig noch Mücke. Während der Dreharbeiten diente sie dem Filmteam als zentrale Anlaufstelle; als Standort der Büros sowie als Lager für Technik und Requisiten. "Innerhalb von fünf Stunden waren alle Karten ausverkauft", erzählt Nordhalbens Bürgermeister Michael Pöhnlein.

Dabei hat die Gemeinde sogar bewusst auf Werbung verzichtet und den Vorverkaufsbeginn lediglich im örtlichen Amtsblatt angekündigt. "Wir wollten einfach zunächst möglichst vielen Nordhalbenern die Chance auf eine Karte geben. Schließlich ist die Filmvorführung ein Dank von Bully an die Nordhalbener."

Was für Pöhnlein als Höhepunkt am Samstag in der Nordwaldhalle endet, begann im Mai 2017 mit einem Anruf - den er zunächst nicht wirklich ernst nahm. "Als Bürgermeister bekommt man ja viele Anrufe. Als ich dann hörte: ,Hallo, hier ist Bully Herbig‘, dachte ich natürlich erst an einen Scherzanruf", sagt Pöhnlein. "Als er sagte, dass er es wirklich sei, habe ich ihn zu einem Besuch vor Ort eingeladen und dann haben wir es in einem kurzen Gespräch gleich wasserdicht gemacht."

Ein Handschlag, der Nordhalben einen Monat lang zur thüringischen Stadt Pößneck machte. Die Heimatstadt der Familien Strelzyk und Wetzel, die dort in einem Keller den damals größten Heißluftballon Europas bauten, der sie mit dem Wind in Richtung Westen über die Mauer wehte und schließlich in Naila (Landkreis Hof) landen ließ.

Mehrere Pluspunkte

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Doch warum eigentlich Nordhalben und nicht gleich Pößneck? Immerhin zogen Günter und Doris Strelzyk wenige Jahre nach der Wiedervereinigung wieder in das Haus zurück, in dem sie ihre Flucht planten und Stoffbahn an Stoffbahn nähten. "Pößneck hat einen sehr schönen, gut restaurierten Stadtkern", erklärt Szenenbildner Bernd Lepel. Gut für Pößneck, schlecht für den Film. Das Jahr 1979 finde sich in der Stadt daher nämlich weder in den Straßen noch in den Häusern wieder.

Bei der Suche nach Alternativen stieß er auf die Dokumentation "Heimat zu verkaufen", die erstmals vor zwei Jahren im BR-Fernsehen zu sehen war - und in der Nordhalben thematisiert wurde. "Die schiefergedeckten Häuser wurden dort im gleichen Stil gebaut wie im benachbarten Thüringen", sagt Lepel. Ein weiterer Vorteil seien die Leerstände gewesen. So habe das Filmteam nicht nur Außen-, sondern auch Innenaufnahmen machen können. Die Bäckerei wurde zur Apotheke, die Volksbank zur Sparkasse der DDR und andere verwaiste Geschäfte zu Textilläden. "Wir haben ganze Straßenzüge verändert, wie wir es sonst oft nur bei Kulissenstraßen auf den Studiogeländen in Babelsberg oder den Bavaria-Ateliers machen", erzählt Lepel.

Das sei auch ein Kostenfaktor. Wie teuer es werden kann, eine authentische Kulisse zu erhalten, zeigen die Dreharbeiten der Serie "Babylon Berlin". Zwölf Millionen Euro nahmen die Produzenten in die Hand, um eine Straße zu erhalten, die optisch ins Berlin der 1920er Jahre passt. Die Lösung Nordhalben war da schon deutlich billiger. "Ja, das war für uns alle schon eine Win-win-Situation", freut sich Michael Pöhnlein.

Handyverbot Wer sein Handy oder Smartphone am Samstag in der Nordwaldhalle während der Filmvorführung anlässt, lebt gefährlich. Um zu verhindern, dass vor dem offiziellen Kinostart Filmszenen im Netz zu sehen sind oder Raubkopien entstehen, herrscht während der 120 Minuten ein absolutes Handyverbot. "Es ist sogar eine Sicherheitsfirma dabei, die mit einem technischen Gerät feststellen kann, ob noch ein Handy eingeschaltet ist", weiß Nordhalbens Bürgermeister Michael Pöhnlein. Sein Rat: "Am besten nimmt man erst gar keins mit!"

Inhalt Sommer 1979 in Thüringen: Die Familien Strelzyk und Wetzel haben über zwei Jahre hinweg einen waghalsigen Plan geschmiedet. Sie wollen mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR fliehen. Doch der Ballon stürzt kurz vor der westdeutschen Grenze ab. Die Stasi findet Spuren des Fluchtversuchs und nimmt sofort die Ermittlungen auf, während die beiden Familien sich gezwungen sehen, unter großem Zeitdruck einen neuen Ballon für einen zweiten Fluchtversucht zu bauen. Denn mit jedem Tag ist ihnen die Stasi dichter auf den Fersen.

Buch und Film Ihre Aufsehen erregende Flucht beschrieben die Strelzyks in einem Buch. Erstmals in die Kinos kam die Geschichte bereits 1982, als sie der amerikanische Disney Konzern unter dem Titel "Mit dem Wind nach Westen" verfilmte. Mehr als zwei Jahre dauerte es, ehe Michael Bully Herbig von den Amerikanern die deutschsprachigen Remake-Rechte bekam. Darsteller In "Ballon" spielen unter anderem mit: Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, Alicia von Rittberg und Thomas Kretschmann.



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