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Berufsschule

Berufsschulen in Kronach und Lichtenfels werden zu Produktionsstätten

Die beiden Berufsschulen Kronach und Lichtenfels, die Landkreise und mehrere Firmen ziehen an einem Strang, um den Schülern ein vernetztes Arbeiten zu ermöglichen. Das Projekt wird bei einem Kongress in Nürnberg präsentiert.
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Das "Netzwerk Wissen" bündelt die verschiedensten Ausbildungszweige. Vorlage: Lorenz-Kaim-Schule Kronach/Montage: Dagmar Klumb
Das "Netzwerk Wissen" bündelt die verschiedensten Ausbildungszweige. Vorlage: Lorenz-Kaim-Schule Kronach/Montage: Dagmar Klumb

Ein Greifarm nimmt die weiße Dose auf, holt sie vom Band. Die Büchse wurde gerade mit Drops befüllt und mit einem individuell bedruckten Deckel verschlossen. Noch lassen sich die Pfefferminz-Bonbons nicht genießen. Das Döschen samt Inhalt läuft bisher nämlich nur virtuell durch die Anlage. Doch bald soll die Produktion starten; nicht etwa bei Storck, Haribo oder Trolli für den Weltmarkt, sondern im kleinen, aber realitätsnahen Rahmen an den Berufsschulen Kronach und Lichtenfels.

"Wir verbinden unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichen Firmen, die ihre Auszubildenden an unterschiedlichen Berufsschulen unterrichten lassen", erklärt der Kronacher Schulleiter Rudolf Schirmer ein Kronach-Lichtenfelser Projekt, das weit über die heimische Region hinaus für Aufsehen sorgt. Am Mittwoch werden die Vertreter der beiden Bildungsstätten aus den Nachbarlandkreisen mit ihren Schülern am Berufsbildungskongress in Nürnberg teilnehmen - nicht als Zuhörer, sondern als Referenten.

"Es ist einmalig, dass die beiden Schulen und die beiden Landkreise zusammenarbeiten", geht Schirmer auf das Leuchtturmprojekt ein, welches das Schlagwort "Industrie 4.0" für die Berufsschüler greifbar machen soll.

"Bei der ,Industrie 4.0‘ ist es so, dass man eine geschlossene Produktkette hat. Dabei kommunizieren Bauteile mit Maschinen und umgekehrt", erklärt der Lichtenfelser Schulleiter Hans-Jürgen Lichy. "Das müssen aber auch die Menschen tun, die dahinter stehen." Was für die Praxis in den Unternehmen gelte, müsse sich in der Ausbildung widerspiegeln.

Alle Aspekte kennen lernen

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Ein Beispiel: Ein Kaufmann soll nicht einfach die billigste Maschine für seine Firma ordern, sondern er muss vor der Entscheidung auf Augenhöhe, zum Beispiel mit dem Mechatroniker, über die Anforderungen an das Gerät sprechen. Dafür muss er mehr als nur die Kosten einer Maschine kennen, er muss Einblick in die Produktionsabläufe haben. In solchen Fällen ersetzt in Fachkreisen langsam die Bezeichnung "Wissender" die Begriffe "Fachkraft" oder "Spezialist".

"Das ist gar nicht so verkehrt", beurteilt der stellvertretende Kronacher Schulleiter Werner Zahner diese Entwicklung. Er unterstreicht, wie wichtig das Miteinander aller Beteiligten in einer modernen Produktion ist. "Die Inhalte haben wir schon lange unterrichtet, aber jetzt werden die Beteiligten vernetzt. Wir bringen Berufsgruppen zusammen, um an einem Projekt zu arbeiten."

So werden die verschiedenen Ausbildungszweige in Kronach und Lichtenfels miteinander verknüpft, um die Bonbons maschinell in ihre Döschen zu füllen. "Die Anlage wird Anfang 2019 stehen", nennt Zahner den Stand der Vorbereitungen. Während an der Kronacher Schule die Hardware angedockt wird, betreut die Lichtenfelser Berufsschule den "digitalen Zwilling", quasi ein exaktes Gegenstück der Maschine im Computer. Dort lässt sich vieles testen, ohne die reale Anlage zu beschädigen oder die Produktion zu beeinträchtigen. "Die Software ist absoluter Industriestandard", versichert Zahner.

Sich auf Augenhöhe mit den Ausbildungsbetrieben zu bewegen, ist bei diesem Vorhaben besonders wichtig. Die Firmen bringen sich nämlich nach Kräften mit ein. "Es ist ein Glücksfall, dass wir in der Region so viele Betriebe haben, die ihre Auszubildenden in Kronach und Lichtenfels beschulen", unterstreicht Lichy. So können die Azubis "voneinander lernen und über den Tellerrand hinausschauen".

Sicht einer Schülerin

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Tamara Wachter (20) ist schon jetzt begeistert vom "Netzwerk Wissen". Die angehende Industriekauffrau - sie ist im dritten Lehrjahr - ist fasziniert von den Einblicken, die sie in eine völlig fremde Materie sammeln konnte. "Ein Roboterarm, das waren zunächst böhmische Dörfer", erzählt sie. "Bei W.O.M. stellen wir ja Medizingeräte her."

Dank Stippvisiten an die Lichtenfelser Berufsschule und zur Firma Hofmann hat sie die Entwicklung des Roboters hautnah erleben können. Außerdem werden Infos virtuell über eine Cloud ausgetauscht. So konnte sie sich einen viel besseres Eindruck für die Kalkulation des Projekts machen.

Fachmann sieht mögliche Impulse

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Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile - der Slogan, der im ersten Moment wie ein abgedroschener Ausspruch wirkt, hat als Leitsatz für das Projekt der beiden Berufsschulen Kronach und Lichtenfels eine große Bedeutung. Nicht umsonst ist dort die Rede vom "Netzwerk Wissen".

Die beiden Bildungseinrichtungen haben erkannt, dass sie zusammen mehr erreichen können als jede für sich. Gemeinsam haben die Schulen nämlich das notwendige Portfolio an Kernkompetenzen um einen Prozess im Bereich "Industrie 4.0/Wirtschaft 4.0" auf die Beine zu stellen. Und zum Netzwerk gehören auch mehrere Betriebe wie M.A.i (Kronach) oder Hofmann (Lichtenfels) sowie die beiden Landkreise. "Ihnen ist die berufliche Bildung so viel wert, dass sie uns über das, was sie müssen, hinaus unterstützen", zollt Schulleiter Rudolf Schirmer den Kreisen Anerkennung.

Diesen Respekt teilt Karl Wilbers von der Universität Erlangen-Nürnberg. Er wird den heimischen Berufsschülern bei ihrem Workshop beim Berufsbildungskongress mit einem Impulsreferat zum Thema "Berufsbildung 4.0: Berufsbildung im Zeitalter der großen Digitalisierung" zur Seite stehen.

"Das Zusammenwirken der beiden Berufsschulen ist ungewöhnlich und neuartig. Es kann im Zusammenspiel mit weiteren Unternehmen der Entwicklung des regionalen Wirtschaftsraums wichtige Impulse geben", erklärt Wilbers auf unsere Anfrage, was das Besondere an der Kooperation zwischen Kronach und Lichtenfels ist. Industrie 4.0 bedeute den Umbruch industrieller Prozesse. Es gehe aber über die Industrie im engeren Sinne hinaus. "Industrie 4.0 ist für den ländlichen Raum Chance und Risiko zugleich", so Wilbers. Und eine größere regionale Innovation könne nur dann erfolgreich sein, wenn Unternehmen, berufliche Schulen, aber auch die Kammern, die Kommunen, die Regierung und das Ministerium an einem Strang ziehen.

So sieht das auch der Kronacher Landrat Klaus Löffler (CSU). Deshalb stellt er sich hinter die kreisüberschreitende Zusammenarbeit: "Die Bezeichnung ,Industrie 4.0‘ steht für wichtige Weichenstellungen im Interesse der Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft. Dass wir im Bereich der beruflichen Bildung jetzt mit unserem Nachbarlandkreis Lichtenfels richtungsweisende Maßnahmen ergreifen, ist ein starkes Zeichen dafür, dass wir gemeinsam auf die Zukunft unserer Heimatregion setzen."

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