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BRK: Kronacher Wachleiter bemängelt fehlenden Respekt gegenüber Rettungskräften

Nur mit Mühe konnte ein 38-jähriger Kronacher zuletzt an einem Unfallort daran gehindert werden, auf einen Ersthelfer loszugehen. Was für die Polizei noch eine eher ungewohnte Situation ist, ist für Rettungskräfte längst keine Seltenheit mehr.
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Wenn Einsatzkräfte mit ihren Fahrzeugen die Straße blockieren, stößt das bei Autofahrern immer öfter auf Unverständnis. Symbolbild: Helmut Dietz
Wenn Einsatzkräfte mit ihren Fahrzeugen die Straße blockieren, stößt das bei Autofahrern immer öfter auf Unverständnis. Symbolbild: Helmut Dietz

Damit hatten die Polizisten nicht gerechnet. Einen Verkehrsunfall mit drei Verletzten auf der B 85 zwischen Stockheim und Haßlach hatte der Funkspruch vergangenen Freitagabend angekündigt. Doch anstatt routiniert den Unfall aufzunehmen, waren die Beamten zunächst als Streitschlichter gefragt - allerdings nicht zwischen den am Unfall beteiligten Personen.

Ärger machte ein 38 Jahre alter Kronacher. Nur umherstehende Passanten hätten ihn davon abhalten können, auf einen der Ersthelfer loszugehen, erzählt Gerhard Anders, Pressesprecher der Polizeiinspektion Kronach: "Er war emotional sehr aufgebracht und hat sich aggressiv verhalten. Vielleicht aufgrund der leichten Verletzung seines Sohnes." Der war nämlich als Beifahrer in den schweren Auffahrunfall verwickelt, der sich kurz zuvor ereignet hatte (wir berichteten). Eine 32-jährige Frau fuhr gegen 21.30 Uhr mit ihrem Renault so heftig auf einen Hyundai auf, dass beide Wagen von der Fahrbahn geschleudert wurden.

Anzeige wegen Beleidigung

Die Unfallverursacherin, bei der später 2,06 Promille festgestellt wurden, zog sich dabei eine Oberarmprellung zu. Der 22-jährige Hyundai-Fahrer musste mit Nackenschmerzen, sein ein Jahr jüngerer Beifahrer mit Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen in die Helios-Frankenwaldklinik gebracht werden.

Sicher eine emotionale Ausnahmesituation. Auch für Angehörige. Ob das auch der Grund war, weshalb der 38-Jährige die Beherrschung verlor? "Ich weiß noch nicht, ob er sich dazu äußern möchte, warum er so ausgetickt ist", sagt Anders, denn noch sei der Mann nicht vernommen worden. Gegen ihn wird nun in zwei Fällen wegen Beleidigung ermittelt. Denn nachdem er den Ersthelfer beschimpft hatte, bekamen auch die Beamten verbal die Wut des Kronachers ab, der diese als "Idioten" und "blöde Polizei" bezeichnet haben soll.

Als der 38-Jährige seinem Sohn ins Krankenhaus nachfuhr, traf er erneut auf die Polizisten, die dort auf die Blutabnahme der alkoholisierten Unfallverursacherin warteten. "Da wollte er sich dann zwar entschuldigen, aber was sich am Unfallort im Beisein von anderen abgespielt hat, war sehr unschön. Deswegen muss er jetzt auch mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung rechnen", so Anders. Im Regelfall laufe das auf eine Geldstrafe hinaus, die sich nach dem Einkommen richtet.

Dass sich jemand am Unfallort im Ton vergreift und die Beherrschung verliert, komme aber nur gelegentlich vor. "Nachdem wir im Kreis Kronach vor allem eine eher ländliche Bevölkerung haben, können wir keinen Vergleich zur Großstadt ziehen, in der der Respekt vor der Polizei vielleicht etwas geringer ist", sagt der Kronacher Polizei-Pressesprecher. "Bei uns ist es schon eher so, dass man der Polizei gegenüber noch wohlgesonnen ist."

Wenn die Akzeptanz fehlt

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Andreas Kristek. Der Wachleiter der Kronacher BRK-Rettungswache hat allerdings auch eine Art Altersgefälle erkannt. "Gerade ältere Leute akzeptieren uns Rettungskräfte", erzählt er. "Es ist dann eher die Jugend, die die Akzeptanz nicht mehr hat. Das merkt man dann schon."

Vor allem in Kronach, wenn ein Rettungswagen während eines Einsatzes die engen Straßen der Kreisstadt blockiert. "Da kommt es dann schon öfter vor, dass Leute reinkommen und sich darüber beschweren, dass sie mit ihrem Auto nicht mehr durchkommen."

In solchen Situationen gelte es ruhig zu bleiben und zu erklären, gerade nur seiner Arbeit nachzugehen. Denn Priorität habe schließlich der Patienten und nicht, dass der Verkehr zuverlässig rollt. "Es ist ja nicht so, dass wir uns dort mutwillig hinstellen und die Straße blockieren", betont Kristek. "Solange es der Zustand des Patienten zulässt, versuchen wir ja auch, fünf Meter vorzufahren oder uns in eine Einbuchtung zu stellen. Aber manchmal geht es halt nicht anders."

Leicht falle es aber nicht immer, besonnen zu reagieren, wenn gerade ein verärgerter Autofahrer in den Rettungseinsatz platzt. Fünf sogenannte Resonanz-Coaches gibt es für die 70 hauptamtlichen Mitarbeiter inzwischen in der Kronacher Wache. Sie helfen nach einer Eskalation dabei, sich zukünftig ruhiger zu verhalten und geben Tipps, wie man deeskalierend einwirken kann. Anderthalb Jahre dauert die externe Ausbildung. "Meistens kommen die Mitarbeiter mit ihren Problemen zur Rettungsdienstleitung. Wir vermitteln sie dann an einen der Coaches und nehmen sie aus dem Dienstplan", erklärt Andreas Kristek. "Denn das wichtigste Gut sind unsere Mitarbeiter."

Vielleicht sei der verloren gegangene Respekt auch ein Symbol der Zeit, vermutet der BRK-Wachleiter. "Wir als Rot-Kreuzler gehören für manche zum System. Und wenn sie etwas gegen das System haben, haben sie automatisch auch etwas gegen uns."

Kommentar von Marian Hamacher: Geht's noch?

Nicht nur in den sozialen Netzwerken ist der Umgangston längst rauer geworden - und die Zündschnur gleichzeitig deutlich kürzer. Dass es für Rettungskräfte inzwischen tatsächlich fast zum Alltag gehört, sich beschimpfen lassen zu müssen, weil sie schlichtweg ihrer Arbeit nachgehen, ist ebenso schwer nachvollziehbar wie beängstigend.

Natürlich könnten die Sanitäter noch ein paar zusätzliche Minuten aufwenden, um nach einer günstigen Parkgelegenheit zu suchen. Gut, dann ist der Patient vielleicht schon tot, aber hey: Immerhin fließt der Verkehr flüssig. Ja, geht's noch?

Dabei wäre es ein Leichtes, sich vorzustellen, selbst einmal schnelle medizinische Hilfe zu brauchen. Mit dem Umdrehen des Zündschlüssels scheinen manche diese Fähigkeit allerdings zu verlieren.

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