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Seibelsdorf
Mauerfall

Ballon stiftet eine lange Freundschaft

1988 brachte ein Luftballon die Familien Götz aus Seibelsdorf und Seitz aus Pfaffengrün bei Plauen zusammen. Ein Jahr später sahen sie sich zum ersten Mal.
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Sie feiern ihre über 30-jährige "Ballonfreundschaft" in Seibelsdorf. Das Ehepaar Seitz (ganz links) und das Ehepaar Götz (Mitte) freuen sich über das Wiedersehen. Mit im Bild die beiden Schwestern Katja und Nina mit ihren Kindern Emil (vier Jahre) und Sarah (zwei Jahre). Maria Löffler; Illustration: arkadiwna, adobe stock
Sie feiern ihre über 30-jährige "Ballonfreundschaft" in Seibelsdorf. Das Ehepaar Seitz (ganz links) und das Ehepaar Götz (Mitte) freuen sich über das Wiedersehen. Mit im Bild die beiden Schwestern Katja und Nina mit ihren Kindern Emil (vier Jahre) und Sarah (zwei Jahre). Maria Löffler; Illustration: arkadiwna, adobe stock
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Zwei Familien feiern eine Freundschaft, die die Mauer, die Ost und West trennte, nicht verhindern konnte. Begonnen hat alles vor über 30 Jahren mit einem damals vier Jahre alten Mädchen und einem bunten Luftballon.

Im Sommer 1988 besucht die kleine Nina Götz aus Seibelsdorf den Unterrodacher Kindergarten. Sie freut sich auf das Kinder- und Wiesenfest, das in Kürze stattfinden wird. Geplant ist dabei auch ein Luftballonwettbewerb, der ermitteln soll, welcher der Ballons die weiteste Strecke zurücklegt. Aus diesem Grund hängen die Kinder ein Schild mit Namen und Adresse an den Ballon und der Bitte, dass der Finder sich melden möge.

Etwa 100 Kilometer Luftlinie von Unterrodach entfernt, in einem kleinen Ort namens Pfaffengrün bei Plauen, zieht Renate Seitz in ihrer Gärtnerei gerade das Unkraut aus dem Beet mit den Stiefmütterchen. Sie weiß nichts von einem Kinder- und Wiesenfest und schon gar nichts von einem Ballonwettbewerb. Mittlerweile sind ein paar Wochen vergangen und der Ballon ist längst zu einem kleinen Stück bunten Gummis verschrumpelt. Der Zettel, der daran befestigt war, ist von Wind und Wetter gezeichnet und schon fast unleserlich geworden. Aber das Schicksal meinte es gut und die wichtigsten Daten waren noch lesbar.

Warten auf eine Nachricht

"Das war eine Aufregung, die kann sich keiner vorstellen. Als ich begriffen hatte, dass der Ballon aus dem Westen kam, war ich völlig aus dem Häuschen. Dann habe ich alles meinem Mann Armin erzählt, wir haben den Zettel in einen Umschlag gesteckt, ihn adressiert und an die angegebene Adresse geschickt. Dann konnten wir nur noch warten, ob überhaupt etwas passiert."

Nicht viel kleiner war die Überraschung auf der Westseite der Mauer. Mutter Andrea Götz erinnert sich: "Wir hatten niemals damit gerechnet, dass sich jemand melden würde. Schon gar nicht aus dem Osten." Und was sich daraus entwickelte, ist eine Freundschaft, die bis heute gehalten hat. Gut erinnern sich die beiden Ehepaare noch an den ersten Besuch im Jahr 1989, direkt nach dem Mauerfall. Telefoniert hatten sie nämlich schon das eine oder andere Mal, wenn auch unter "erschwerten Bedingungen." "Aber wenigstens hielten wir Kontakt und wir wollten Familie Götz gerne zu uns in den Osten einladen, hatten schon geplant, aber dann fiel die Grenze und alles war plötzlich ganz anders", erzählt Armin Seitz.

"Ich erinnere mich noch gut: Am Donnerstag wurde die Grenze geöffnet, am Freitag haben wir im Rathaus ein Visum für die Einreise nach Westdeutschland beantragt und am Samstagfrüh gegen sechs Uhr sind wir mit unserem Einser-Golf Richtung Westen gestartet." "Aber vorher habe ich noch ein paar Kleinigkeiten aus dem Kaufhaus besorgt für die Kinder", erzählt Renate Seitz und meint damit die kleine Nina und ihre Schwester Katja.

Die Fahrt, die eigentlich nur etwa zwei Stunden hätte dauern sollen, erwies sich als Odyssee in eine völlig neue Welt: "Ich habe das erste Mal im Leben in einem Stau gestanden und das war aufregend." Was für einen "Wessi" wie ein Albtraum klingen mag, war für das Ehepaar Seitz ein unvergessliches Erlebnis. "Menschen haben uns eine Dose Ananas ins Auto gereicht und Schokolade auf das Dach gelegt. Es war so ergreifend..."

Die Tränen, die in den Augen von Renate Seitz schimmern, lassen erahnen, wie groß die Rührung und die Dankbarkeit damals gewesen sein mochte. "Und wir haben das erste Mal in unserem Leben einen Gleitschirm gesehen." Dabei zeigt sie auf das Fenster der Familie Götz in Seibelsdorf, von dem aus man die Radspitze erahnen kann.

Nach all den Eindrücken, die sie auf der Fahrt in den Westen mitgenommen hatten, freuten sich die beiden, endlich in Seibelsdorf angekommen zu sein und voller Vorfreude klingelten sie bei Familie Götz, die schon damals eine Bäckerei betrieb. "Ich habe meinen Nachmittagsschlaf gehalten und meine Frau machte einen Krankenbesuch," erinnert sich der Bäckermeister. "Klingel und Telefon waren ausgeschaltet, damit ich meine Ruhe hatte, ich habe also nichts bemerkt."

Spontan Schlafzimmer geräumt

Untergekommen seien Renate und Armin dann erst einmal bei einem Nachbarn, der ihnen freudig eine Tasse Kaffee spendiert habe. "Als ich nach Hause gekommen bin, fiel ich aus allen Wolken, als unser Nachbar mit den beiden erschien," erinnert sich Andrea Götz. Sie war es auch, die spontan das eheliche Schlafzimmer räumte, damit Familie Seitz in Seibelsdorf übernachten konnte. "Wir wollten sie nicht mehr fahren lassen. Es war spät und wir hatten uns sehr viel zu erzählen."

Warum Armin Seitz trotz der freundlichen Aufnahme geradezu auf "Kohlen gesessen" habe, erzählt er im Anschluss und muss dabei schmunzeln. Wir hatten ja die Gärtnerei, die in unserem Privatbesitz war. Meine Frau hatte sie von ihren Eltern geerbt. Das hieß aber auch, dass wir uns um alles selbst kümmern mussten, auch darum, dass geheizt wurde, damit die Pflanzen keinen Frost abbekommen. Weil wir aber abends dann doch nicht zu Hause waren und keine Kohlen nachgelegt haben, ist uns einiges tatsächlich erfroren. Aber das war uns dieser Besuch wert."

Mit glänzenden Augen erzählen die vier dann auch von einem Begrüßungsfest in Wallenfels, das sie am nächsten Tag noch besucht hätten und von den "Wundern", die es im Westen gab. "Ich hatte noch nie so viele Sägewerke auf einen Haufen gesehen", gesteht Armin Seitz und Andrea Götz erinnert sich daran, "wie die beiden unsere neue Treppe bewundert haben." Mittlerweile müsse man kaum noch staunen, denn alles sei längst zur Normalität geworden. Geblieben allerdings ist diese Freundschaft. "Und egal was passiert, die nimmt uns niemand mehr."

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